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Das russische Theater in Dresden Vadym Karliner Übersetzerin Anneke Sittner |
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Zuerst ein paar Worte zu der geografischen Lage dessen, wovon die Rede sein soll. Die Besucher der sächsischen Residenzstadt Dresden sehen im Stadtzentrum wie auch entlang der Elbe die schönen Paläste, Schlösser und sonstige Barockgebäude und ahnen aber nicht, dass die Stadt sich auf einem großen Territorium ausgebreitet hat, auf dem es außer den architektonischen Schönheiten, Wohngebieten, Parks, Gärten, Weinhängen und Sanatorien auch noch einen Flughafen und ein ganzes Waldgebiet vorhanden sind. Selbstverständlich war das nicht immer so. Vor 300 Jahren beschränkte sich die Stadt noch auf ein kleines Rechteck, das heutzutage als Altstadt bekannt ist. Später ist die Stadt stark gewachsen, und im 20. Jahrhundert wurden die anliegende Siedlungen sowie der Wald in das Stadtgebiet eingemeindet. Eine solche Siedlung wurde am Anfang des letzten Jahrhunderts von dem Besitzer einer Möbelfabrik gegründet. Dort wurden die Wohnhäuschen für die Fabrikarbeiter errichtet, neben jedem Häuschen gab es einen Garten. Damals wurde auch ein Festspielhaus errichtet. Die Siedlung ist gewachsen, neue Kleinunternehmen kamen hinzu. Und als auch diese Siedlung von den Stadtgrenzen eingeschlossen wurde, baute man durch den Wald eine Straße, und die Siedlung wurde mit der Stadt durch eine Straßenbahnlinie verbunden. Aber das ist noch nicht alles. Das Festspielhaus erinnert in seiner Form stark an ein russisches Kulturhaus und hat inzwischen den Rang eines europäischen Kulturzentrums. In ihm sind mehrere Kunsttruppen beheimatet, eine von ihnen trägt den Namen „Derevo“. Fotos erzählen über „Derevo“ und seine Rolle als Theater in der Siedlung. An sich ist das nichts Ungewöhnliches, denn in Dresden gibt es viele Theater. Das Besondere daran ist aber, dass dies ein russisches Theater ist.
Das Theater wurde in Sankt-Petersburg gegründet, als es noch Leningrad hieß, im Jahre 1988. Der ehemalige Schauspieler am Pantomimentheater Lizedei (Mime), Wjacheslav Polunin, heute bekannt als verdienter Künstler Russlands, und ein Mitglied der Rockband „Avia“ (Trompete, Vokal) Anton Adassinskij, gestalteten eine neue Show, die sie als dramatisches Pantomimentheater bezeichneten. Einige Auftritte dieses avantgardistischen Theaters gab es im Leningrader Jugendpalast sowie auf den Straßen der Stadt. Ende der 80er Jahre war nicht die beste Zeit für die Eröffnung eines neuen Theaters. Das Land erlebte große Umwandlungen, die Bevölkerung hatte etwas Wichtigeres zu tun, als moderne Kunst zu genießen. Theater, Kulturhäuser und Kinos standen leer. Doch „die Zeit wählt man nicht, man lebt darin“, anders ist es nicht gegeben. Das Theater reiste nach Europa ab. Adassinskij übernahm in dem Theater wenigstens eine halbes Dutzend aller möglichen Funktionen, nicht nur als Regisseur, künstlerischer Leiter und Akteur, sondern auch als Choreograf und Szenarist. In der Zeit, als das Theater erst aufgebaut wurde, war das Management eine der wichtigsten Funktionen des Chefs. Und vieles ist gelungen. Das Theater hat schon ganzes Europa bereist. Es gab außer in Deutschland Auftritte in den Niederlanden, Italien, Jugoslawien, Österreich, Großbritannien und in Übersee. Es ist zum Wandertheater geworden und nahm an mehreren Wettbewerben teil. Ab und zu besuchte es auch Sankt-Petersburg, aber dort scherte man sich immer noch nicht um Kunst. 1996 ist es Anton Adassinskij gelungen, die Kulturverwaltung Dresdens zu überzeugen, das Theater unter ihre Fittiche zu nehmen. Die Redaktion weißt aus Erfahrung, wie schwer das ist, aber die Erfolge der Truppe waren überzeugend genug. Das Theater hat seinen festen Wohnsitz bekommen. Die Truppe tritt auch auf den anderen Bühnen der Stadt auf, unter anderem finden farbenprächtige Aufführungen direkt im Stadtzentrum statt, neben dem berühmten Zwinger. Vor drei Jahren hatte sich unsere Kollegin ein Stück von „Derevo“ angeschaut. Pantomime ist eine nicht besonders verbreitete Art Kunst in der Theaterwelt. Die meisten Zuschauer genießen gern die komischen Miniaturen der Komiker und Clowns, doch ein