|
Mit den Augen der GUS-Auswanderer gesehen: Durch das Leben gehen Vadym Karliner Übersetzerin Anneke Sittner
Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von sowjetischen Truppen befreit. Das Lager war das größte im System der NS-Vernichtungsmaschinerie und wurde Symbol für den nationalsozialistischen Massenmord. Der 27. Januar ist jetzt der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.
Im Leben gibt es immer Möglichkeit für Heldentaten. Maxim Gorki „Die Alte Isergil“ |
|
Русский
Zum Seitenende
Für
uns fotografiert man
Im
Museum der Indianer und ersten Europäer (Kanada)
In unserer Stadt
und Umgebung
Gesellschaft
zur Hilfe für Kriegsveteranen in Russland
In
der Welt der Erfindungen
Der Erfinder des Fahrrades
Ein tolles Fahrrad!
Reisen
Die Kanaren
Von dem
Halbjahrhundert und zwei
Jahrhunderten...
In Dresden mit dem Karamsin
Mit den Augen der
GUS-Auswanderer gesehen
Der Spötter
Literarische
Seite
Gedichte von Alexander Byvschev |
Menschen sind unterschiedlich Der Mensch ist aus der Tierwelt hervorgegangen, und die aktive Nutzung der verschiedensten Tierarten ist für schwere Arbeiten als auch als Nahrung zum gewöhnlichsten, allgemein anerkannten globalen Prinzip geworden. Das „Sich-über-die-Tiere-Stellen“ ist wohl das einzige Merkmal, das der ganzen Menschheit eigen ist. Es gibt allerdings Ausnahmen: Einige beschützen diese oder jene Tierarten, andere verzichten sogar auf Fleisch. Doch Vegetarier sind bloß eine Ausnahme, die die Regel bestätigt. Unter den Menschen entstehen bis heute sehr schnell Ideologien, die, wie selbstverständlich, die eigene Rasse, Religion, Idee oder Gruppe als besonders wertvoll hervorheben. Alle anderen, die Unteren, werden entweder als nützliches Material für die Höheren oder als zur Vernichtung Bestimmte betrachtet. Eine solche bequeme Ideologie wird schnell von einer Großzahl von Menschen aufgenommen, und diese Massen beinhalten nicht nur die ahnungslose schweigende, mitlaufende Mehrheit, sondern auch solche, die durchaus fähig sind, selbständig zu denken. Es gab doch auch herausragende Persönlichkeiten unter den Ideologen der Nationalregime und genauso unter der sowjetischen Regierung während der großen Repressionen. Genauso gibt es solche unter den Ideologen des extremistischen Islams. Und so unterwerfen und vernichten Hunderte, Tausende und Millionen (!) Menschen die nach ihrer Meinung Unwürdigen und glauben dabei, eine nützliche und verantwortungsvolle Arbeit zu verrichten, sehen also darin nichts Schlimmes. Und viele davon tun es sogar mit einem gewissen sadistischen Genuss. Die Misshandlungen der Menschen durch Menschen nehmen während eines Krieges globale Ausmaße an. Deswegen erwecken diejenigen besonderen Respekt, die es geschafft haben, gegen den Strom zu schwimmen, das eigene Leben und das Leben ihrer Angehörigen aufs Spiel zu setzen, indem sie die vor Hunger sterbende verwaiste Kinder ernährten, verwundete Soldaten versteckten und zum Tode Verurteilte retteten. Die Motive dafür mögen unterschiedlich sein. Um ehrlich zu sein, steckte nicht selten in diesen Taten auch ein gewisses eigenes oder materielles Interesse. Doch in solchen Situationen ist das Motiv immerhin eine Sache von zweitrangiger Bedeutung. Wichtig ist, dass diese Menschen unter schwierigsten, gefährlichen Umständen das Leben anderer retten. Gerade deswegen werden diejenigen, die während des Nationalsozialismus Juden in Europa retteten, in Israel als Gerechte unter den Völkern gerühmt, ohne Rücksicht auf die Motive ihrer Taten. In unserer brutalen Welt sind das dennoch erstaunlicherweise viele gewesen: Mit dem Titel Gerechte unter den Völkern wurden inzwischen schon etwa 24 000 Menschen gewürdigt. Der berühmteste von ihnen ist natürlich Schindler, derjenige, der durch den erfolgreichen Hollywood-Film gefeiert wurde, obwohl er in seinem realen Leben aber vom Status eines Gerechten weit entfernt und dazu noch ein SS-Mitglied war. Doch dank seiner sind Hunderte Menschenleben gerettet worden, und das ist das wichtigste. Neulich in Litauen wurde ein Denkmal für einen Unteroffizier der deutschen Wehrmacht errichtet, für den Österreicher Anton