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Mit den Augen der GUS-Auswanderer gesehen: Die Akteure über uns Wladimir Kunow Übersetzer Alexander Sauter
Die ganze Welt ist eine Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler darin. William Shakespeare |
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Es herrscht die geteilte Auffassung, wonach der Schauspieler ein abhängiger Mensch ist. Doch dem ist nicht immer so, es ist ganz unterschiedlich. Länder und Völker werden ebenfalls von Schauspielern gelenkt. Wie auf der lokalen, so auch auf der globalen politischen Theaterbühne schaffen nur die wenigsten – die Sterne – den Durchbruch in die Hauptrollen. Aber wieso eigentlich nur Politiker? In jedem beliebigen öffentlichen Beruf, vom Kindergartenerzieher bis zum Haustürverkäufer, muss man schauspielern können. Für Politiker jedoch ist diese Fähigkeit von ureigenster Bedeutung. Diese spezielle Besonderheit des Berufes war auch in der antiken Welt bereits bekannt, und so übte sich die gesamte damalige Elite in der Kunst der Rhetorik. Gerüchte über den berühmtesten Schauspieler des Alten Rom sind bis auf unsere Zeit überkommen. Es handelt sich um Nero (lat. Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus) – Tribun, Konsul, Pontifex Maximus, Kaiser, Pater Patriae (Vater des Vaterlandes). Alle seine Titel wurden ihm mit dem Rechte des Sohnes einer großen Mutter und als Nachkomme einer großen Cäsarenfamilie verliehen. Doch wenn man etwas ohne eigene Anstrengung bekommt, dann weiß man es nicht zu schätzen. Nero wollte singen, Gedichte verfassen und an Dichterwettstreits teilnehmen, aus denen er selbstverständlich immer als Sieger hervorging. Doch all dies spielte sich auf den Treffen der höheren Elitekreise ab, der Kaiser wünschte sich aber, dass sein schöpferisches Talent auch von den breiten Volksschichten anerkennt werde. Das Fernsehen wurde erst zwei Jahrtausende später erfunden, doch auch Nero verschmähte bereits Auftritte in großen Arenen nicht, die im Rahmen von Festivals abgehalten wurden. Darüber hinaus organisierte er besondere Veranstaltungen für die Elite, bei denen er virtuos mit seinen Gegnern – Lehrer, Freunde, Verwandte sowie die eigenen Familienmitglieder – fertig wurde (nicht weniger kunstfertig wurde 20 Jahrhunderte später ein anderer Diktator mit seinen Genossen fertig: Stalin). Als dann schließlich einer der unzähligen Umstürze in der Geschichte der Menschheit seinen Lauf nahm und dem Künstler klar wurde, dass er seine letzte Szene spielt, da sprach er immer wieder: „Welch ein Künstler geht in mir zugrunde (lat. Qualis artifex pereo)!“. Und diese Worte sind uns dank seines Sklaven erhalten geblieben. Auch im 20-21 Jahrhundert kann es die Karriere fördern, in einer erfolgreichen Familie geboren zu werden, aber das allein genügt noch nicht. Heutzutage ist dies auch gar nicht mehr so notwendig. Alle Politiker ohne Ausnahme wissen allerdings um die Notwendigkeit, kommunikativ und kunstfertig zu sein und die Sympathien des Wählervolkes auf sich vereinen zu können. Das wissen alle, es ist keine Neuentdeckung Amerikas. Apropos Amerika. Auch Franklin Roosevelt war sich der Notwendigkeit dieser Eigenschaften bewusst, als er seine politische Karriere begann. Als Kind ging auf aristokratische Schulen und studierte später in einer aristokratischen Universität, wo den Studierenden beigebracht wurde, sich aristokratisch zu fühlen und im Gespräche mit dem „Plebejer-Fußvolk“ seinem Gegenüber nicht in die Augen, sondern über ihn hinweg zu blicken. Ein solches Auftreten ruft beim Gesprächspartner natürlich keine Sympathien hervor, und darum war Roosevelt gezwungen, mit Nachdruck zu üben, um die Spuren, die seine Erziehung hinterlassen hatte, zu glätten. Offensichtlich ist es ihm gelungen, denn ansonsten wäre er nicht zum Präsidenten der USA gewählt worden, und das auch noch vier Mal. Nur wenig später wurde die amerikanische Politik von professionellen Schauspielern überflutet. Der bekanntest unter ihnen ist Ronald Reagan. Er begann als Sportkommentator und war danach lange Zeit als Filmschauspieler tätig, doch keine einzige seiner Rollen