Mit den Augen der GUS-Auswanderer gesehen:

 

Absurde Szenarien mit Hintergedanken

Wladimir Kunow

Übersetzer Alexander Sauter

Русский

Seit den Zeiten des Alten Roms ist bekannt, dass es den Mob – in der heutigen Sprache wird er als Wählervolk bezeichnet – nach Brot und Spielen verlangt. Ein Teil der Bürger beschafft sich sein Brot selbst; dieser Teil ist es auch, der nach einem bestimmten System auch alle anderen versorgt. In etwas krasserer Weise (mit Butter und Kaviar) versorgt das System seine Elite, Politiker und Staatsbeamte. Weniger spektakulär werden die Empfänger von Sozialhilfe versorgt. Zeitgenössische Spiele werden regelmäßig in Form von Fußball und ständig in Form von Fernsehen geboten.

Es ist für niemanden mehr neu, dass die Politiker den größten Teil ihrer Arbeitszeit mit Fernsehauftritten zubringen. Bevor es vor die Fernsehkameras geht, muss man den Text vorbereiten, sich äußerlich zurechtmachen, auch ist der Einsatz von Redeschreibern und Stilisten erforderlich. Am Ende steht die Aufnahme selbst, anschließend wird sie angesehen und redaktiert. Da bleibt einfach keine Zeit mehr, sich mit den Belangen der Bürger zu befassen.

Es sieht so aus, als seien alle damit zufrieden. Mit gleichem Interesse sehen sich die Mitbürger über viele Jahre fortdauernde Liebesserien mit verworrenen Partnerwechseln an, oder Krimigeschichten, die nicht selten von echten Polizeiakten abgeschrieben (oder umgekehrt später von Verbrechern nachgeahmt) werden. Aber auch die nie endende Politshow wird stets gern gesehen. Was die Qualität der Schauspielleistung angeht, so brauchen sich Spitzenpolitiker keinesfalls hinter bekannten Fernsehstars zu verstecken. In der Regel beherrschen sie eine breite Palette an tragischen, komischen, melodramatischen und tragikomischen Stilmitteln, mit denen sie sich in Szene zu setzen verstehen. Ohne dieses Können gelangt heute niemand in die große Politik. Besonders Talentierte verstehen es, zur richtigen Zeit Tränen in die Augen schießen zu lassen, was zu allen Zeiten einen erstklassigen Schauspieler auszeichnete.

Um die Schauspieler steht es also nicht schlecht. Die Drehbuchautoren werden ihrer Sache allerdings eindeutig nicht gerecht. Ende Juni wurden z.B. gleich drei Stücke aufgeführt, von denen jedes zwar einen Anfang und ein Ende, jedoch keinen Inhalt hatte.

Das erste Stück: Der Streit zwischen Russland und Weißrussland. Der Streit zwischen ihnen begann übrigens schon lange, nämlich als die stets so weitsichtigen Moskauer Politiker endlich dahinter kamen, dass die Herrschaften aus Minsk, die stets ein offenes Vertrauensverhältnis heuchelten, sie schlicht und ergreifend hintergingen. Nachdem sie dies schließlich begriffen hatten, trafen sie die nötigen Maßnahmen: Geld auf den Tisch! So hat einst auch ein berühmter Tragiker in der Rolle des Führst Dmitri Donskoi ausgerufen: „Sag Mamai, dass ich ihm alle Knochen breche!“. Minsk wand sich noch etwas, schließlich zahlte man aber doch.  Später war man gezwungen, noch einmal ebensoviel wegzugeben, und sogar noch vom Eigenen dazuzulegen, und dennoch blieb man letztlich auf Schulden sitzen. Doch zum Teufel mit dem Geld. Wenigstens wissen alle – sowohl wir selbst als auch die anderen –, dass wir krass sind. Wir kommen auch ohne falsches Spiel aus. 

Das  zweite Stück ging in den USA über die Bühne. Die Teilnehmer: Ein Kinostar aus Hollywood und die beiden Präsidenten Amerikas und Russlands. Man sah Szenen allgemeiner Liebe und Glückseligkeit. Friede, Freude, Eierkuchen. Man saß sogar zusammen und aß auf ganz volkstümliche Art Hamburger; als würde man quasi zusammen mit dem Volk aus einem gemeinsamen Topf Brei löffeln. Doch kaum hatte man diese herzergreifenden Szenen hinter sich gebracht, da kam es schon zur Kulmination: Ein Spionagering wurde aufgedeckt! Gleich 11 Agenten gingen in die Fänge. Zehn von ihnen ergriff man sofort, den elften spürte man auf Zypern auf. Doch wozu das Ganze? Welchen Zweck hatte das? Alle sind erstaunt. Es ist merkwürdig. So merkwürdig, dass man versuchte, einen von ihnen gegen schriftliche Verpflichtung und Pfand freizulassen. Dieser aber – nicht im Geld und nicht in der Ehrlichkeit liegt das Glück – nutzte die Gelegenheit und setzte sich sogleich ab.