Schmid, der einige hundert Menschenleben rettete und von den Faschisten hingerichtet wurde. Im Folgenden geht es aber um eine Frau, die mehr als 2500(!) Kinder gerettet hat. Das ist deutlich mehr, als die Zahl jener, die Schindler retten konnte. Und doch erfuhr die Welt von ihr erst am Ende ihres langen, bescheidenen und mühsamen Lebens, das durch die Rettung der vielen Menschenleben geadelt wurde. Die Heldentat Irena Sendler (geb. Krzyżanowska), in Polen auch als Irena Sendlerowa bekannt, wurde 1910 in einer kleinen Stadt im Westen des Russischen Kaiserreiches geboren, die nach der Oktoberrevolution an Polen fiel. Es ist bekannt, dass die wichtigsten Lebensprinzipien einem Menschen schon in früher Kindheit vermittelt werden, noch unbewusst werden die Familienwerte von dem Kind aufgesaugt. Irenas Urgroßvater war ein polnischer Aufständischer. Wahrscheinlich spielte die wichtigste Rolle für die Erziehung der kleinen Irena die Tätigkeit ihres Vaters, des Oberarztes eines Stadtkrankenhauses, der jedem half, wer sich an ihn gewendet hatte,- im Krankenhaus und zu Hause. Die Stadt befand sich in jenem Teil Russlands, wo Juden sich aufhalten durften, deswegen waren sie der bedeutender Teil der Stadtbevölkerung. Der Vater behandelte alle gleich, ohne Rücksicht auf Nationalität und Religion. Er starb, als Irena 7 Jahre alt war. Die Ursache des Todes war Typhus. Er hatte sich von den Patienten angesteckt, die seine Kollegen nicht behandeln wollten. Das Mädchen ist mit feinem Empfinden für Gerechtigkeit und Verantwortung für sich selbst und für die anderen aufgewachsen. Sie gehörte keiner Religion an und agierte z potrzeby serza (poln.: nach der Stimme des Herzen). Irena studierte in Warschau polnische Sprach- und Literaturwissenschaft. Zu jener Zeit herrschte im Land und an der Universität eine unangenehme nationalistische Stimmung, gegen die sich einige Studenten auflehnten. Irena gehörte dazu. Und danach war Krieg. Polen wurde besetzt, und die Juden in Warschau wurden in ein Getto gesperrt. Noch vor der systematischen Vernichtung, führten Hunger, Übervölkerung und unhygienische Bedingungen zur Verbreitung von ansteckenden Krankheiten und zur hohen Sterblichkeit im Getto. Die Krankheiten bedrohten auch die Besatzungstruppen, deswegen wurde für die Gruppe polnischer Aktivisten der Zugang zum Getto gestattet, um die Medikamente zu verteilen und Impfungen durchzuführen. Irena war eine dieser Aktivisten. So entstand ein „legales“ Schlupfloch für die Rettung der Kinder. Die Rettungswege waren unterschiedlich. Manchmal gelang es, die Kinder in leeren Lastwagen oder in den Bahnen herauszuschaffen. Die Säuglinge wurden mit Sedativen betäubt, damit sie sich mit ihrem Weinen nicht verrieten. Zusätzlich hat der Fahrer des medizinischen Wagens seinen Hund dressiert, laut zu bellen, um das mögliche Weinen des Säuglings, der unter dem Boden des Wagens versteckt war, zu übertönen. Die älteren Kinder wurden durch geheime Gänge in die Gebäude außerhalb des Gettos geführt. Das Ganze war todgefährlich. Irene wurde von niemandem auf diese Position gestellt. Sie ist einfach von selbst zu dem Organisator und Koordinator des geheimen Programms geworden. Sie war nicht allein dabei. Frau Sendler hat selbst ausgerechnet, dass für die Rettung eines Kindes 12 Menschen von außerhalb gebraucht wurden: die Fahrer, die Priester (die Namen und Taufscheine fälschen sollten), jemand, der die Lebensmittelkärtchen besorgte, und vor allem die Familien bzw. Kloster und Waisenhäuser suchte, wo die Kinder unterbracht werden sollten. Die Strafe für jeden der Teilnehmenden wäre der Tod. Auch im Getto spielten sich drastische Szenen mit den Eltern ab. Die Mütter verlangten Garantien, dass die Kinder überleben. Doch welche Garantien konnte Irena geben? Nur das Einzige war eindeutig klar: im Getto zu bleiben bedeutete den sicheren Tod. Frau Sendler fühlte sich verpflichtet die echten Namen der Kinder zu bewahren, damit sie später ihre Verwandte finden könnten, falls jemand noch am Leben bleibt. Die Notizen hat sie auf dünnem Papier geführt, damit sie kleiner und leichter wären. Früh oder später wurde die