Mit den Augen der GUS-Auswanderer gesehen:

Ob Sie am Ball bleiben?

 

Wladimir Kunow

Русский

Die Fastenzeit hat uns im Griff, Zeit der Abstinenz von fleischlichen Genüssen und des Verzichtens auf irdische Freuden. Einzig der Rückgabehandel blüht noch nach dem Motto „Geschenke los!“ Ansonsten alles vorbei und fast schon vergessen: Weihnachten, Neujahr, das Fest der „Drei Könige“, Messen, Fasching, Karneval.

Ach ja, der Karneval! Unaufhaltsame Tänze der Nackten und fast Nackten in wärmeren Ländern und heißen Temperaturen. Das Tänzeln der nur leicht (Liebe wärmt!) und skurril Bekleideten in unserem Klima und kaltem Wetter. Und nur kurz darauf: Das Fest der Verliebten am Valentinstag, die alltägliche heiße Liebe. Und so hieß es wieder wacker: Los und los, Karneval!

Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Dieses Mysterium ist nicht nach allen Herzen. In der Epoche der Könige und Kurfürsten gab es Menschen, die halten und aufhören konnten. Doch im 16. Jahrhundert stieß sich der Kölner Kurfürst an den eingerissenen Bräuchen. Karneval, das hieß: Trunkenheit, Schlägereien, Völlerei, Tänze, Unbändigkeit, Ausschweifungen. Alles klar. Und so befahl er: Verboten! Wer nicht folgte, dem wurde eine Geldstrafe auferlegt. Man muss saftig zahlen – oft einige Tageseinkommen. Doch das wirkte nur bei Einigen, nicht bei allen.

Jahre und Jahrhunderte gingen ins Land. Mit ihren Kurfürsten kämpften zunächst die gläubigen Katholiken gegen die „ Karnevalitis“, dann ergaben sie sich. Zudem tadelten die Lutheraner in ihrem Kampf gegen die Katholiken deren Nachsicht gegenüber den „Karnevalsüchtigen“. Doch man erhörte sie nicht. Im 19. Jahrhundert ordneten die Professoren der Bonner Universität an, alle müßigen, feiernden Studenten samt ihren Masken oder der närrischen Kleidung in den Karzer zu sperren. Für drei Tage. Aber auch das fand kaum Widerhall. Zwar griff man den einen oder anderen auf und lochte ihn ein. Aber alle kann man nicht festsetzen, wo fände man so viele Karzer?

Heutzutage herrscht Freiheit. Jeder feiere, soviel er will, bummele und schwiemele. Dazu aber kommt: Die Macht muntert auf. Der Staat  ist klug geworden: Er freut sich, wenn man bummelt, isst und übermäßig trinkt. Sonst tröpfeln die Steuern nur, aber sie fließen und strömen in der Karnevalszeit. Ökonomische Apotheose!

Doch das ist längst nicht alles. Vorteile kann man nicht nur aus der  Karnevalszeit schlechthin ziehen, sondern auch aus ihren Begleitumständen. Dann kommen die kleinen Kabinchen zu ihrem Recht, in denen man ein Zuviel an Flüssigkeit wieder loswerden kann. Normalerweise muss man, um dort Zutritt zu bekommen, ein paar Münzen einwerfen. Aber wer hat schon zuviel Münzen, wenn das Einkommen ohnehin nicht zu groß ist? Das Volk ist nicht von gestern und nicht auf den Kopf gefallen. Es strömt nach dem Genuss einer größeren Menge an Bier wie eine Flut in die Kabinen, die Erleichterung verheißen. Einer nach dem anderen drängt hinein. Die Tür darf nicht zufallen, sonst wäre Vorteil, ohne Münzen auszukommen, dahin.

Aber die Regierung ist nicht dumm, man kann sie nicht anführen. Sie hat ihre eigene Methode zum Abkassieren. Kabinchen – zum Teufel! Alles geht einfacher, unverzüglich. Wenn es jemanden an die Wand drückt, läuft er in die Büsche oder um die Ecke. Und dort ertappt man ihn auf frischer, lauwarmer Tat. Willkommen – und zahlen Sie bitte Strafe! Dabei kommt mehr zusammen als mit den Kabinchen. Und die Laune der Menschen verdirbt nicht für zu lange. Wenn ein Mensch sich erleichtert, ist er bereit manches hinzunehmen und hinzugeben. Und feiert weiter.

Die Party ist „jedem Alter unterwürfig“ (A.S. Puschkin); den Jungen, die gerade erst die Welt“ erblickten, den Erwachsenen und den ganz Reifen! Die Sexrevolution hat uns im Griff. Mancher hat schon Enkelinnen und Enkel, lässt aber dennoch von Genüssen nicht ab.

Vor mehr als einem Jahrhundert vergaß ein russischer Gouverneur, seinem Zar zum Geburtstag zu gratulieren. Drei Tage später erinnerte er sich daran und, um sich rechtzufertigen, sandte er ein Telegramm: „Wir trinken schon den dritten Tag auf Ihr Wohl, Majestät!“ Und empfing die Antwort: „Ob Sie nicht am Ball  bleiben sollten?“

Knaben und Mädchen, sehr geehrte Damen und Herren, Omas und Opas, sollen auch Sie am Ball bleiben?

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