Demokratie und Diktatur

Vadym Karliner

Übersetzerin Anneke Sittner

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Demokratie ist eine künstliche Form der gesellschaftlichen Organisation. In der Natur kommt sie nie vor, da hier das Recht des Stärkeren und die natürliche Auslese herrschen. Die mehr oder weniger zivilisierten Menschen sind schon gewöhnt an den, zugegeben etwas ungewöhnlichen Gedanken über ihre Abstammung aus der Tierwelt. Daraus kann man leicht den Schluss ziehen, dass Diktatur auch für den Menschen völlig natürlich ist. Und so scheint es dann auch, wie die ganze erforschte Geschichte bestätigt. Der Stammhäuptling, Fürst, König, Zar, Khan, Sultan, Kaiser – das alles sind  Synonyme für den Begriff Diktator, der für eine Gesellschaft immer selbstverständlich war. Er war immer der stärkste in der Gegend - oder wurde wenigstens für einen solchen gehalten - und deswegen haben sich ihm alle unterordnet.

Mit der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft änderte sich das Verständnis für den Begriff  Kraft. Nicht mehr die reine körperliche Kraft gilt als höchster menschlicher Wert, sondern etwas Abstraktes, Immaterielles: Vernunft, Gedanken, Charakter, Kommunikationsfähigkeit usw. werden zu wichtigsten Eigenschaften. Die körperliche Kraft und die äußere Schönheit waren und bleiben ein wichtiges und positives Attribut, doch nicht mehr das wichtigste. Und als vor mehr als zweitausend Jahren im alten Rom zu viele Kluge auftauchten, die nicht mehr gemeinsam entscheiden konnten, wer der Diktator werden soll, dann entstand Demokratie.

Die römische Demokratie hatte sehr wenig Gemeinsames mit der heutigen. Ans Steuer durfte  nur die Elite, die einen geringen Prozentsatz der Bevölkerung bildete. Diese Wenigen bestimmten über die Pflichten aller anderen. Und in den schweren Zeiten, wie während eines Krieges, übergab diese kleine Gruppe ihre Befugnisse wiederum an einen Diktator. Das galt aber nur zeitweilig, nur für die Zeit der Krise, doch die Diktatoren gaben ihre Macht nur ungern zurück. Schließlich wurde diese unbestimmte Form durch die grenzenlose Kaisermacht abgelöst. Das beendete den Kampf um die Macht jedoch nicht, der Prozess ging  permanent weiter, doch die Machtstruktur blieb immer eindeutig diktatorisch.

In jedem modernen Arbeitsteam, im Betrieb, im Büro, in einem Forschungsinstitut oder Museum, spielt die Persönlichkeit des Arbeitsleiters die wichtigste Rolle. Der Leiter gründet entweder sein Unternehmen selbst und sammelt den Kollegenkreis um sich oder wird gezielt für die Rolle des Chefs bestimmt. Die Gesellschaft kennt keine anderen erfolgreichen Varianten. Ohne zentralisierte Herrschaft kann keine Organisation erfolgreich funktionieren: weder in der Wirtschaft noch in der Wissenschaft, in der Kunst und bei den Dienstleistungen. Ein talentierter und unbedingt harter Anführer ist für Erfolg jedes Unternehmens unumgänglich, obwohl das weit nicht alle Teammitglieder begreifen.

Eine gute Lehre hat uns das Experiment während des Zerfalls der Sowjetunion erteilt. Die Politiker pendelten hin und her auf der Suche nach  Rettung, und als ein Allheilmittel wurde den Unternehmen vorgeschlagen, ihre Leiter selbst auszuwählen. In die Tat umgesetzt, hat diese Idee ihre Perspektivlosigkeit erwiesen.

Ähnlich wie für einzelne Arbeitsgruppen verhält es sich auch auf dem Niveau des Staates, wo es immer um eine sehr heterogene Bevölkerung geht, die aus mannigfaltigen unterschiedlichen Kollektiven und einzelnen Menschen besteht. Die Republiken wurden erst vor vergleichsweise kurzer Zeit gegründet. Einige Andeutungen auf die Milderung der Alleinherrschaft gab es allerdings schon vor längerer Zeit. Schon im Frühmittelalter wurde das englische Parlament gegründet; zwischen ihm und dem König gab es  ab und zu die Meinungsdifferenzen (bei einem schwachen König). In den Niederlanden entstand zunächst eine Republik und hatte sich ziemlich lange durchgesetzt. Dann kehrte das Königtum zurück. Eine Republik ist in der gebirgsreichen Schweiz entstanden, die sich erfolgreich bis zu unseren Tagen bewährt hat, wahrscheinlich aus dem Grund, dass die Politiker der benachbarten Staaten sich für die Berge und Täler nicht besonders interessierten.