geheime Tätigkeit enthüllt, zu viele waren an ihr beteiligt. Im Oktober 1943 bummerten Soldaten an der Tür. Irena hatte gerade eine Freundin zum Gast. Sie warf ihr die Notizen zu, und diese versteckte sie unter der Achsenhöhle. Bei der Hausdurchsuchung fand man nichts, Irene wurde abgeführt. Später steckte die Freundin die Notizen in eine Glasdose und vergrub sie in ihrem Garten. Irena wurde gefoltert, beide Beine und Füße wurden ihr gebrochen, doch sie verriet keinen einzigen Namen. Sie wurde zum Tode verurteilt und ist offiziell anfangs 1944 erschossen worden. Doch in Wirklichkeit konnte ihre Freunde die Wächter bestechen und sie retten. Die ganze Zeit bis zum Ende des Krieges verbarg sich Irena unter einem falschen Namen. Nach der Heldentat In dem kommunistischen Polen der Nachkriegszeit arbeitete Irena in einem Waisenhaus. Wegen der Kontakte zu der Armia Krajowa (Heimatarmee), die von polnischer Regierung in London geleitet wurde, drohte ihr erneut eine Todesstrafe. Die Verhöre beim Sicherheitsdienst während der letzten Schwangerschaftsmonate kosteten das Leben ihres frühgeborenen Kindes. Allerdings empfand sich Irena nicht als Heldin. Im Gegenteil glaubte sie, eine schlechte Ehefrau, schlechte Tochter, schlechte Mutter zu sein, da sie das Leben ihrer Angehörigen in Gefahr gebracht hatte. Selbstverständlich durfte die ganze Familie nie ins Ausland reisen, und die Tochter wurde vom Studium ausgeschlossen. In Israel war Irena Sendler allerdings bekannt. Im Jahr 1965 wurde der Titel der Gerechte unter den Völkern geschaffen, und sie war eine der ersten, die diesen Titel erhielt. Erst im Jahr 1983, dach einigen liberalen Änderungen in dem Regime, erlaubte die polnische Regierung ihr eine Reise nach Israel, wo zu ihrer Ehre ein Baum im Jerusalem gepflanzt wurde. Frau Sendler lebte noch lange Jahre. Viele schon ältere Menschen, die sie einst als Kinder gerettet hatte, kontaktierten sie, um sich zu bedanken oder auch, um die Informationen über ihre Angehörigen zu bekommen. Einer von diesen Geretteten veröffentlichte einen Artikel über Sendler in einer amerikanischen Zeitung. 5 Jahre später entdeckte eine Gruppe amerikanischer Jugendlicher mit ihrer Lehrerin diesen Artikel und erfuhr, dass die beschriebene Person noch am Leben ist und in Warschau lebt. In den nächsten Jahren besuchten sie die Frau mehrmals und schrieben ein Theaterstück dazu. Das Stück hatte großen Erfolg in USA und wurde 200mal aufgeführt. Mit einem halben Jahrhundert Verspätung bekam die Frau eine Anerkennung auch in ihrer Heimat. Im Jahr 2003 wurde sie durch die demokratische polnische Regierung mit dem Weißen Adler ausgezeichnet (die höchste Auszeichnung Polens) – für großen Mut und Tapferkeit. Ein Buch über ihr Leben wurde veröffentlicht, und 2007 wurde sie für den Nobelpreis nominiert. Es gab insgesamt 181 Nominierte; den Preis erhielt jedoch der ehemalige US-Vizepräsident Albert Gore. (Es ist nicht ganz klar wofür; wahrscheinlich für seine Reden zum Umweltschutz). 2009 wurde ein Spielfilm uraufgeführt, basierend auf der Lebensgeschichte von Frau Sendler. Leider erlebte die Heldin selbst die Filmaufführung nicht mehr. Im Jahr 2008 verstarb sie. Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte sie in einem Privatsanatorium. Die Besitzerin dieses Sanatoriums war durch Irene im Jahr 1942 in einer Werkzeugkiste aus dem Getto herausgebracht worden, als sie 6 Monate alt war. Eine kleine Anmerkung für jene Leser, die mit Juden nicht unbedingt sympathisieren. Man könnte die Frage stellen, warum ausschließlich jüdische und nicht auch polnische Kinder auf die aufwendige Weise gerettet wurden. Sicher gab es auf den zerstörten Straßen und in den leeren Häusern genug hilfsbedürftige Kinder. Irena Sendler und ihre Hilfsgruppe retteten Kinder und brachten sie in Kloster und Waisenhäuser, ohne nach ihrer Nationalität zu fragen. Doch um einem polnischen Kind zu helfen, brauchte man es nicht in eine Werkzeugkiste zu stecken, wegen eines kleinen Polen wurde niemand gefoltert und erschossen. Daher auch die Auszeichnung für die Tapferkeit. Januar 2012 |
"Stimme im Internet" Alle Rechte vorbehalten