Mit den Augen der GUS-Auswanderer gesehen:

Wir brauchen Idole

Wladimir Kunow

Übersetzer Herbert Pietzsch

Schaffe dir keinen Abgott. 

Aus der Bibel

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Dieses einfache biblische Gebot wird von fast keinem und fast nie eingehalten. Die menschliche Psyche ist wohl genau so eingerichtet: Gebraucht wird eine Autorität. Eine schöne, kluge, unfehlbare und gutmütige. Besonders gut ist, wenn eine solche Autorität unerreichbar ist, leuchtet wie ein ferner Stern, außerhalb jeglicher Kritik.

Ein solches Vorbild unter unseresgleichen zu finden, ist unrealistisch. Stets findet sich ein Kritikaster, der sich näher an den angebeteten Halbgott heranpirscht und bei ihm einen Haufen Mängel und negative Eigenschaften findet. Außerdem ist auch für uns selbst das Annähern an den Leuchtenden nicht wünschenswert. Aus der Nähe betrachtet wird sofort klar, das er wohl doch nicht ganz das Vorbild ist, und wenn wir ihn ganz scharf anschauen, dann sehen wir ihn gar nicht mehr als solches. Deshalb ist es wohl besser, wenn es sich irgendwo weit draußen befindet, in unerreichbarer Ferne, am besten in einer ausgedachten, irrealen Welt.

Zum Beispiel auf dem Berg Olymp. Die Menschen schufen sich einen ganzen Stamm von Idol-Göttern, die ihnen selbst praktisch glichen , sich aber gleichzeitig sich durch eine einzige, bis zur Vollkommenheit geführte Eigenschaft von ihnen unterschieden : die Göttin der Liebe ist die allerschönste, bezauberndste und anziehendste , die Göttin der Weisheit die allerklügste, der Gott des Krieges  der unbesiegbarste usw. Der Berg Olymp selbst war aber gar nicht so unerreichbar, auf ihm konnte man sich aufhalten und sich von der völligen Abwesenheit jedweder Halbgötter, welcher Art auch immer, überzeugen.

Es ist zu vermuten, das eben aus diesem Grunde die alte Zivilisation Abstand nahm von einem Geschlecht von Göttern, nicht jedoch von der Schaffung neuer. Aus einer Gruppe wurde eine einzelne Person, nach anderen Versionen eine Dreieinigkeit. Und diese befindet sich irgendwo, an einem unbekannten Ort. Irgendwie ist kaum verständlich, wie sie konkret aussieht und somit entsteht die Notwendigkeit, für sich ganz persönlich ein einfacheres Idol zu schaffen – eins aus Fleisch und Blut.

Verschiedene Menschen – verschiedene Idole. Gut bekannt sind die Halbgötter, sozusagen nach Interessen. Für die Anhänger der Rockmusik ist das Michael Jackson, für die Fußballfans in Deutschland Michael Ballack, für die in Russland Andrej Arschawin, für sexuell besorgte Menschen Boris Becker usw. usf. Dabei war der Prozess der Schaffung von Idolen in früheren Zeiten oft unorganisiert, spontan, in unserem technokratischen Zeitalter besitzt jedoch das Fernsehen das Monopol auf diese Technologie. Die Fernsehspezialisten kennen sich hervorragend aus mit den Bedürfnissen der Menschen und schaffen die Idole ganz gezielt und aufdringlich, um das geschaffene Image anschließend  gewinnbringend einzusetzen – in der Reklame.

Modern wurde die Schaffung von Vorbildern aus der Reihe der Politiker. Um einen Politiker populär zu machen, muss man ihn nur oft genug zeigen. Dabei ist nicht wichtig, was er sagt, bedeutender ist, was man über ihn sagt. Und doch ist beides nicht die Hauptsache. Grundlegend ist, dass das entsprechende Gesicht so oft und solange, wie nur irgend möglich, in „der Kiste“ zu sehen ist. Die Dauer der Präsenz auf dem Bildschirm bestimmt die Popularität des Politikers.

Aber Achtung! Populär – das heißt noch lange nicht, ein Idol zu sein. Und dann ist es schwierig, im eigenen Land Idol zu werden. Das schaffen nur totalitäre Regimes mittels massiven Drucks beim Fehlen jeglicher öffentlichen Kritik. In Ländern, in denen es eine offene demokratische Kritik gibt, oder wenigstens deren Imitation, ist es nicht realistisch aus dem eigenen Politiker ein Idol zu machen.

Ganz anders bei fremden, fernen Politikern. Seinerzeit verliebten sich die Fernsehzuschauer, d.h. die gesamte Bevölkerung der Sowjetunion, in Margaret Thatcher. Sie demonstrierte höchstpersönlich im Fernsehen, wie man einfach und überzeugend die Falschheit der sowjetischen Journalisten-Propagandisten zeigen kann. Und das war schon alles – so entstand Liebe auf den ersten Blick, d.h. mit einer Fernsehsendung. Einen solch zügigen, unerwarteten Effekt hatte niemand vorhergesehen. Der Effekt war unabsichtlich entstanden, die Fernsehleute hatten ihn nicht geplant, wobei - wer kann schon sagen, was letzteren so durch den Kopf ging… Jene Generation an Fernsehzuschauern liebt die „Eiserne Lady“ bis heute, ungeachtet dessen, dass ihre undankbaren Landsleute sie schon vor ziemlich langer Zeit in den Ruhestand geschickt haben.

In Deutschland verliebte man sich in Michail Gorbatschow. Seine Landsleute gingen zu keiner Zeit sehr pietätvoll mit ihm um, und wenn sich heute überhaupt  jemand an ihn erinnert, so nicht besonders wohlwollend. Die Deutschen lieben ihn aber weiter. Deshalb kommt der Politiker a.D. oft, und, wie es aussieht, mit Vergnügen nach Deutschland.

Das neue Idol ist Barak Obama. Was weiß man über ihn? Ein großer, schlanker, sportlicher, junger Präsident eines mächtigen  transatlantischen Staates, er sieht im Fernsehen sehr gut aus und hat die Europäer vollständig erobert. Dazu ist er noch dunkelhäutig, sieht also wie stark sonnengebräunt aus, was ihm eine besondere Männlichkeit verleiht. Anfang 2009 kam er zum Übernachten nach Dresden. Die Stadt erwartete ihn sehnsüchtig! Solch eine Ehre! Er! Persönlich! Für eine ganze Nacht!

Dresden besuchten recht oft starke Persönlichkeiten. Allein von Juli 1972 bis Januar 2009 waren 23 Oberhäupter ihrer Länder in Dresden, die deutschen nicht mitgezählt. Darunter waren Könige und Königinnen, Präsidenten, Premierminister. Einen solchen Rummel wie bei Obama hatte es aber noch nie gegeben. Den massenhaften Ausbruch solcher Emotionen kann man sonst nur während einer Fußball - WM beobachten.

Tatsächlich das angebetete Idol einmal nicht nur „in der Kiste“, sondern ganz real zu sehen,  war dem einfachen Bürger Dresdens nicht vergönnt. Polizei und Sicherheitsorgane schirmten ihn ab und organisierten eine dreifache Sicherheitszone. Die Dresdner trugen es mit Fassung und Verständnis, die Sicherheit  des Idols hat Priorität.

Und das Gebot aus der Bibel wird einträchtig ignoriert.

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