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Mit den Augen der GUS-Auswanderer gesehen: Böses Antipatriotisches (Vor dem Fernseher) Wladimir Kunow Übersetzer Alexander Sauter |
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Mit den Augen der
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Ein Mensch, der sein ganzes Leben in seinem Heimatdorf verbracht hat, ist überzeugt: Dieser Ort passt am Besten zu mir, alle anderen sind nichts für mich. Und er hat Recht. Ein russischer Bauer, den man in seinen jungen Jahren als „Kulaken“ ("Faust" - so wurden wohlhabende Bauern bezeichnet – Anm. d. Red.) und als „Feind der Sowjetmacht“ beschimpfte, hat Jahrzehnte im „Erziehungs- und Arbeitslager“ verbracht. Dort wurde er schließlich auch alt. Als dann irgendwo dort in der Ferne, weit vom Lager entfernt, die Machthabenden durch andere abgelöst wurden, bot man ihm die Freiheit an. Er konnte das Lager verlassen; gehen, wohin auch immer es ihn verschlagen würde. Doch im Laufe der Jahre wurde das Lager zu seinem Zuhause. Und nicht nur für ihn allein. Wie sich herausstellte, gab es nicht wenige solcher wie ihn. Sie gingen nicht. Sie wurden vom Aussichtspersonal davongejagt. Dann begannen sie, sich direkt am Lager, gleich hinter der Absperrung, einzurichten. Und als es kälter zu werden begann, war die herzensgute Lageraufsicht schließlich gezwungen, die Alten wieder hereinzulassen. Ich räume ein, dass es schon arg kategorisch und bösartig ist, die Patrioten eines ganzen Landes mit diesen Alten zu vergleichen. Doch solche Vergleiche kommen einem unwillkürlich in den Sinn, wenn man sich die Reden eifriger Patrioten anhört oder durchliest. Und zwar ganz unabhängig von ihrer nationalen Zugehörigkeit. Deutsche, russische, ukrainische, iranische usw. Patrioten halten in verschiedenen Sprachen ein und dieselben Reden. Man könnte von jedem beliebigen dieser Patrioten den Redetext übernehmen, ihn in die benötigte Sprache übersetzen und…Ach ja, die geographischen Orts- und Namensbezeichnungen müsste man auch noch entsprechend umändern. Dann wäre alles fertig. Patrioten haben es heutzutage nicht leicht. Man erschwert ihnen die Kommunikation – versucht, sie zu behindern, zu verderben, zu verbieten…Wobei ich hier nicht einmal vom Internet rede. Um das Internet nutzen zu können, braucht man einen Computer und muss über ein gewisses, wenn auch minimales, Wissen und Können verfügen, wie man damit umzugehen hat. Doch es gibt ja auch noch den Fernseher. Und um damit umzugehen, braucht man überhaupt nichts zu können. Gegen eine nicht all zu hohe Gebühr kann der Volksbastler an seinem Balkon eine Satellitenschüssel anbringen und sie in Richtung Himmel ausrichten. Dort aber gibt es künstliche Satelliten, und nicht nur einen, sondern zwei, drei und eine ganze Reihe weiterer. Und jeder von ihnen überträgt Hunderte von Fernsehkanälen. Sie werden aus allen Ländern und Kontinenten gesendet. Sehe und höre. Und es gibt keinen besseren Beweis dafür, dass Menschen überall Menschen sind, die sich durch nichts Wesentliches von einander unterscheiden. In allen Sprachen laufen schnulzige Seifenopern, in denen boshafte und gehässige Charaktere den Guten und Netten das Leben zu vermiesen trachten. Doch alle ihre Bemühungen erweisen sich am Ende als vergeblich. Abends, zur Hauptzeit, spielen sich auf sämtlichen Kanälen kriminelle Szenen ab, die den Atem stocken lassen. Ein schlauer, talentierter Inspektor – oder noch besser: Inspektorin – mit Sexappeal (ein Muss!) löst und deckt anhand von Beweisen verschiedene Fälle auf. Auch für Liebhaber der Erotik – und solche findet man ohne Ausnahme in allen Ländern – gibt es ein entsprechendes Angebot. Der Intelligenz kann man zur vorgerückteren Stunde (die Intelligenz bleibt bis spät in die Nacht auf) intelligente Sendungen anbieten, in denen seriöse Menschen, die nicht selten über einen wissenschaftlichen Titel verfügen, über bestimmte Themen komplizierten, allgemeinmenschlichen Inhalts diskutieren. Zum Beispiel: „Macht es Sinn, nach dem Sinn des Lebens zu suchen?