Mit den Augen der GUS-Auswanderer gesehen:

Das zweite Jahrzehnt ist gekommen…

Vadym Karliner

Übersetzerin Anneke Sittner

Русский

Nun haben wir das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts erreicht. Fangen wir es mit dem Stichwort Kalender an. In der Welt gibt es viele davon, unterschiedliche, aber es gibt einen allgemein gültigen, der auf konkreten planetaren Zyklen basiert. Während eines Kalenderjahres macht Erde eine Umdrehung um die Sonne, innerhalb von 24 Stunden eine Umdrehung um die eigene Achse. Innerhalb eines Jahres macht Erde keine gerade Zahl von Umdrehungen um diese Achse. Das wird durch die unterschiedliche Zahl der Tage innerhalb eines Jahres berücksichtigt. Das alles ist ganz materialistisch und verständlich, begründet auf der astronomischen Realität.

Allerdings nicht alles. Unklar und überhaupt unbegründet ist der Ausgangspunkt. Anstatt ein reales astronomisches oder globales Ereignis als solches zu nehmen, zum Beispiel die Kollision mit einem Kometen, ein großes Erdbeben, einen gewaltigen Vulkanausbruch usw., wurde das Registrierungsdatum eines Philosophen des Altertums für den Nullpunkt angenommen, ein Ereignis, das von vielen Legenden umweht ist. Das war dann nicht einmal dessen Geburtsdatum, sondern ein gewisser ritual-bürokratischer Akt: seine Beschneidung. Offensichtlich wurde in der Religion in dem Gebiet, wo der künftige Philosoph geboren wurde, die Bürokratie wesentlich höher geschätzt als die Realität. Also die Prozedur der Beschneidung war bedeutender als der Fakt der Geburt. Das Unlogische dieser Tradition ist zusätzlich betont worden, indem jener Philosoph alle Dogmen und Rituale der Religion, in der er geboren wurde, ablehnte und seine eigene, neue gründete, sobald er erwachsen wurde. Man könnte außerdem  noch auf die mysteriöse Tatsache der russisch-ukrainischen Kalender hinweisen, wo der Anfangspunkt, d.h. die Beschneidung, vor der Geburt gefeiert wird. Abschließend zu der Aufzählung dieses ganzen Unsinns (vom dem Standpunkt des gesunden Menschenverstandes aus gesehen) muss man sagen, dass es der Wissenschaft immer noch nicht gelungen ist, die Existenz dieses Philosophen historisch zu belegen, obwohl er in einer ziemlich entwickelten Zivilisation gelebt haben soll, und Historiker haben Unmengen von Schriftquellen untersucht. Sie haben hartnäckig gesucht, doch… nichts gefunden.

Trotzt dieser Paradoxien funktionieren die Kalender einwandfrei in der ganzen Welt. Niemand lässt sich durch die mangelhafte Begründung des Nullpunktes verunsichern, und nur wenige denken darüber tiefer nach. So wurde es festgelegt, und so lässt man es bleiben. Tradition. Ab diesem traditionellen Punkt werden Jahre und Jahrhunderte gezählt.

Menschen spielen gern mit Zahlen. Besonders sind die sinnlosen Spiele beliebt, bei denen zufällige Zahlen genannt werden und die Spieler sie im Voraus erraten müssen. Auf diesem Prinzip basieren viele Glücksspiele, vom Roulette bis zum Jackpot. Viele verlieren hier großes Geld, einige gewinnen allerdings. Ein guter Rat: „Wer etwas gewinnen will, der sollte sein eigenes Casino eröffnen“.

Einige Zahlen werden für „glücksbringende“ gehalten, und für das Autokennzeichen mit solchen Zahlen wird sogar extra bezahlt. Die anderen werden im Gegenteil für die „unglücklichen“ gehalten. Nach der Logik dabei zu suchen, wäre sinnlos. Das ist schon wieder Tradition. Allerdings hat der Autor selbst gegen die Zahl 13 nichts einzuwenden.

Das Spiel mit den Zahlen wird auch für die Kalender angewendet. So wird ein Schaltjahr für ein schweres, schlechtes Jahr gehalten. Warum? Die Neugierigen werden umsonst nach einer Antwort suchen.

Erst vor kurzem haben viele Wahrsager uns vor der mystischen Grenze zwischen den Jahrhunderten und Jahrtausenden gewarnt. Besonders bedrohlich war für sie die Zahl 2000 mit den ganzen drei Nullen am Ende. Die Warnenden haben die Tatsache außer Sicht gelassen, dass 2000 nicht das erste Jahr des neuen Jahrtausends ist, sondern das letzte des vergangenen. Und wenn man an das Durcheinander mit dem Anfangspunkt denkt, dann verliert die Mystik der Jahrhundertwende jeden Sinn. Trotz allem gelingt es heutzutage doch einige vernünftige Voraussagen zu machen. Nur wenn man sich nicht auf die Zahlenspiele einlässt, sondern die ganz objektiven Prozesse berücksichtigt, vor allem diejenigen  auf der Sonne, von denen der Zustand der Erdatmosphäre  sehr bedeutend abhängig ist.

Also, das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts ist zu Ende und das zweite hat bereits begonnen. Die auf den Erwerb von materiellen Gütern orientierte Menschheit lebte instabil und unruhig, doch jene materiellen Güter sind vermehrt worden, wenn auch nicht für jeden Einzelnen. Die Summe der Reichtümer wird meistens ziemlich pauschal berechnet: mit Hilfe des Geldsystems. Wenn das Prinzip, das dem Zeitsystem zugrunde liegt, simpel, natürlich und allgemein verständlich ist, dann ist das Geldsystem undurchschaubar; seine Struktur ist praktisch für niemanden zugänglich, außer für einige speziell begabte Finanziers. Aber auch sie verstehen das Ganze offensichtlich nicht eindeutig genug, da sie oft miteinander in Widerspruch geraten. Wegen dieser Schwierigkeiten und dem unvermeidlichen Missbrauch entstehen Störungen in dem System: Finanzkrisen. Am Ende des ersten Jahrzehntes entstand sogar die Gefahr des völligen Zusammenbruchs des ganzen Finanzsystems, was auch einen ganz realen Niedergang des Lebensniveaus hätte mit sich bringen können. Mit gemeinsamen Anstrengungen ist es gelungen, dem zu entgehen, doch die Gefahr bleibt bestehen.

Die Vermögensaufteilung unter den Menschen und den verschiedenen Ländern ist ganz schön unregelmäßig. Wahrscheinlich ist das gerade auch die erste Ursache für die Instabilität des ganzen Systems. Neulich haben zwei Amerikaner, die zwei angeblich reichsten Menschen der Welt, verkündet, dass sie aufhören wollen, ihre eigenen Reichtümer zu vergrößern und ihre Kräfte auf wohltätige Zwecke richten werden. Kann sein, dass solche Taten helfen, das menschliche Leben sicherer und ruhiger einzurichten, auch in den Ländern, wo  für den Frieden mit der Waffe in der Hand gekämpft wird. Kann sein. Wenn dem homo sapiens, dem „denkenden Menschen“, die Vernunft dafür ausreicht.

März 2011

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