hat Reagan bekannt gemacht. Sein Einsatz in der Schauspielergewerkschaft wurde jedoch von seinen Kollegen geschätzt, und so ging er in die Politik. Der ehemalige Filmschauspieler und Gewerkschaftsfunktionär schaffte es, zunächst Gouverneur des Staates Kalifornien zu werden und die Kinofabrik Hollywood zu sich zu holen, danach stieg er zum Präsidenten der USA auf. Seine Mitbürger schätzen seine Amtszeit nach wie vor als durchaus erfolgreich ein. Einem anderen, dem Bodybuilder und Filmschauspieler Arnold Schwarzenegger, ist es gelungen, nicht nur bekannt zu werden, sondern zum Megastar des Films aufzusteigen. Doch das schien ihm zu wenig, und so ist auch er heute Gouverneur im Staate Kalifornien. Seit geraumer Zeit stellt sich Russland ständig den Interessen Amerikas in den Weg. Den Grund dafür weiß niemand, auch die Russen und die Amerikaner selbst verstehen es nicht. Stellt sich entgegen und basta. Der Staat zerfällt, neue Politiker kommen an die Macht, doch die Tradition des Querstellens bleibt bestehen. Russland und die USA – zwei geographische Antipoden – liegen an entgegengesetzten Enden des Planeten. Es ist also gewissermaßen so, als würden sie einer gegenüber dem anderen auf dem Kopf stehen. Offensichtlich ist dies auch der Grund für die Idiosynkrasie der russischen Machthaber gegenüber den Amerikanern. Dass man sich widersetzt, muss jedoch nicht heißen, dass man nicht dennoch nachahmt. Sie ahmen nach. Und wie. Vor 40 Jahren herrschte Leonid Breschnew über Russland. Er herrschte lange. Dann wurde er alt und krank. Im Zeitalter des Fernsehens blieb er aus künstlerisch-darstellerischer Sicht ganz eindeutig hinter seinen Kollegen aus den USA zurück. Aber es gibt ja auch noch andere Arten der kreativen Betätigung. Man kann zum Beispiel Geschichten schreiben. Es gelang ihm recht gut, das Talent war vorhanden. Er bekam die höchste Literaturauszeichnung des Landes verliehen – den Leninpreis. In Russland gibt es noch eine weitere nationale Tradition, nämlich einen Politiker nach dessen Tode zu schelten. Aber auch diejenigen schimpft man gerne, die ihn zu Lebzeiten gelobt haben, die Kriecher und die Speichellecker. Diese wiederum entschuldigen und rechtfertigen sich. Doch einer ließ sich nicht zu Entschuldigungen herab, sondern entgegnete den frischgebackenen Kritikern: „Ich war damals der Meinung, dass die Erzählungen eines Preises würdig sind, und ich bin es auch heute noch. Die Autoren sind auch gut. Ich kenne sie“. Der Chef, der nach Breschnew kam, schrieb Gedichte. Lyrik. Allerdings konnte er sich nicht dazu durchringen, sie zu veröffentlichen. Was nichts daran ändert, dass er eine kreative Persönlichkeit war. Usw. usf. Heutzutage weichen die Führer eines Landes einfach überhaupt nicht mehr von den Fernsehkameras. Ihre ganze Amtszeit ist eine einzige Fernsehserie mit täglich ausgestrahlten, mehrfach wiederholten Folgen. Als personelle Verstärkung treten Minister, Generalgouverneure und Gouverneure auf die Bühne. Alle, die gesamte Filmmannschaft, ist mit den Dreharbeiten beschäftigt. Für alle Fälle wird verkündet, dass nach den Dreharbeiten noch irgendetwas im Geheimen weiterverhandelt wird. Man widmet sich sozusagen den Regierungsgeschäften. Doch das ist eher unwahrscheinlich, dann dafür bleibt einfach keine Zeit. Die Chefs sind damit beschäftigt, ein gutes Bild vor den Objektiven der Fernsehkameras abzugeben, die Führender unter ihnen kriegen keine Anweisungen und regieren somit nicht. So ist es nun mal Brauch. Tatenlos sitzen sie allerdings auch nicht herum, sie finden eine andere Beschäftigung: Schmiergelder entgegennehmen und sie ins Familienbusiness investieren. Das Land lebt ohne Führung. Dafür blüht aber das Theater. Die Handlung spielt sich sowohl in den Opern- als auch in den Schauspielhäusern ab, besonders fesselnd geht es aber in Varietétheatern zu. Nicht so sehr auf der Bühne, sondern vor allem in den Zuschauerreihen. Im Metro und auf der Straße. Alles echt, ohne Narren. Leichen werden weggetragen und Verwundete abgefahren. Die Serien auf den Fernsehbildschirmen laufen weiter. Mai 2010 |
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