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Als Folge einer vielhundertjährigen Geschichte mit ihrer unzähligen Anzahl an Kriegen haben sich in Europa bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts Dutzende von Staaten herausgebildet. Zeitgleich mit der Bildung der Staaten lief auch der Prozess der Entstehung von Völkern, die Menschen mit gleicher Sprache und gleichen Traditionen vereinten. Bei weitem nicht immer kennzeichneten die Staatsgrenzen, die sich im Laufe der Zeit mehrfach verschoben, auch das tatsächliche Verbreitungsgebiet eines in Entstehung begriffenen Volkes. Im 20. Jahrhundert waren es vor allem Millionen von Deutschen, die sich in den Gebieten osteuropäischer Staaten wiederfanden. Nach der Niederlage Deutschlands im grauenhaften Zweiten Weltkrieg verschoben die Siegermächte erneut die Grenzen und vertrieben die Deutschen aus ihren neuen und alten Gebieten. Auf diese Weise kamen Millionen von Deutschen, die entweder vertrieben wurden oder aus eigenen Stücken aus nahezu allen benachbarten Ländern gekommen waren, ins zerstörte Nachkriegsdeutschland. Sie gingen in den Volksbestand ihrer historischen Heimat ein und bildeten eine viele Millionen Menschen umfassende Gemeinschaft von Flüchtlingen aus Polen, der Tschechoslowakei (heute Tschechien), aus Ungarn, Rumänien u.a. Ländern. Um einiges anders gestaltete sich das Schicksal der Deutschen aus der Sowjetunion. Ein Teil von ihnen, die in den von Deutschland in den ersten Kriegsjahren besetzten Gebieten lebten, wurde beim Rückzug der deutschen Truppen ins „Reich“ evakuiert. Später wurden jene ehemaligen Sowjetbürger, die in der sowjetischen Besatzungszone gelandet waren, zurück in die Sowjetunion deportiert und dort als „Verräter“ verurteilt. Diejenigen, die in die Westzonen geraten waren, gaben sich Mühe, sich mit der einheimischen Bevölkerung zu assimilieren. Die übrigen in der Sowjetunion lebenden Deutschen wurden in den Kriegsjahren in die östlichen, asiatischen Gebiete des Landes zwangsumgesiedelt, wo sie in Arbeitslager kamen und unter ständiger Bewachung lebten. Nach dem Kriege wurde die Bewachung zwar eingestellt, doch die Ausreise in den europäischen Teil des Landes war verboten. Die sowjetischen Deutschen wurden nicht aus dem Lande gejagt. Umgekehrt: ihrer möglichen Ausreise wurden alle erdenklichen Hindernisse in den Weg gelegt. Gleichzeitig wurden die Deutschen in der multinationalen UdSSR als „verdächtige Nation“ in eine erniedrigende Position gezwungen. Dies hatte selbstverständlich zur Folge, dass ein bedeutender Teil der Sowjetdeutschen den Wunsch entwickelte, nach Deutschland auszureisen. Dieser Prozess im Rahmen der Familienzusammenführung lief praktisch ununterbrochen bereits seit den 50er/60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als Zehntausende und Hunderttausende von Menschen jährlich die Ausreise antraten. In den 70-er Jahren wurden im Zuge der „Entspannungspolitik“ die Bedingungen der Ausreise aus der Sowjetunion erleichtert, so dass jedes Jahr zwischen drei- und zehntausend Deutsche in die BRD- und manchmal auch in die DDR- ausreisten. Anfang der 80er wurde dann die Zahl der möglichen Ausreisebewilligungen erneut begrenzt, doch mit Beginn der „Perestroika“ und insbesondere nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die Ausreisebewegung der Deutschen zum Massenphänomen. In den 90er Jahren reisten jährlich zwischen hundert- und zweihunderttausend Deutsche mit ihren Familien aus. Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts, als die Hauptmasse bereits umgesiedelt war, verringerte sich der Zustrom der Aussiedler drastisch, und nach Einführung des neuen deutschen Immigrationsrechtes hörte er fast ganz auf. Offiziellen Angaben zufolge kamen bis Oktober 2006 2.340.317 Deutsche aus der ehemaligen UdSSR nach Deutschland. Selbstverständlich handelt es sich bei dieser Zahl nicht allein um diejenigen, die eine deutsche Herkunft nachweisen konnten, sondern um die allgemeine Gesamtziffer, die auch die russischen, kasachischen, tschetschenischen usw. Ehepartner, die in der BRD zu deutschen Staatsbürgern wurden, mit einschließt. Nur wenige Jahre nach Kriegsende gründeten die Aussiedler in ihrer historischen Heimat ihre eigenen Vertriebenenverbünde. Der Verein „Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V.