|
Kann man so leben? Vadym Karliner Übersetzer Herbert Pietzsch |
|
Русский
Von unsKurze NachrichtenAus aller Welt & in EuropaIn der GUSIn DeutschlandIn Dresden Video
Nicht nur für Immigranten nützliche Ratschläge Ratschläge für jene, die davon träumen, Unternehmer zu werden Ratgeber für politische Anfänger
Für uns fotografiert man
In unserer Stadt und Umgebung Die Verantwortliche für die Arbeit mit den Ausländern In der Welt der Wissenschaft und Technik Mit den Augen der Russen gesehen Winterliche Anmerkungen zu sommerlichen Eindrücken... Mit den Augen des Schachspielers gesehen Eine begeisternde Freizeitbeschäftigung
Mit den Augen der GUS-Auswanderer gesehen Leserbrief Der Spötter Von großen Worten und Verbrechern Der Kommentator und die gesellschaftliche Meinung Literarische SeiteGedichte von Winogradow
|
Die Redaktion erhielt per elektronischer Post einen Brief von Oleg Gennadijewitsch Rogoschnikov aus Barnaul (im weiteren O.R. genannt). Ausgedruckt war der Brief, eng beschrieben, elf Seiten lang. Über seine Person teilte O.R. folgendes mit: Er besitzt zwei Bildungsabschlüsse, einen im Bauwesen und einen juristischen. Dazu erläuterte er: „Ich verbinde die konstruktive Tätigkeit auf dem Bau (in der Funktion des Auftraggebers, des Bauherren) mit der juristischen, also mit allem, was rechtlich mit Immobilien zu tun hat, bei Projektierung, Bau, Inbetriebnahme der Objekte, Registrierung der Eigentumsrechte und Geschäfte mit Liegenschaften“. Somit wird klar: Der Mann ist gebildet und kennt das Baugeschäft von allen Seiten. Das Schreiben war ursprünglich an den Präsidenten Russlands gerichtet. O.R bat uns jedoch, es zu veröffentlichen. Wir baten ihn um die Erlaubnis, den Brief zu kürzen und ihn damit leichter lesbar zu machen. Er war damit einverstanden. Kurz zum Kern der Sache. Seit drei Jahren wohnt O.R. in einem Mehrfamilienhaus, welches unter Verstößen gegen verschiedene Baunormen und Richtlinien, SNuP genannt, gebaut worden war. Konkreter: Die Fenster und Türen sind nicht richtig ausgeführt, ebenso die Heizung, Warm- und Kaltwasserversorgung, Gas- und Stromversorgung. Grobe Mängel gab es bei der Montage des Gaskessels: Es fehlen die Anzeige des Gasverbrauchs, die automatische Regulierung. Es gibt keine Sicherheitstechnik des Kessels und keinerlei Verbindung zu einem (gar nicht vorhandenen) Dispatcherpunkt. Und das ist noch nicht alles. Die Deckenplatten, die Fußböden und die Trennwände zwischen den Wohnungen sind reiner Pfusch. Ursache: Der verwendete Gasbeton besitzt nur ein Viertel(!) der erforderlichen normalen Härte. Die Liste der Mängel ist beeindruckend. Es wird klar: Vieles wurde nur oberflächlich erledigt, und das Geschaffene ist minderwertiger als gefordert und um Einiges schlechter. Aus diesem Grunde schrieb O.R. innerhalb von drei Jahren 65(!) Eingaben an den Präsidenten, den Regierungschef, den Gouverneur, den Generalstaatsanwalt, die Staatsanwaltschaft des Altaigebiets, den Minister für Regionalentwicklung, die Staats-Duma, an Gerichte, Ermittlungsbehörden, Zeitungen und Zeitschriften, an das Fernsehen… Und das Resultat? Auch unsere Journalistenkollegen schwiegen „als hätte man ihnen eine Zwangsjacke angelegt (O.R.)