“ Ehrenwort, ich selbst habe eine solche Sendung gesehen und gehört. Allerdings nur den Anfang, denn ich konnte mir das nicht lange antun und habe wieder umgeschaltet. Experten diskutieren in aller Ernsthaftigkeit über solche Fragen. Auf diese Weise ernähren sie sich selbst und ihre Familien. Besonders interessant ist es aber, Dilettanten zuzuhören, die zwar einen gänzlich anderen Beruf ausüben, aber dennoch zu allem stets ihre eigene Meinung haben. Und solches sieht man in allen Sprachen. Natürlich, das Gejammer erklingt überall in nationalen Tönen, und doch ist es überall gleich. Vollkommen gleich sind auch die Politiker, die nicht gerade wenig Sendezeit für sich beanspruchen, besonders auf den Kanälen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Um genauer zu sein, sie unterscheiden sich natürlich voneinander – im Temperament, in ihrer Präsentationskunst, ihrer Begriffsfähigkeit, doch ein gewisses Maß an Gemeinsamkeiten gibt es in jedem Land. In einem totalitären Staat sind die Sendungen anders. Schwer zu sagen, ob sie besser oder schlechter sind, aber anders sind sie. Dies sah man ganz deutlich auf den Fernsehbildschirmen in der Sowjetunion, in der es bekanntlich keinen Sex gab – weder auf dem Bildschirm noch überhaupt im ganzen Land. Doch sobald der Vorhang erst einmal zu rosten begann, ging es auch dort los. Wie überall. Als erstes bahnten sich Fernsehserien und Seifenopern, in denen es um Reiche ging, den Weg. Das Volk fiel nieder vor den Bildschirmen. Die Hauptdarstellerin einer solchen Serie wurde gänzlich erschreckt von der flammenden, man kann schon fast sagen einäschernden Liebe ihrer Verehrer. Eine solche Flamme ist nur bei der ersten Liebe möglich. Wie könnte es auch anders sein – dies war das erste Mal, das man so etwas zu sehen bekam. Mittlerweile sind Jahre vergangen und im ehemaligen Sowjetraum ist längst alles übernommen und angeeignet. Konzerte von Stars, Geschichten über Stars, Gespräche mit Stars, Tänze mit Stars, Werbung mit Stars…Und Seifenopern. Ganz verschiedene. Liebesserien mit maßvoller Erotik und maßloser Anzahl an Serien. Krimiserien mit unerwartetem Ende. Historische Serien, die die Geschichte im Sinne der Gegenwart verzerren. Und in den Nachrichten: Politiker. Alles erzählen sie und erklären sie, in allen Sprachen und jeder in dem für ihn vorteilhaften Lichte. Alles wie überall. Doch die Patrioten träumen davon, sich durch irgendetwas von allen anderen abzuheben. Man kann ja schließlich nicht immer nur alles nachmachen. In Moskau hat man sich etwas Eigenes ausgedacht. Und zwar Folgendes: Ein Chefpolitiker – ein Präsident oder Ministerpräsident – führt ein vertrauliches Gespräch mit einem ihm unterstehenden Minister. Ein Politiker, der sich allein an die Masse richtet und im Monolog etwas von der Tribüne oder in die Kamera verkündet – das gibt es überall. Zwei alleine vor der Kamera – das ist etwas Neues. Zwei Politiker, und schon ist eine vertrauliche Atmosphäre geschaffen. Das Kamerateam sei hier außen vor gelassen. Beispielsweise erklärt der Präsident seinem Innenminister auf verständliche Weise, dass er und seine Mitarbeiter das Verbrechen bekämpfen sollen. Ein anderes Mal erklärt der Chef in nicht minder verständlicher Weise seinem Verteidigungsminister, dass es den Staat zu verteidigen gilt. Und so weiter. Die Minister erklären sich gerne einverstanden und versprechen, ihre Pflicht zu erfüllen. Die Idee wurde sehr schnell in Kiew übernommen. Die europäischen Fernsehsender jedoch haben irgendwie keine große Eile, die Moskauer Idee zu übernehmen. Offensichtlich haben also auch Patrioten ihre nationalen Eigenheiten. Aber dieser vertrauliche, wenn auch trostlose Einfall ist eine Ausnahme, die lediglich die Regel bestätigt: Alle Menschen sind in erster Linie Menschen. Nationale Eigenheiten sind eindeutig von zweitrangiger Bedeutung. Das Fernsehen reflektiert diese Wahrheit klar und deutlich. Die Patrioten aller Nationalitäten verstehen sich bestens untereinander. Wieso kommen sie eigentlich nicht auf die Idee, sich zu vereinen, eine internationale Patriotengemeinschaft aufzubauen, in der jeder für sich ist und alle gegen alle? Vielleicht lesen sie dies und greifen die Idee auf? Aber das ist eher unwahrscheinlich. Ich hoffe, es wird ihnen nicht gelingen. April 2010 |
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