“ wurde bereits im Jahre 1950 registriert, woraufhin er auf ganz natürliche Weise in den „Bund der vertriebenen Deutschen“ einging. Nach ihrer Gründung setzte sich die Landsmannschaft für das Recht der sowjetischen Deutschen auf kulturelle Autonomie sowie auf die ungehinderte Ausreise ein. Diese Rechte haben sie mittlerweile bekommen und nun hilft die Landsmannschaft dabei, diese zu realisieren: Sie führt Beratungsgespräche, organisiert Konferenzen, verlegt Zeitschriften und Broschüren (hauptsächliche zu Fragen des Sozialrechts), führt traditionelle Feste durch und hilft, die Jugend zu erziehen. Die Bundeszentrale der Landsmannschaft befindet sich in Stuttgart, der Bundesvorsitzende ist seit 2003 Adolf Fetsch. Er wurde in der Ukraine geboren und kam als vierjähriges Kind mit seinen Eltern nach Deutschland. Seit über 40 Jahren ist Adolf Fetsch als aktiver Politiker in der CSU tätig, 20 Jahre lang war er Vorsitzender eines Regionalbüros der Partei und über 30 Jahre lang führte er die bayerische Landesgruppe der „Landsmannschaft“ an. Die Dresdner Ortsgruppe der „Landsmannschaft“ wurde nach der deutschen Wiedervereinigung gegründet. In den darauf folgenden Jahren war der Verein hauptsächlich darum bemüht, Landsleute um sich zu sammeln, um traditionelle Feste durchzuführen. Seit dem Führungswechsel im Jahre 2005 führt die Ortsgruppe außerdem ein eigenes Kultur- und Sportprogramm durch. Vor vier Jahren wurde der Chor „Silberklang“ gegründet. Die künstlerische Leiterin des Chores, Ewgenija Wolf, ist eine professionelle Sängerin und war früher Solistin am Opern- und Ballettheater in Alma Ata. Anfang der 2000er Jahre trat sie auch in Dresden mit einer Reihe von Solokonzerten auf. Heute führt der Chor unter ihrer Leitung russische und deutsche Volkslieder auf, die die Chormitglieder in ihrer alten Heimat lieben gelernt hatten. Aber nicht nur das. Im Repertoire des Chors finden sich auch klassische Stücke, was ihn von anderen ähnlichen Chören unterscheidet.
Die personelle Zusammensetzung des Chors ändert sich hauptsächlich aufgrund von Umzügen der Chorsängerinnen. Der Chor hat heute 16 Mitglieder, unter ihnen auch die Solistinnen Larissa Krutsch und Leontina Vollmer. Bei einigen Liedern übernimmt auch die Chorleiterin einen Solopart. Für die musikalische Begleitung sorgt der Akkordeonspieler Leonid Sigalovitsch. Der Ingenieur mit fast 40 Jahren Berufserfahrung hat sich die Liebe zur Musik sein ganzes Leben lang bewahrt. Ständig spielte er bei Zusammenkünften mit Freunden und Mitarbeitern. In Dresden arbeitete er mit verschiedenen Chören zusammen und wurde zuletzt ständiger Teilnehmer an den Proben und Konzerten des Chores „Silberklang“. Einmal im Quartal singt der Chor vor seinen Landsleuten und tritt außerdem nicht selten auch auf Festen auf, die von der Stadt organisiert werden. Unter den Zuhörern finden sich sowohl Landsleute als auch einheimisches Publikum, bei denen der Chor gut ankommt und die seine Konzerte gern besuchen. Die Mitglieder des Chores selbst zeigen sowohl bei ihren Proben als auch bei den Konzerten großen Enthusiasmus. In der Dresdner Landsmannschaft gibt es aber auch andere Interessensgruppen. Larissa Rodionow (ehemaliger Ingenieur – Mitarbeiterin eines Institut in Akademiestadt Novosibirsk) z.B. leitet das künstlerische Ressort: Sie stellt selbstentworfenen Modeschmuck her. Die Mitglieder dieses Kreises widmen sich mit Hingabe dieser schönen Sache. Nicht weniger beliebt ist eine andere Beschäftigung: Volleyball. Volleyballspieler beider Geschlechter und verschiedenen Alters trainieren nicht nur mit großer Energie, sondern nehmen auch an Wettkämpfen von Amateurvereinen teil. Heute wird die Ortsgruppe von Julia Herb geleitet, deren Biographie typisch ist für viele ihrer Landsleute. Julia kam nach dem Kriege im Ural zur Welt, siedelte später nach Kasachstan und von dort nach Estland um, wo sie lange Zeit mit ihrer Familie (3 Kinder) lebte und als Leiterin eines Wasserchemielabors arbeitete. Seit 1995 lebt und arbeitet Julia Herb mit ihren Kindern, die alle bereits erwachsen sind, in Deutschland. Gerade sie war es, die der Tätigkeit der Dresdner Landsmannschaft neues Leben einhauchte. Sie selbst übernimmt nicht nur organisatorische Pflichten, sondern ist auch aktives Chor- und Modeschmuckzirkelmitglied. Die Landsmannschaft ist einer von 20 städtischen Vereinen profaner und religiöser Ausrichtung, die im Rahmen russischsprachiger Gruppen zusammenarbeiten. Doch sie ist nicht als eine von vielen in der Masse aufgegangen, sondern hat ihren eigenen Platz und ihr eigenes Gesicht. Mai 2010 |
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