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Mit den Augen der GUS-Auswanderer gesehen: Der Hindernislauf zu den Eurofonds Teil eins: Antragstellung
Wladimir Kunow Übersetzer Alexander Sauter |
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Mit den Augen der
GUS-Auswanderer gesehen
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Im seligen Deutschland genießt die Zivilgesellschaft aktive Unterstützung. Jedes Budget – ob auf Bundes-, Landes- oder kommunaler Ebene – sieht unbedingt einen bestimmten Prozentsatz für diese Ziele vor. Die aus einigen Parteien und Zehntausenden verschiedener Vereine bestehende Zivilgesellschaft existiert tatsächlich und ist auch aktiv. Um finanzielle Unterstützung zu erhalten, reichen die Vereine Anträge über die Durchführung verschiedener gemeinnütziger Projekte ein. Alles Weitere liegt schon in der Hand der Beamten. Beamte aber gibt es verschiedene. (Red.) Der Chefredakteur bestellte mich zu sich. Aber was heißt hier „bestellt“? Der Chef steht mit seinen Kollegen auf freundschaftlichem Fuß, mit mir ganz besonders. Der eiserne Unterton, der durch den Telefonhörer durchklang, gab allerdings deutlich zu verstehen: Der Chef ruft auf die Matte, und diesmal ist es ernst. Und so wurde ich beim Chef vorstellig. Der packte den Stier ohne jede Umschweife gleich bei den Hörnern. „Du hast dich hier nicht übel eingerichtet. Kritzelst mit dem Stift herum, hämmerst auf die Tastatur… Idylle. Die reinste Idylle, nicht wahr?“ „Nun, im Großen und Ganzen, ja. Ist was passiert? Sag schon.“ „Ja, ist es. Alles geht den Bach runter. Das Geld ist futsch, ausgegangen.“ „Komplett?“ „Komplett. Wir können die Miete für diese Räume nicht mehr bezahlen.“ „Und warum?“ „Krise. Du hast vielleicht schon davon gelesen oder gehört? Alle Projekte wurden abgesagt. Kein Geld.“ Zur Erklärung: Unsere Redaktion wird auf ehrenamtlicher Basis finanziert, hält sich durch Projekte aus unterschiedlichen Fonds über Wasser. „Und was weiter?“ „Unsere letzte Chance ist der Europäische Fonds, der Eurofonds. Es geht das Gerücht um, dass die Krise bis dorthin noch nicht durchgesickert ist.“ „Na dann los doch.“ „Nein, mach du mal. Ich habe hier auch so schon genug um die Ohren. Siehst du den Schrank dort? Er ist voller Ordner, und es sind alles dicke Ordner. Kümmere du dich um den Eurofonds.“ „Nun, wenn es sein muss, dann muss es eben sein. Aber wie soll ich das machen? Gibt es irgendwo ein ähnliches Muster?“ „Was für ein Muster? Wo soll ich das hernehmen? Ich habe keine blasse Ahnung! Geh und finde es selbst heraus“. Damit war die Unterhaltung beendet. Ich begann zu handeln. Informierte mich im Internet. Zunächst auf Russisch, dann auf Deutsch. Es gibt einen Integrationsfonds für Immigranten. Die üblichen Worte, alles schön und gut. Wie aber kann man auf ihn zugreifen? Und besteht für unsere kleine Gesellschaft überhaupt eine reale Aussicht darauf? Ich dachte an die Worte meiner Bekannten. Alle sagen, dass für solche wie uns keine Aussicht bestehe. Die Europäischen Fonds beschäftigen sich mit seriösen, großen Projekten, dort geht es um Hunderttausende und Millionen Euro. Um wie viel aber können wir bitten? Bitten können wir vermutlich schon, doch wer wird uns die Mittel geben? Ich fand jedoch einen Gesellschaftsvorsitzenden, der vor einigen Jahren mit dem Eurofonds zu tun hatte und darum Bescheid wusste. „Ja“, teilte mir der Bescheidwissende mit, „die haben damals Zehntausend überwiesen und viele Seiten mit Bedingungen zur Verwendung dieser Mittel zugeschickt. Ich begriff, dass es mir nicht möglich sein würde, diese Bedingungen zu erfüllen und habe das Geld wieder zurückgegeben.“ „Zurückgegeben?