“. Wie es aussieht, lesen höhere Beamte solche Eingaben erst gar nicht, ihre Untergebenen verschicken dienstbeflissen standardisierte Ablehnungen. Das Gericht erbat ein technisch-ökonomisches Gutachten, jedoch 58(!) Institutionen, an die sich O.R. wandte, lehnten sein Ansinnen ab. Die Labors für Gerichtsexpertisen des Justizministeriums in Barnaul, Tomsk, Nowosibirsk, Tjumen und Moskau antworteten, sie seien überlastet. Dann sagte man schließlich dennoch zu, ein entsprechendes Gutachten zu erstellen, aber nichts geschah, „da in der Akte die notwendige Projektierungs- und Bauausführungsdokumentationen fehlen“(O.R.). Man fand das Projekt nicht! Fehlanzeige! Resultat: Null. Die Redaktion konnte sich nicht durchringen, sich für O.R. an den Präsidenten Russlands oder die anderen im Brief genannten wichtigen Persönlichkeiten zu wenden und nachzufragen. Die haben doch so viele andere Dinge zu erledigen. Sie können sich doch nicht um eine einzelne Wohnung oder ein Wohnhaus kümmern, sondern sind damit beschäftigt, Russland aufzurichten und sich dem 10 – mal reicheren Amerika entgegenzustellen, welches nur davon träumt, Russland die nächste Gemeinheit anzutun. Auch O.R. wird uns gewiss beipflichten, wenn wir sagen, dass sie mit ernsteren Aufgaben beschäftigt sind. Übrigens ist die Redaktion aber auch nicht einverstanden, wenn O.R. schreibt, dass der Gouverneur viel wertvolle Zeit zur Vorbereitung seiner Dissertation benötigt. Wir meinen, die Zeit wurde allenfalls gebraucht für die Verteidigung vor dem Wissenschaftlichen Rat und das anschließende Bankett. Das ist insgesamt gar nicht so viel. Und eine Doktorarbeit ist schließlich gut für das Prestige: die Vorsilbe Kandidat oder Dr. (der ökonomischen Wissenschaften) klingt wie ein höfischer Titel und wird in der Zukunft – nach der Zeit als Gouverneur – beispielsweise für die Bewerbung als Universitätsrektor gebraucht. Also haben wir beschlossen, uns nicht an den Präsidenten oder andere hochgestellte Persönlichkeiten zu wenden, sondern an den Verfasser des Briefes. Werter Oleg Gennadijewitsch! Die Redaktion bedankt sich für Ihr Vertrauen und die ausführliche Informationen in Ihrem Brief. Mit Interesse haben wir vernommen, dass unsere Zeitung auch in Barnaul gelesen wird. Unsererseits möchten wir Ihnen mitteilen, dass die Mitarbeiter unserer Redaktion in Dresden aus verschiedenen Regionen der ehemaligen Sowjetunion stammen, darunter auch eine Landsmännin aus dem Altaigebiet. Zum Wesentlichen: Wir wundern uns über Ihren Feuereifer. Wissen Sie wirklich nicht, dass Russland kein Rechtsstaat ist? Zumindest noch nicht. Das gab sogar der russische Präsident zu, in einem Privatgespräch. Doch sein Gesprächspartner zitierte den Präsidenten im Fernsehen. Im Ersten Programm. Dabei sagte das der erste Mann im Staate in ehrlicher Offenheit. Das Land lebe nicht auf der Grundlage von Gesetzen, sondern trotz dieser. Es lebe auf der Basis von Ideen, Auffassungen. So war es unter der Sowjetmacht, so ist es auch heute. Die Mitglieder der Redaktion haben ihr gesamtes bisheriges Leben so gelebt und haben sich deshalb über den Inhalt ihres Briefes nicht gewundert. Sie sind ein Profi und wohl kein junger; kann es denn sein, dass dies alles für Sie so neu ist? Und Ihr Seufzer „ so kann man nicht leben“, trifft nicht die Realität: Das Land