ganzes dramatisches Stück aufzunehmen, dafür braucht man besonderes Verständnis. Unsere Journalistin kommentierte das Spektakel folgendermaßen: „Einige athletische halbentblößte Körper bemühen sich fleißig, arbeiten aus ganzen Kraft“. Viel mehr mochte sie dazu nicht sagen. Allerdings hatte sie bemerkt, dass das Publikum das Spektakel in besonderer Weise wahrnahm, und das mit Wohlwollen. Der Autor ist leider auch noch nicht in der Lage, die größeren Pantomimenstücke zu genießen. Doch für ihn ist der Gründer und Leiter des Theaters als Persönlichkeit besonders interessant. Allerdings hatten alle Anrufe und E-Mails bis jetzt keinen Erfolg. Es hieß, Herr Adassinskij habe keine Zeit, und er ließ sich auch telefonisch nicht sprechen. Ich hatte Verständnis dafür: Vielleicht mag der Maestro keine Interviews, er möchte unerreichbar und geheimnisvoll bleiben. Dieser Eindruck wurde durch die etwas übertrieben nachdenklichen Rezensionen zu den Theaterstücken, die er wahrscheinlich selbst verfasst hat, bestätigt. Während der mehr als 20jährigen Tätigkeit wurden immerhin über 10 verschiedene Showprogramme auf die Beine gestellt. Adassinskij beschränkt sich nicht allein auf sein eigenes Theater. Schon seit 10 Spielzeiten läuft in Petersburg, im Mariinskij Theater, das Ballett „Der Nussknacker“ von Tschaikowski (inszeniert von Michail Schemjakin, Dirigent – Walerij Gergiev, Choreograf – Kirill Simonov), Adassinski spielt die Rolle des Drosselmeiers, des Spielzeugmeisters. Unsere anspruchsvolle Korrespondentin aus Petersburg hat eine sehr kritische Einstellung den modernen Inszenierungen gegenüber, doch diese Variante der Neuinszenierung hat sie im positiven Sinne beeindruckt. Und auch beim Film… Im Jahr 2003 drehte Adassinskij zusammen mit dem Maler Vadim Gololobov den Film „Der Süden. Die Grenze“. Neulich wurde er von Alexander Sokurow für eine Rolle in dem Film „Faust“ eingeladen. Vor der neuen Saison hat mir seine Vertreterin nun unerwartet selbst ein Treffen mit dem Maestro vorgeschlagen. Ich war etwas erstaunt, habe aber sofort zugesagt. Die Einladung galt für die Vorführung einiger Szenen aus dem kommenden Spektakel für die Presse, mit dem Ziel der Werbung. Nach dieser Veranstaltung wurde mir ein Exklusiv- Interview versprochen. Wir wussten unterdessen, dass der Pressetreff am Geburtstag des Maestros stattfindet, und unsere Künstlerin hatte einen speziellen Blumenstrauß dafür vorbereitet. In dem neuen Spektakel werden keine entblößten Körper gezeigt. Wie der Regisseur erklärte, setzt sich das Stück aus den mehreren Szenen zum Thema „schöne Nostalgie“, nach der Romantik der 50-60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, zusammen. Die Darsteller sind Theaterschauspieler, darunter der Chef selbst, sowie die Jugend, die als Studenten bezeichnet wird (s. Foto). Da das Leben des Maestros erst später begann (er wurde 1959 geboren), schien das etwas seltsam zu sein. Warum plötzlich die Sehnsucht nach dieser Zeit? Vielleicht hat er einen älteren Freund, der sich an seine unwiderrufliche Jugend nostalgisch erinnert.
Als Dekoration wurde uns eine Weltkarte vorgeführt, mit den zwei Hemisphären und mit der Erklärung, die Karte sei für die kleine Bühne gedacht und für die Proben, für die große Bühne wird aber eine bedeutend größere vorbereitet. Außerdem wurde etwas Ähnliches wie der erste Weltraumsatellit demonstriert, was sich als die erste Waschmaschine der Welt, die anfangs des letzten Jahrhunderts in Berlin entwickelt wurde, entpuppte. Als eine der Kuriositäten hat der Regisseur die mechanische Rasierklinke „Sputnik“ gezeigt. Eine ähnliche nutzte ich selbst, während der Wanderungen durch jene romantischen Zeiten. Das exklusive Interview wurde dann allerdings, wie zu erwarten war, wieder abgesagt. Deswegen kann ich nur über die Eindrücke berichten, die ich durch seinen Auftritt vor den mehreren jungen Reportern gewonnen hatte. Zweifellos ist das ein sehr begabter Mensch, er trug keine pathetischen Reden vor, schien ein einfacher und doch intelligenter Zeitgenosse zu sein, den man sich nach der Reihe der Internetveröffentlichungen an der Theaterhomepage ganz anders vorgestellt hatte. Juni 2011 |
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