Mit den Augen der GUS-Auswanderer gesehen:

 Etwas geht hier vor…

Vadym Karliner

Übersetzerin Anneke Sittner

          Nein Jungs, alles läuft hier anders,

alles läuft nicht so.

Wladimir Wyssozki

Русский

Schon seit einigen Jahren verschlechtert sich das Leben in den USA und Westeuropa. Nicht für alle natürlich, doch für viele. Das ist ungewöhnlich für die Länder, die inzwischen den Status der „Goldenen Milliarde“ besitzen, doch es ist heute die Realität, mit der man sich schlecht abfinden kann. Die berufstätigen Menschen mit einem gefragten Beruf werden für ihre Arbeit immer schlechter bezahlt. Das gilt für die Arbeitnehmer in einem staatlichen oder privaten Unternehmen ebenso wie auch für manche Unternehmer selbst. Ein Teil der Arbeitsnehmer hat gar die Möglichkeit verloren zu arbeiten. Ihre Arbeit wird nicht gefragt. Es gibt auch noch Rentner, von denen es heute, angesichts der guten Ernährung und medizinischer Verpflegung mehr geworden sind. Sie leben einfach länger. Nun wird ihre reale Rente, bezogen auf die Preissteigerungen, niedriger. Alle, die das betrifft, sind die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung; Menschen die an einen bestimmten Lebensstyl gewöhnt sind. Schulden werden zur Gewohnheit. Es ist wirklich sehr angenehm, über zusätzliches Geld zu verfügen. Auch für einen Staat ist das sehr bequem. So werden einige Prestigeprojekte finanziert. Doch Schulden muss man später zurückzahlen. Und die augenblickliche Entwicklung kann plötzlich rückwärts laufen.

Was passiert in den demokratischen Ländern, wenn das Lebensniveau sich deutlich verschlechtert? Tausende und Millionen Menschen protestieren auf den Straßen. Mit Reden und Protestrufen. Manchmal auch mit Steinen und Molotow-Cocktails. Die Regierung tritt zurück und wird durch die konkurrierenden Gruppierungen ersetzt. Im vergangenen Jahr ist das in vielen Ländern passiert: England, Portugal, Irland, Dänemark, Finnland, Griechenland, Italien, Slowenien, Kroatien, Belgien (hier herrschte sogar anderthalb Jahre Regierungslosigkeit)… Oft waren die Wahlen außerplanmäßig…

Und was danach? Diese Ereignisse erinnern mich an den alten Witz, als eine Lok an einer kleinen Station ausgewechselt wurde. Der Fahrgast fragt den Zugbegleiter: „Warum stehen wir?“ – „Der Lok wird ausgetauscht“. „Wogegen ausgetauscht?“ – „Gegen eine andere Lok“. „Also alles bleibt, wie bisher?“ Die neuen Regierungen fahren mit den schon durch die alte Regierung angefangenen Maßnahmen fort. Die Neuen sind immer besser, einfach weil das neu ist… Manchmal bei dem Regierungswechsel kommen einige Schmiergelder ins Licht und sonstige Unarten. Und das ist allerdings nicht selten.

Gleich neben Europa, in Nordafrika, herrschen andere Systeme. Dort wurde die Macht nicht gewählt, sondern durch Gewalt genommen und beibehalten. Und Menschen, die ihren Alltag meistern und jeder Politik fremd sind, empfinden eine solche Macht als Normalität. Die Diktatoren regierten Jahrzehnte lang und sorgten sich nach ihren Vorstellungen um das Volk. Wie lange konnte das dauern? Die Welt ändert sich und die neue Generation ist ganz anderes als die vorherige. Sie sieht den Unterschied. Und hauptsächlich sieht sie für sich selbst keinen Platz in einem eigenen Zuhause. Wegfahren? Wohin? Nirgendwo ist man willkommen. Aber könnte man vielleicht das Zuhause so gestalten wie  anderswo? Warum kann man die Diktatoren nicht vertreiben?

Vieles ist gelungen. Doch die Geschichte lehrt uns, dass es einfacher ist, eine Revolution zu vollbringen, als das Land danach zu regieren. Der Prozess ist noch lange nicht zu Ende, doch ans Regieren kommen nicht diejenigen, die die Revolution eigentlich organisiert haben.

In Osteuropa ist es vor kurzem gelungen, einen ähnlichen Lebensstil zu schaffen wie im Westen. Wahrscheinlich deswegen waren die Krisen der letzten Jahre in Polen nicht so spürbar und Regierung blieb nach den planmäßigen Wahlen  im Sattel.

Noch weiter östlich, in Russland, gibt es eine eigene Lebensart. Dort ist es der postsowjetischen Regierung gelungen, die politische Konkurrenz zu liquidieren, doch sie versucht sie, künstlich darzustellen. Deswegen sind die Wahlen immer mit einigen Anstrengungen der Verwaltung verbunden. Am Vorabend der Wahlen wird versprochen,  die Versorgung für die Armee und die Sicherheitsdienste zu verbessern. Für die restlichen Wähler werden die Arbeitslöhne auch Stückchen für Stückchen angehoben. Der Chef des Landes äußerte seine Meinung darüber sogar öffentlich: solange wir (die Regierung!) nach und nach etwas dazu geben, bleiben wir am Steuer. Das heißt: Alles sieht schön aus.

Doch die munteren Aussagen spiegeln nicht unbedingt die tatsächliche Stimmung der Administration wieder. Gesetzlosigkeit, Machtmissbrauch und rücksichtslose Korruption auf allen Ebenen der Regierung wurden der Bevölkerung schon zum Überdruss, deswegen wurden entsprechende Maßnahmen eingeführt. Wie die unabhängigen Beobachter resümierten, waren die Wahlen technisch gut organisiert, doch die Stimmenzählung wurde zum strengsten Geheimnis. Schon Stalin  sagte: „Wichtig ist nicht wie man abstimmt, wichtig ist wie man die Stimmen zählt“. In Sowjetzeit waren 99,98% „pro“ die übliche Quote. Heute zeigen einige Talente  auch ähnlich Rekordzahlen, doch in Anbetracht der skeptischen Stimmungen, beschränkte man sich diesmal auf eine normale Mehrheit. In jedem Fall, alles ist wie davor geblieben.

Aber noch weiter nach Osten: In dem riesigen China, das die ganze Welt mit seinen Waren versorgt, ist auch die globale Krise angekommen. Und der Chef der Sicherheitsdienste ruft die lokalen Regierungen zum Kampf gegen die eigene Bevölkerung auf, deren Leben sich verschlechtert. Also: „Seien Sie auf dem Hut!“

Etwas geht auf der Erde vor. Die Astronomen behaupten, die Sonne wäre aktiver geworden.

Januar 2012

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