 Und was war es, das die Guten ausspionieren konnten? Ach, eigentlich nichts. Sie lebten in Saus und Braus, während aus Russland das Geld floss. Es war so eine Art lang angelegter  Urlaub. Herrlich. Gleichzeitig wurden sie von amerikanischen, von den USA bezahlten, Gegenspionen sorgfältig beschattet. Klare Sache: Spione und Gegenspione brauchen einander, denn wer soll sie sonst bezahlen. Alle wissen bescheid, alle sind zufrieden, das Spektakel geht allmählich seinen Gang. Doch wozu auf einmal der ganze Lärm? Die Politiker haben sich sofort aufs neue gegenseitige Liebe und Freundschaft geschworen. Keiner der Analytiker hatte dafür eine vernünftige Erklärung parat.

Und hier ist meine Version dieses neuen „Absurdes“. Nein, absurd wirkt das Ganze nicht. Das alles erinnert viel mehr an ein Szenario, das in Moskaus geheimen Palastkammern sorgfältig vorbereitet wurde. Die Sache ist die, dass im heutigen Russland ein „verkehrter“ Marxismus herrscht: Das Fundament bilden die „Silowiki“, während die Produktion den Überbau darstellt. Deswegen herrscht der Präsident – der erste Mann im Staat – gesetzlich über die Basis (die Silowiki), während der Premier – der Zweite Mann unter ihm – den Überbau (die Produktion) beaufsichtigt. So sieht es zumindest das Gesetz vor. In Wirklichkeit aber wurden die Chefs des Verteidigungs- und Innenministeriums sowie des Außengeheimdienstes vom Premier noch während seiner letzten Amtszeit als Staatspräsident ernannt. Urteilen Sie selbst: Der neue Präsident trat sein Amt am 7. Mai 2008 an. Die Silowiki aber sind bereits seit 2005 bzw. 2007 im Amt. Der einflussreichste von ihnen – der Chef des FSB – wurde am 12. Mai, nur fünf Tage nach dem Präsidenten, ins Amt eingesetzt. Es ist offensichtlich, dass der Präsident nicht schon nach weniger als einer Woche den Mut aufbringen konnte, „seinen eigenen Mann“ einzusetzen. Und das ist der springende Punkt. Die gesamte Mannschaft der Silowiki setzt sich nicht aus „eigenen“ Männern des Präsidenten zusammen, sondern aus denen seines Freundes und gleichzeitigen Konkurrenten. Eben darum ist Ersterer gezwungen, sich mit dem „Überbau“ zu befassen (Modernisierungen vornehmen, den Gashahn abdrehen usw.). Wie lange kann er wohl noch die Geduld dazu aufbringen? Aus diesem Grund zieht er die Silowiki vor die Fernsehkameras und bemüht sich, sie im negativen Licht dastehen zu lassen. Zunächst war die Miliz dran. Betrunkene Milizionäre schießen mit ihren Pistolen herum, prügeln das Volk zu Tode! Es herrscht eine furchtbare Korruption! Und jetzt auch noch diese unfähigen Spione, die alle unter dem Pantoffel stehen. Und somit hilft der Präsident des befreundeten Landes dem Präsidenten Russlands. Dieses Spektakel ist durchaus kein absurdes Szenario, sondern gelungene Improvisation. Eine hervorragend vorbereitete obendrein.

Das dritte Spektakel, bis zur Naivität vereinfacht, haben die Deutschen auf die Bühne gebracht. Schon einen Monat vor den Wahlen wussten alle Politiker und alle Bürger, die sich auch nur ein bisschen für Politik interessieren, bereits genau, wer der neue Bundespräsident werden würde. Nichtsdestotrotz inszenierten 1245 Beteiligte 9 Stunden und 34 Minuten lang ein grandioses Spektakel auf den Bildschirmen der beiden größten staatlichen Fernsehanstalten. Emotionen, Monologe, ein Chor von Ovationen! Selbst die friedlichen Fußball-Fans wurden abgelenkt. Doch worum ging es dabei überhaupt? So richtig verstanden hat das niemand.

In unserer Redaktion wurden die Nachrichten des Monats Juni am 30.06., genau zur Zeit dieser Vorgänge, aktualisiert. Der Chef wollte die offiziellen Ergebnisse abwarten, doch der Herausgeber bat, davon abzusehen. Unsere Zeitung hat das Recht, die Lorbeeren der Kassandra für sich zu beanspruchen: Sie hat das Endergebnis bereits vor (!) Beginn der Marathonsitzungen vorausgesagt. Und sie behielt Recht, denn es war einfach unmöglich, sich zu irren. Um wenigstens eine Intrige zu erschaffen, verkündete das Fernsehen als große Nachricht die Meldung, dass 5% der Partei schwankten. So was aber auch! Sie haben es doch tatsächlich gewagt! Wenn das kein Beweis für Demokratie ist! Eine parteiinterne Minderheit hat ihre eigene Meinung! Ja, sie hat ihre Meinung, und sie hatte auch keine Bedenken, diese Meinung zu äußern. Aber werden diese Mutigen am Ende nicht gezwungen sein, die Partei zu wechseln, oder sich ganz von ihrer politischen Karriere zu verabschieden?

Anstelle eines Nachworts: Der Chef verlangt von mir als dem Verantwortlichen für die Rubrik „Der Spötter“, allmonatlich neues Material zu liefern. Aber wir werden auch nicht jünger, und mit dem Alter wird es immer schwieriger, etwas Neues zu erdichten. Doch in diesen meinen Anmerkungen findet sich nichts Erdachtes, ich habe einfach nur berichtet, wie sich alles zugetragen hat, und daher kann ich mich auch nicht als Autor bezeichnen, sondern nur als Reporter.

Juli 2010

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