lebt doch noch immer. Ich – der Autor dieser Zeilen – war nicht immer schon Journalist. Nicht wenige Jahre arbeitete ich als Turbinen-Ingenieur. Bereiste Kraftwerke der Sowjetunion von Kamtschatka bis Brest, von Workuta bis Duschanbe. Ich war auf vielen Baustellen, lebte in verschiedenen Wohnheimen, in den Siedlungen der Kraftwerke und in zwei Wohngebieten meiner Heimatstadt. Die Qualität: wie Sie es beschreiben! Ich könnte einiges erzählen über Missstände und Unordnung. Doch ich tue es besser am Beispiel des Baus eines Fünfgeschossers für eine Genossenschaft, deren Vorsitzender mein Kollege und Freund, Ihr Namensvetter Oleg war. Die Mitglieder der Genossenschaft – in ihrer Mehrzahl junge, nicht reiche Ingenieure – bezahlten ihre Anteile vollständig und vorab, so waren damals die Gepflogenheiten. Es gab auch einen städtischen Angestellten, einen Baubetreuer, und der Vorsitzende setzte mit viel Anstrengung durch, dass die Bauleute keine Überweisung ohne seine Unterschrift erhielten. Während des Baus – vom Fundament bis zur Übergabe des Hauses – hat er faktisch täglich die Arbeit kontrolliert, Unmengen an Zeit und Nerven verbraucht – einen Teil seines Lebens geopfert. Und er musste Kompromisse eingehen, ohne diese wäre der Bau nie fertig geworden. Das Haus wurde termingerecht fertig gestellt und war das beste Gebäude im Stadtteil. Oleg bezahlte nur das, was wirklich geschaffen worden war. Im Ergebnis blieb ein Teil des Geldes übrig und wurde den Anlegern zurückgegeben. Soweit ich verstanden habe, haben Sie sich mit dem Haus erst nach dessen Übergabe beschäftigt. Decken und Wände in Ordnung zu bringen, sind, denke ich, wohl wenig realistisch. Es bleibt Ihnen nur, über ein Gericht die Rückgabe des Geldes einzuklagen, welches die Bauleute wohl in vollem Umfange nach Kostenvoranschlag erhielten. Und alles, was mit Signaltechnik und Automatik zu tun hat, kann man technisch in Ordnung bringen. Wir riskieren nicht, konkrete Ratschläge zu geben, – wir sind zu weit weg. Was heißt, die Projektunterlagen sind verschollen? Es gibt doch die konkreten Namen der Verantwortlichen in den Projektierungs- und Baufirmen. Das Projekt ist sicher ein Standartprojekt, angepasst nur an die örtlichen Gegebenheiten, und die SNuP gibt es in der Bibliothek oder im Internet. Und irgendjemand hat doch das Haus unter der Adresse Barnaul, Partisanskaja Straße, 201 abgenommen. Es gibt die Unterschriften des Feuerwehrmanns und des Gasinspektors. Es gibt den Vorsitzenden der Abnahmekommission. Das Gericht kennt doch die Namen dieser verschollenen Helden? Oder alle wissen über alles Bescheid, vertuschen aber alles? Auch eine bekannte Methode. Dagegen zu kämpfen ist schwierig – alles ist irgendwie in Watte gepackt. Und Ihre Nachbarn? Unterstützen diese Sie oder haben sie sich mit allem abgefunden? Wenn das Haus explodiert, wird man die Schuldigen suchen. Es bleibt, über die linke Schulter zu spucken, auf Holz zu klopfen und zu leben, wie man in den Tschernobyl- und Sajano–Schuschenskaja - Kraftwerken lebte: noch hat der rote Hahn nicht zugeschlagen. Der Artikel ist nicht sehr optimistisch geworden. Leider. Wir wünschen Ihnen, Oleg Gennadijewitsch, Erfolg. Den Weg schafft der Laufende. |
"Stimme im Internet" Alle Rechte vorbehalten