“, fragte ich erstaunt. „Ja“. Mit dieser Information ausgestattet, zog ich für mich zwei Schlussfolgerungen. Erstens: Man kann den Versuch unternehmen, gewisse Mittel zu erhalten. Zweitens: Man hat mir etwas von zehntausend Euro erzählt. Gewöhnlich wird aber für den Anfang nur ein Teil des Gesamtbetrages überwiesen. Die Hälfte? In dem Fall muss ich um zwanzigtausend bitten. Was die Rechenschaftsabgabe angeht, so hat dies noch Zeit bis später. Erst einmal die Mittel kriegen. Aber wohin soll ich mich nur wenden? Es gelang mir, die Adresse des Landesamtes für Immigranten und Flüchtlinge herauszufinden. Es scheint, als sei dieses für die Verteilung der Gelder aus Europa in unserem Bundesland verantwortlich. Sagt man zumindest. Ich fand nur die Adresse heraus und schrieb den sehr geehrten Damen und Herren darum einen höflichen Brief. So und so, schrieb ich, wir sind hier alle so lieb und nett, wäre es nicht möglich, uns ein Formular zur Antragstellung zuzuschicken? Den Brief legte ich dem Chef zur Unterschrift vor. Der las ihn durch und gab nur einen skeptischen Laut zur Antwort. „Unterschreib selbst mit „im Auftrag“. Du wirst unser Vertreter im Eurofonds. Mich aber lass in Ruhe damit“. Die Antwort kam einen Monat später. Zwei Seiten kleingedruckten Textes. Etwas Ähnliches hatte ich bereits im Internet gelesen. Alles wunderbar, wir helfen auf diese und auf jene Weise. Aber nirgends irgendwelche Formulare. Offenbar hat die zuständige Beamtin einfach nur den entsprechenden Text in ihrem Computer rausgesucht, ihn mit meiner Adresse versehen und anschließend durch den Drucker gejagt. Die einzige nützliche Information war der Name und die Telefonnummer der Beamtin, die mir geantwortet hatte. Daraufhin bereitete ich einen äußerst höflichen Text vor. Rief an, bedankte mich für die ausführliche und wohlgesonnene Antwort und fragte nach, wie es um meine Formulare stehe. „Ich weiß es nicht“, antwortet die Verantwortliche des Verantwortlichen der Einrichtung. „Wir bearbeiten nur die eingehenden Antragsformulare, stellen diese aber nicht selbst zusammen. Alle Formulare finden Sie im Internet. Die müssen bis zum 15. Oktober eingereicht werden“. Somit brachte der erste Versuch keinerlei Ergebnisse. Wieder suchte ich mit Nachdruck im Internet, konnte das benötigte Formular aber nicht finden. Ich verzweifelte. Dies alles fand im Sommer statt. Vielleicht sollte ich es eher gegen Oktober noch einmal versuchen? Im September suchte ich wieder - und fand, was ich suchte! Hurra! Offenbar haben sie die Formulare rechtzeitig zur Frist der Antragsstellung endlich zugänglich gemacht. Eine ganze Woche lang dichtete ich an der Bittschrift herum. Projekt auf drei Jahre, zwanzigtausend Euro jährlich. Ich schrieb alles rein, was wir so machen: Eine Zeitung und Broschüren herausgeben, Ausstellungen durchführen, Filme drehen. Und wieder zurück damit zu den Landesverantwortlichen. Die Antwort kam nahezu unverzüglich per E-Mail: Dreijahresprojekte werden nicht mehr vergeben. Wenn Sie wollen, ziehen wir ein Einjahresprojekt in Betracht. Das ist zwar nicht ganz so gut, aber Geld für ein Jahr ist immer noch besser als gar nichts. Wir wollen es versuchen. Einen Monat später kommt eine neue E-Mail. Alles verkehrt. Vollkommen falsches Formular. Taugt alles nichts. Alles falsch, alles vollkommen falsch, Jungs! Aber Gott sei Dank sind die Adressen angegeben, wo man die richtigen Formulare herbekommt. Auch sind diese nicht ans Landes-, sondern ans Bundesamt zu schicken. Die entsprechende Adresse ist angegeben. Gar nicht mal so lange, nur einen einzigen Monat haben sie gebraucht, um diese neue Nachricht zuzusenden. Am Ende des Briefes ein Postskriptum: Wenn Sie für das nächste Jahr noch vorgesehen zu werden wünschen, senden Sie uns Ihren Antrag auf neuen Formularen bis zum 15. November zu. Bis zum 15. sind es aber nur noch drei Tage. Und so hab ich mich abgemüht, alles umgearbeitet, oder besser gesagt komplett neu gemacht, und – ab damit an die neue Adresse. Kurze Zeit später erhalte ich zwei neue elektronische Briefe. Einer davon vom Landes-, der andere vom Bundesamt. Dem einen passt eine Sache nicht, der andere bittet, unsere Bitte etwas näher zu erläutern. Ich verbessere