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Mit den Augen der GUS-Auswanderer gesehen: Bürokratie und die Probleme der Beschäftigung Vadym Karliner Übersetzerin Irina Küster |
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Beginnen wir damit, dass die im Büro Beschäftigten überall beschimpft und immer entlassen werden. Im Laufe der „Umgestaltung“ konnte ich beobachten, wie die Entlassungen in den Verwaltungsetagen eines sowjetischen Montagetrusts abliefen. Mit einer Weisung von „oben“ wurden die Planstellen der Lohnbuchhalter – des Leiters und seiner Angestellten – gestrichen. Dies war durchaus logisch: Lange schon hatte ich vorgeschlagen, diese Abteilung zu schließen. Die Meister und die Vorarbeiter bereiteten ohnehin alle Unterlagen für die Lohnzahlung der Arbeiter vor, die Lohnbuchhaltung prüfte die Unterlagen nur noch rechnerisch; alle wussten Bescheid, dass in den Lohnformularen keine tatsächlichen Arbeitsleistungen zu finden waren : Alle Zahlen waren erfunden, die Lohnabteilung achtete nur darauf, dass die falschen Unterlagen wie echt aussahen. Als die zwei Planstellen verschwanden, änderte sich im Lohngeschehen rein gar nichts. Die Vorarbeiter trugen ihre Entwürfe einfach woanders hin. Die entlassenen Kolleginnen landeten nicht auf der Straße, denn Arbeitslosigkeit gab es damals nicht. Sie wurden in die Buchhaltungen anderer Betriebe auf vakante Stellen gesetzt. Buchhalter verdienten damals sehr wenig, Computer gab es noch nicht, alles wurde manuell bis früh morgens durchgerechnet. Diese Sklaventätigkeit war nicht begehrt, so dass die Liquidierung einer nutzlosen Abteilung nur das Problem der Planstellen löste, was ein Beispiel einer gelungenen Entlassung darstellte; spürbar verlor niemand Arbeit. Doch solche positiven Abläufe gab es selten, sie stellten eher eine Ausnahme dar. Diesmal forderte die Weisung von „oben“ quasi die Entlassung der ganzen Verwaltung des Trusts. In der Folge wurden zwei Verwaltungsangestellte auf die Planstellen der leitenden Ingenieure in unserem Ingenieurbüro gesetzt. Sie erschienen zweimal im Monat bei uns, um ihr Geld abzuholen. Gearbeitet haben sie, wo auch bisher tätig waren. Diese Art Entlassung war typischer. In der Slowakei überraschte mich die Übersättigung mit Personal bei der Bergbahn. Das war zu Beginn der 90-er Jahre. Im Kaukasus herrschte gerade Krieg, so dass mein Bekannter und ich beschlossen, unseren Skiausflug in die Slowakische Tatra zu verlegen. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Grenze zu Ukraine gegen ein paar kleinere Scheine durchlässig. Wir fanden eine sehr kostengünstige Unterkunft in einem kleinen Bergdorf. Bis zu dem Berg mit einem Lift mussten wir fast eine ganze Stunde mit einer Bimmelbahn fahren, die aus 2-3 Waggons und einer winzigen Lok bestand. Der Zug hatte es nicht eilig und hielt außerdem in jedem Dorf, so dass die Fahrt lange andauerte. Je näher zum Lift gelegen, desto teurer waren die Unterkünfte, wir aber wollten sparen. In jedem Waggon gab es einen Schaffner, ab und zu trat aber auch ein sehr seriös aussehender Kontroller herein, um die Tickets zu sehen. Die Bahn ähnelte verblüffend einer Straßenbahn, doch bei jedem Halt sahen wir ein Bahnhofsgebäude (!), aus dem ein Bahnhofvorsteher in voller Uniform heraustrat und mit seiner Kelle die Abfahrt signalisierte. Die große Zahl des Personals und das ganze Gehabe erinnerten an die Kindereisenbahn im Stadtpark unserer Heimatstadt. Nachdem uns die Witze zu diesem Thema ausgegangen waren, überlegten wir uns (Zeit hatten wir ja genug), was das soll, und kamen zur Schlussfolgerung, dass auf diese Weise das Beschäftigungsproblem in dieser Kurgegend gelöst wurde. Auch dort gab es keine Arbeitslosen. Während einer Dienstreise nach China waren meine Kollegen überrascht, dass bei dem Festessen, zu dem sie eingeladen waren und bei dem sie mit 18 Gerichten verwöhnt wurden, jedes Gericht von einem anderen Kellner serviert wurde. Möglicherweise waren es in Wirklichkeit doch weniger Kellner, denn für einen Europäer ähneln sich die Chinesen zu sehr, trotzdem waren es übermäßig viele. Nicht weniger überrascht waren wir im Kraftwerk, wo Leute hauptberuflich arbeiteten. In den europäischen Kraftwerken sieht man in den Maschinensälen so gut wie keine Menschen, nur die Steuerzentrale ist mit einer Schicht (sprich ein paar Leuten) besetzt. In China waren die großen Räume reichlich bevölkert. So wird wohl das Beschäftigungsproblem in einem Land mit 1,5-Milliarden Einwohnern gelöst. Und was sehen wir in Deutschland? Fast jeder, der als Umsiedler hier ankommt, macht sofort die Bekanntschaft mit dem Arbeitsamt. Schon seit langem werden die Arbeitslosen nach dem Zeitprinzip unterschieden: wer erst seit kurzem die Arbeit verloren hat, und wer schon länger ohne festen Job ist. Die Beschäftigten zahlen in die Arbeitslosenversicherung ein. Deshalb erhalten sie eine Zeit lang Arbeitslosengeld. Die Höhe hängt von dem früheren Verdienst und ihrem Alter ab. Ist die durch das Gesetz festgesetzte Zeit abgelaufen, werden die Zahlungen eingestellt. Anschließend können die Bedürftigen nur noch Hilfe erhalten, die wesentlich geringer bemessen ist. Zu Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts gab es viele Arbeitslose, und die Regierung versuchte, die Beschäftigung irgendwie anzukurbeln. Aber wie sah das konkret aus? Die Reform dieses Gesetzes, die zu Beginn 2005 in Kraft trat, änderte nichts qualitativ, doch die zahlenmäßigen Änderungen sind deutlich, und zwar:
Der größte Nachteil der Reform des Arbeitsamtes ist das dort herrschende Chaos. Dieses Chaos führte zur rasch anwachsenden Zahl von Beschwerden im Sozialgericht. Die Wartezeit für eine Verhandlung überschreitet schon längst ein Jahr. Inzwischen wurde beschlossen, die Zahl der Richter zu erhöhen. Die neuen, wachsenden Richterzahlen verbessern die Beschäftigungsstatistik ebenfalls, nicht wahr? |
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