Aber dann, im 20. Jahrhundert, wird in Europa und Amerika die politische Wahl mit der Beteiligung der ganzen Bevölkerung allmählich allgemein. In vielen Ländern geschah der Übergang zur Demokratie über diktatorische Regime, die viel härter als die vorherige Macht waren. Durch eine nationalsozialistische Diktatur sind in Europa Italien, Deutschland, Spanien und Portugal gegangen, durch die pseudointernationale Russland und alle seine osteuropäischen Trabanten, durch die militärische die Türkei. In Lateinamerika war das ungefähr analog. Die Diktatur verharrte jahre- und jahrzehntelang in Argentinien, Bolivien, Brasilien, Venezuela, Haiti, Guatemala, Nikaragua, Paraguay, Chile… Auf Kuba hält sie sich bis jetzt noch. Und gleich  am Anfang rutschte die Alma Mater der europäischen Demokratie, Frankreich, schnell auf die ultrarevolutionäre jakobinische und dann auf die militärisch-napoleonische Diktatur ab. Trotz allem endete dieser Prozess im Großen und Ganzen auf allen Kontinenten zum Anfang des 21. Jahrhunderts. Das heißt, in jedem Land hat die Bevölkerung, hat jeder erwachsene Bürger das Recht, in ein Wahllokal zu gehen und seine Wahl festzulegen.

Aber was und wen wünscht sich ein Bürger? Ein gewisses Bildungsstand und gute Kenntnisse sind notwendig, damit dieser Bürger zunächst einmal bestimmen kann, was er sich selbst wünscht, und dann, was er sich wünscht von dem, was man ihm anbietet. Über beides ist nicht leicht zu entscheiden, das ist klar. Besonders, wenn diejenigen, die an der Wahl interessiert sind, dem Wähler die Sache nicht besonders deutlich erklären. Und vielleicht dabei auch betrügen. Werbung ist nicht unbedingt die reine Wahrheit, sie muss nur der Wahrheit ähnlich sein, und das ist etwas ganz anderes. Oft werden die Wähler  von den Resultaten ihrer eigenen Wahl enttäuscht, bei der nächsten Wahl stimmen sie dann für einen anderen Kandidaten und… werden vielleicht schon wieder enttäuscht. Gleichzeitig denken die Ausgewählten bereits an die nächste Wahl und trauen sich nicht, die Maßnahmen zu treffen, die oft notwendig sind. Das kann aber auf eine unangenehme Weise auch  einen, wenn auch geringen Teil der Wähler berühren. Die Konkurrenz schlummert nicht und bei der nächsten Wahl kann die entscheidende Stimmzahl verloren gehen. Die Diktatoren, die ihre Untertanen mit Angst und Härte unterdrückt haben, erleben diese Probleme nicht.

Die schlauen Vertreter der demokratischen Staatsform sehen ihre Nachteile sehr gut, sind aber überzeugt, dass eine bessere Machtstruktur noch nicht erfunden ist. Dafür spricht der offensichtliche Fakt, dass gerade die demokratischen Länder das höchste Lebensniveau der Bevölkerung haben. Dabei muss man beachten: Die Entwicklung der Demokratie läuft hier parallel mit der Entwicklung der Bildung und der wissenschaftlichen Technologien. Nur so kann das laufen. Andere Beispiele gibt es nicht. Und wenn man versucht, eine solche künstliche Struktur wie die Demokratie in den Ländern mit einer ungebildeten, unterworfenen Bevölkerung einzurichten, dann bekommt man das, was im Gazastreifen, in Afghanistan und im Irak passiert ist. Wie viele „demokratische“ Regime sind in Afrika gegründet worden? Wie viele dieser Beispiele sind noch notwendig, damit die Demokraten das begreifen? Wie viele Farcen der „demokratischen Wahlen“, mit Begleitung von Selbstmordattentätern und  Raketenbeschuss müssen noch stattfinden?

Einst sagte ein Präsident der demokratischen USA noch vor seiner Amtszeit, dass es für die Demokratie günstig ist, wenn zwei Diktaturen gegeneinander kämpfen. Er sagte: „Sollen sie einander töten“. Für den heutigen politkorrekten Slang klingt das zynisch. Wahrscheinlich aber etwas ähnliches meinte im Stillen auch ein anderer Präsident, der vor 20 Jahren absichtlich Irak als Alternative zu Iran bestehen ließ. Das klingt hart, doch die Geschichte lehrt uns, dass man gegen Diktatur nur mit diktatorischen Methoden vorgehen kann.

Gerade auf die Weise wurden in der Mitte des letzten Jahrhunderts die aggressiven diktatorischen Regimes in Deutschland und Japan liquidiert. Die Länder waren buchstäblich in Scherben gegangen, geteilt, ohne Rücksicht auf irgendeine abstrakte „friedliche Bevölkerung“, anschließend wurde dort ein dauerhaftes und strenges Okkupationsregime eingerichtet. Das klingt politisch unkorrekt, doch die positiven Ergebnisse liegen auf der Hand. Dabei sind diese Ergebnisse im geschichtlichen Verhältnis sehr schnell erreicht worden. Eine solche Schnelligkeit war möglich, da die Bevölkerung der beiden Länder schon ein hohes Bildungsniveau besaß. In einem Land mit geringer Bildungsquote ist mit solcher Geschwindigkeit nicht zu rechnen. Doch die Ergebnisse sehen wir und eine andere positive Erfahrung kennt Geschichte nicht.

Januar 2011

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