Der Erfinder des Fahrrades

 

Vadym Karliner

 

Übersetzerin Anneke Sittner

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Unter der Erfindung des Fahrrades soll nicht unbedingt der im Russisch so geläufige Scherz verstanden werden. Das Fahrrad ist heute überall bekannt, auf allen Kontinenten und in allen Ländern. In der Welt existieren zurzeit etwa über eine Milliarde Fahrräder. Neulich haben Engländer das Fahrrad als die größte Erfindung der Menschheit bezeichnet. Und angeblich wurde es schon vor grauen Zeiten erfunden. Schon Leonardo Da Vinci sollte eine Skizze eines dem Fahrrad ähnlichen Mechanismus besessen haben. Die Franzosen behaupten, es hätte ein französischer Graf erfunden. Die Russen sind davon überzeugt, dass das erste Fahrrad ein russischer genialer Bauer gebaut hat. Doch das alles sind bloß Gerüchte und Legenden. Die Historiker wissen genau, dass das erste „Privilegium“ (im  heutigen Sprachgebrauch: Patent) für ein „selbstfahrendes Fahrzeug“ mit Steuerrad und Sattel fast vor 200 Jahren der deutsche Baron Karl von Drais bekommen hat; und seine Zeitgenossen nannten dieses Verkehrsmittel dann Draisine, nach dem Namen des Erfinders.

Allerdings war diese Draisine unseren heutigen Fahrrädern nicht sehr ähnlich. Erst später und von anderen Konstrukteuren wurden Pedalen, Kettenantrieb, Bremsen, Federsattel, pneumatische Reifen und vieles anderes entwickelt. Die Fahrräder auf drei Rädern wurden erfunden, die Tandems, Wasserfahrräder und sogar solche für 8 Personen.

Der Strom der Erfindungen versiegt bis heute nicht, aber der Erfinder, von dem hier die Rede ist, kam nicht sofort  zu diesem Thema. Das erfinderische Interesse zeigte sich bei dem jungen Ingenieur gleich nachdem er die polytechnische Fachhochschule in Odessa absolviert hatte und  Arbeit in einem Betrieb in Kertsch aufnahm. In dem Betrieb wurde er in der Abteilung für Rationalisierungen und Weiterentwicklungen angestellt. In allen sowjetischen Unternehmen gab es unter anderem das Programm für Entwürfe und Vorschläge zur Rationalisierung. Der offizielle Plan musste erfüllt werden, und der junge Mitarbeiter erdichtete kreativ  Vorschläge, die eigentlich von den Mitarbeitern des Betriebs kommen sollten. Alle waren zufrieden: sowohl die Mitarbeiter, die dafür materiell gefördert wurden, als auch die Leitung, die das Plansoll erfüllt hatte, und der Ingenieur selbst, der von dieser Tätigkeit richtig hingerissen wurde. Die Entscheidung zur Genehmigung des Vorschlages zu  etwas Neuem und Nützlichen traf der oberste Ingenieur  im Betrieb (heute – der technische Direktor), aber eine Erfindung, von der es in der Welt noch keine gleiche gibt, erstrebte in dem Betrieb niemand.

In Sowjetunion war die ganze männliche Bevölkerung des Landes armeepflichtig, während die Studenten der technischen Hochschulen in der Regel noch einen zusätzlichen Militärberuf erwarben und anschließend den Titel Leutnant erhielten. Unser junger Forscher wurde zur Armee einberufen und musste für zwei Jahre seine technische Tätigkeit abbrechen. Doch sie war  schon Teil seines Lebens geworden. Gleich nach der Armeedienst entwickelte er in Labor eines anderen Betriebs die verbesserte Variante einer wichtigen Maschine. Der Laborleiter genehmigte den Vorschlag, und die beiden versuchten, ihn als neue Erfindung registrieren zu lassen. Doch das Institut für Patentexpertise kannte schon ein ähnliches ausländisches Patent und erteilte eine Absage. Der erste Versuch geht bekanntlich immer schief.

Der Misserfolg entmutigte den Erfinder jedoch nicht, und bald schon hatte er eine neue Idee. Alle Vorgesetzten zeigten Interesse, und Antrag wurde im Namen von fünf Autoren eingereicht. Genauer gesagt, Autor war nur einer, alle andere waren bloß Mitautoren. (Im Erfindermilieu unterscheidet sich bekanntlich der Autor von dem Mitautor wie Singen vom Schnaufen). Ein Jahr später gab es dann eine schöne Urkunde über die Erfindung. Die Erste!