alles und schicke den Brief wieder auf die Reise. Wieder eine neue E-Mail vom Bundesamt: Der Bedienstete lässt alle, mit denen er schriftlich zu tun hatte, wissen, dass er an eine andere Stelle versetzt wird. Verabschiedet sich, wünscht allen etwas usw. Danach gibt der neue Beamte neue, den alten entgegengesetzten Anweisungen. Dies und das heißt nicht so, sondern so. Ich gebe mich sofort mit allem einverstanden. Dann soll es eben so sein. Mittlerweile ist es schon nicht mehr fern bis Weihnachten und Neujahr. Sieht so aus, als stürbe bereits alles, noch bevor es überhaupt geboren wurde. Und da, plötzlich : ein Telefonanruf. Eine weibliche Stimme stellt sich vor: Landessozialamt, Name soundso. „Sie haben einen Antrag eingereicht?“ Jawohl, haben wir. „Was genau planen Sie, im Rahmen Ihres Projektes zu tun?“ Was für eine Frage. Ich habe doch bereits schriftlich alles ausführlich dargelegt! Ich gebe mir Mühe, ihr genau dies auf höfliche Weise zu erklären. Doch sie lässt nicht locker. „Und dennoch – was genau haben sie vor?“ Mir kommt der Gedanke, dass ihr unser Antrag möglicherweise nicht vorliegt, oder sie hat einfach keine Lust, alles zu lesen. Ich antworte so gut ich kann. Den Text habe ich gerade nicht vor mir. Auf Deutsch, ohne Vorbereitung, ist es mir schwierig, zu antworten. Aber ich halte durch, erzähle. Gut, dass wenigstens ich sie verstehe. Sie hört mein gebrochenes Deutsch und spricht deutlich und langsam mit mir. Ich erzähle ihr, wer wir sind und was wir schon alles gemacht haben. Das Gespräch dauert über eine halbe Stunde. Ich berichte ihr von unseren Plänen. Plötzlich fragt die Dame vom Ministerium: „Und das alles wollen sie mit zwanzigtausend Euro verwirklichen?“. Ich verschlucke mich fast. Ich will schon sagen: „Gib mir mehr, ich sage nicht nein“. Doch ich beherrsche mich. Keine Späßchen. Ich bin ein ernsthafter und sachlicher Mensch. Ich antworte ihr anständig: Wir haben viele würdige Mitarbeiter, die auf ehrenamtlicher Basis arbeiten usw. usf. Und da höre ich: „Die Zusage für das Projekt kriegen Sie“. Woraufhin sie sich verabschiedet. So sieht’s aus. Deutlich und überzeugt hat sie es gesagt. Im Gegensatz zu einem halben Dutzend anderer hat sie sich als einzige dafür interessiert, welche Pläne wir haben. Sie hat sich als einzige nicht dafür interessiert, ob unser Antrag mit dem richtigen Formular eingerichtet wurde und wie er formuliert war. Wer sie ist? Welches Amt bekleidet sie? Ich weiß es nicht. Aber ich habe ihr geglaubt. Habe ihrem Wort geglaubt und habe den Chef angerufen: „Sieht so aus, als hätten wir es geschafft“. „Wie das?“, fragte der Chef erstaunt. Ich erklärte ihm alles, und auch er glaubte es. Nach einiger Zeit begannen Briefe mit der Post einzutreffen. Zunächst kam Anfang Januar ein seltsamer Brief per Post: Das Projekt ist bestätigt. Macht euch an die Arbeit. Wie viel Geld ihr bekommt, wird derzeit noch entschieden. „Was soll das heißen – macht euch an die Arbeit?“, staunte der Chef, „sie sollen uns Geld geben“. Danach wieder ein Telefonanruf. Am Hörer schon wieder irgendein neuer Bediensteter. Hat einen neuen Fehler entdeckt. Ich entschuldige mich sofort und erkläre mich mit allem einverstanden. Gnädig verkündet der Neue: „Also gut, wir bessern hier alles selbst aus, korrigieren Sie den Fehler in Ihrem Exemplar“. Danke. Ende Januar kommt ein weiterer Brief. Wir kriegen die Zwanzigtausend. Den ersten Teil schickt man uns im Februar. Arbeiten sollen wir aber schon ab dem 1. Januar. Am 28. Februar (im Februar – man hat uns nicht belogen!) trifft endlich eine Vorzahlung ein. Zeitgleich kommen mit der Post 20 Seiten klein gedruckten Textes – die Regeln zur Verwendung dieser Mittel. Wir lesen es uns mit dem Chef gemeinsam durch. Besonders beeindruckt uns das Verbot zur „Veruntreuung“. Sie sorgen sich umsonst, wir werden nichts veruntreuen. Aber davon dann im nächsten Teil. März 2010 |
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