In Gedenken an Jegor Gajdar

Vadym Karliner

Übersetzer Herbert Pietzsch

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Das Volk begegnet Wissenschaftlern mit Hochachtung und Ehrfurcht. Beschäftigen sich diese doch mit etwas Geheimnisvollem, nur ihnen selbst Verständlichem. In der Schule haben wir zwar alle Physik-Chemie-Mathematik-Stunden „absolviert“, die heutigen Wissenschaftler beschäftigen sich jedoch mit etwas ganz anderem: Mit unserem Schulwissen sind ihre Forschungsgegenstände nicht mehr zu begreifen. Es heißt, die Wissenschaft sei Sache sehr kluger, ausgewählter Menschen. Auf jedem Gebiet der Wissenschaft.

Es gibt jedoch einen Wissenschaftszweig, der für viele Menschen interessant ist. Für gewöhnlich nennt man ihn Ökonomie. Zumindest erreichen uns die direkten Forschungsergebnisse oft in Form von Reformen oder Krisen. Verglichen zum Beispiel mit der Mathematik, begann die Entwicklung dieser Wissenschaft vor gar nicht sehr langer Zeit. Die Anfangserkenntnisse der Geometrie waren schon im Altertum bekannt und viele Wahrheiten, die wir in der Schule „behandelten“, stammen aus der Zeit der Renaissance. Die Ökonomie jedoch entwickelte sich erst später, vor gar nicht zu langer Zeit. Vor 100 Jahren, als Nobel sein Geld zur Prämierung von Wissenschaftlern vererbte, dachte er noch nicht an die Ökonomen. Tatsächlich betreiben diese eine recht eigentümliche Wissenschaft, beschäftigt sie sich doch nicht mit den materiellen Grundlagen der Welt, sondern mit irgendwelchen irrealen, von den Menschen ausgedachten Gesetzen.

In der heutigen menschlichen Gesellschaft ist diese Wissenschaft jedoch so wichtig geworden, dass das Nobelpreiskomitee beschloss, die ursprüngliche Ungerechtigkeit zu korrigieren, – durch die Verleihung der Auszeichnung  auch an die bedeutendsten Ökonomen der Welt. Und die gesamte wissenschaftliche Welt empfindet dies als gerecht.

Im Dezember des vergangenen Jahres starb der Doktor der Ökonomischen Wissenschaften Jegor Gajdar. Er hatte nie den Nobelpreis erhalten. Mehr noch, den talentierten jungen Beststudenten, Enkel zweier berühmter, ganz unterschiedlicher Kinderbuchautoren und Märchenerzähler und Sohn eines Auslandsjournalisten nahmen seine ehrwürdigen Chefs, mit denen er arbeitete, nicht sehr ernst. Eingebunden als ökonomischer Experte in das System der höchsten staatlichen Macht, schrieb er Empfehlungen und vollzog Handlungen, die seiner weiteren Tätigkeit widersprechen sollten.

Er war kein Schreibtischwissenschaftler und brachte keine dicken Lehrbücher heraus. Er machte Geschichte. Er wurde Minister und für ein halbes Jahr gar Premierminister Russlands. Dabei war er niemals wirklich der Erste, und Premier war er nur amtierend. Man störte ihn,  machte es ihm sehr schwer. Doch er machte erstmals in der Geschichte  Revolution in umgekehrter Richtung. 

Seit den Zeiten eines anderen Ökonomen – Marx – wusste die gesamte Welt, dass sich erst der Kapitalismus entwickelt und dieser danach vom Sozialismus-Kommunismus besiegt wird. Gajdar „ hob den Kommunismus auf“ und führte das Land zum Markt, d.h. zum Kapitalismus zurück.

Seine Kollegen wollten diesen Weg anders beschreiten. Aber sie blieben in Ansätzen, in unverwirklichten Vorschlägen stecken. Und nach Gajdar gab es nicht wenige Wissenschaftler-Ökonomen aus der ganzen Welt, die seine Fehler erklärten und aufzeigten, wie man es hätte richtig machen sollen. Aber sie schrieben und erklärten nur: Er hingegen hatte etwas getan. Millionen Menschen, Dutzende von Millionen, deren eingefahrene Lebensweise gebrochen wurde, hassen Gajdar. Und das sogar so sehr, dass der Radiosender „Swoboda“ (Freiheit) speziell darum bat, sich bei den Äußerungen zum Nachruf auf Gajdar zurückzuhalten. Aber haben Menschen allein dann schon Recht, wenn sie nach Millionen  zählen? Geschichte scheint das zu zeigen, aber nicht immer. Und außerdem: Hatte nicht auch er zerstört, Überkommenes zerbrochen? Das System, in welchem die Millionen von Menschen lebten, war selbst in eine Sackgasse geraten, aus der er es herausholte. Doch das verstehen nur wenige.

Jegor Gajdar und seine Mitstreiter haben Revolution gemacht. Und er ist auf ewig in die Geschichte eingegangen als großer Ökonom und Politiker. Die Redaktion drückt seinen Angehörigen und Freunden ihr tief empfundenes Beileid aus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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