Aber der Autor arbeitete schon als leitender Ingenieur in einem Lehrstuhl des technischen Institutes. Es folgte ein langes Leben, Arbeit an verschiedenen Lehrstühlen, die Verteidigung der Doktorarbeit, Arbeit an der Entwicklung der komplizierten Geräte. Selbstverständlich auch Familie und Kinder. Und parallel damit lief, das ganze Leben lang, die technische Kreativität. In Sowjetunion wurden alle Erfindungen zum Eigentum des Staates und der Autor bekam kein Patent, sondern ein Autorenzeugnis. Und als die Sowjetunion verschwand, wurde der Autor zum Bürger der Ukraine. In dem jungen Staat gab es noch kein Patentsystem und er meldete seine Arbeiten weiterhin in Moskau an, wo er dann russische Patente erhielt. Zu dem Zeitpunkt, als der Erfinder am Ende des letzten Jahrhunderts nach Deutschland umzog, in die sächsische Stadt Chemnitz, verfügte er insgesamt über 25 Zeugnisse und Patente.

Mit dem Umzug in ein fremdes Land entstanden viele Probleme, sowohl sprachliche als auch materielle. Sein Alter war schon so, dass für ihn die Posten von Ministern, oder wenigstens  Präsident, am besten gepasst hätten, doch sie alle waren schon besetzt. Eine Arbeitsstelle als Ingenieur zu finden, war so gut wie unmöglich. Doch man kann dem Kopf nicht verbieten zu denken. Die Ideen, die er gebar, waren die unterschiedlichsten, die es nur gibt, z.B.  einfache Büroutensilien, wie die Büroklammern, zu verbessern, ein Ohrenschutzgerät gegen  Lärmbelastungen zu entwickeln, ein Mechanismus zum Heben und Transportieren eines PKWs. Also Ideen gab es genug, damit gab es keine Schwierigkeiten. Das Problem bestand aber darin: Wie soll man sie in der deutschen Sprache beschreiben? Wo findet man die entsprechenden Formulare für einen Antrag oder Anmeldung? Also, wie und wo registriert man das? Der Erfinder wendete sich an verschiedene Organisationen – alles umsonst. Jemand gab ihm die Adresse: Patentabteilung der Technischen Universität Chemnitz. Dort müssen die Berater sein.

Die Berater bekommen zwar alle den gleichen Arbeitslohn, doch sie arbeiten alle unterschiedlich. Mehr als einmal war der Erfinder in der Abteilung und verließ sie ohne jeden Erfolg. Einmal hatte er Glück: Eine Beraterin war sehr freundlich und holte sogar ihre Kollegin, die etwas Russisch konnte. So wurde die erste Anmeldung eingereicht. 2007 wurde sie anerkannt. Dann folgten die anderen. Die Erfindungen wurden anerkannt und als Offenlegungsschrift publiziert. Dann gab es einige gleich nacheinander: 7 Anmeldungen für verschiedene Räder des windangetriebenen Generators. Zu allen Entwürfen hat der Erfinder selbst einen Muster bzw. Model verfertigt.

Und schließlich kam das Fahrrad an die Reihe. Jeder Radfahrer ist wenigstens einmal im Leben gestürzt und weiß wie unangenehm das ist. Die Fahrradwege gibt es  nicht überall und innerhalb des dichten Verkehrs der Autos und Fußgänger zu manövrieren, ist anstrengend. Deswegen könnte ein stabileres zweirädriges Fahrrad sehr aktuell sein. Der Erfinder hat sich entschieden, das Lenksystem zu verbessern. Mit seinem einzigen Musterfahrrad fährt er jetzt gemütlich durch die Stadt und hat viel Spaß (s. Fotos, Video). Die Erfindung ist schon offiziell anerkannt und noch zwei Ideen zu der Optimierung der anderen Bereiche des Fahrradmechanismus wurden eingereicht. Sie werden zurzeit geprüft. Unsere Redaktion wünscht dem unruhigen Mann weitere kreativen Erfolge und ist überzeugt, dass eine Firma, die dieses Patent erwirbt und die Produktion des stabilen Fahrrades beginnt, mit Sicherheit Erfolg haben wird.

 

Der Name unseres Erfinders ist: Dr.-Ing. Viktor Glushko.

E-Mail: v.erfinder@gmail.com

Tel.: +49-(0)371-5430549.

November 2011

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