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Mit den Augen der GUS-Auswanderer gesehen: Kriege und Führer Vadym Karliner Übersetzer Alexander Sauter
„Jeder Soldat trägt den Marschallstab im Tornister!“ Napoleon |
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Im Jahre 2010 steht ein weiterer, fast runder Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges bevor. An diesem Krieg war im großen oder kleinen Maße nahezu die gesamte Erdbevölkerung beteiligt. Der Krieg erstreckte sich über alle Meere und Kontinente. Er begann in Asien und setzte sich danach in Europa fort. Dank des technischen Fortschrittes sowie einer entsprechend angelegten Erziehung der Kamikaze-Flieger konnte er selbst das durch Ozeane getrennte Amerika erreichen. Die amerikanische Flotte wurde direkt im heimischen Hafen vernichtet. Danach stiegen auch die USA aktiv in den – modern gesprochen – globalen Krieg mit ein. Einige Jahre später waren es gerade die USA, die mit dem Einsatz zweier Atombomben den endgültigen Schlussstrich unter diesen Krieg setzten. In Europa ging die Sowjetunion als eindeutiger Sieger aus dem Krieg hervor. Den Lauf der Geschichte kann man nicht ändern. Fast alle Historiker sind jedoch bemüht, sie im Interesse der Zeitgenossen zu deuten. Dennoch kann man sich aus den unterschiedlichen, oft widersprüchlichen Interpretationen eine hinreichend klare Vorstellung von den Ereignissen im 20. Jahrhundert machen. Versuchen wir, uns stichwortartig ein Bild davon zu verschaffen. Am Anfang war der Erste Weltkrieg. Mit seinem Ende fielen die Monarchien in Russland, Deutschland und Österreich-Ungarn. Deutschlands Führung übernahmen bald darauf Politiker, die am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatten. Dieser Krieg endete zwar mit einer Niederlage für Deutschland, jedoch war die deutsche Armee alles andere als besiegt worden. Im Gegenteil: An der Westfront hatten die Deutschen auf gleicher Augenhöhe gegen die Franzosen und Engländer gekämpft, während sie an der Ostfront einen vollständigen, unangefochtenen Sieg davon trugen. Sie besetzten einen großen Teil Russlands, das sich im chaotischen Zustand der Herrschaftslosigkeit befand. Im 20. Jahrhundert jedoch wurde der Krieg nicht von der Armee, sondern vom ganzen Land geführt, von seiner gesamten Bevölkerung. Das deutsche Volk hielt den Hunger und die Entbehrungen nicht aus. Das deutsche Heer empfand die Niederlage als ungerecht. Viele Politiker riefen zur Revanche auf, und die Aufrufe fanden Anklang. Unter denen, die aufriefen, erwies sich der ehemalige Gefreite Adolf Hitler als der aktivste, gescheiteste und erfolgreichste. Er war es auch, der das Land schließlich anführte. Unter der Führung Hitlers überfiel und unterwarf Deutschland der Reihe nach alle seine Nachbarn. Die Polen leisteten zähen Widerstand, doch sie hatten nicht genug Kraft. Die Franzosen, denen ihr schwer errungener Sieg im vorhergegangenen Krieg nichts gebracht hatte, wollten nicht kämpfen und desertierten massenweise an der Front. Der Versuch einiger zeitgenössischer Publizisten, die Sowjetunion mit Josef Stalin an der Spitze im gleichen Maße für die Entfesselung des Krieges in Europa verantwortlich zu machen, wirkt natürlich arg an den Haaren herbei gezogen. Es ist wohl offensichtlich, dass Stalin keinen Krieg mit Hitler wollte – wie übrigens fast alle anderen Politiker der damaligen Zeit auch. Der weise und schlaue (vielleicht ist das ja ein und dasselbe) Führer der UdSSR verstand, dass das Volk nicht würde gegen Deutschland kämpfen können. Darum hatte er große Angst und wollte diesen Krieg nicht. Er hoffte auf eine Verständigung mit Hitler, wohlwissend, dass_ wenn sie sich vereinen würden, niemand diesem Bündnis an Stärke gleichkommen würde, Er ging dieses Bündnis auch ernsthaft ein, doch wie sich herausstellte, hatte ihn Hitler am Ende schlicht hereingelegt. Vom heutigen Standpunkt aus betrachtet, hat sich Hitler als schlechter Politiker erwiesen, da er es nicht fertig gebracht hatte, seine Ziele und seinen Standpunkt den veränderten Bedingungen anzupassen. Er überfiel die Sowjetunion. Es zeigte sich, dass Stalin vollkommen Recht hatte mit seiner Einschätzung bezüglich der Wehrfähigkeit des Volkes gegenüber Deutschland. Die Bürger der UdSSR konnten und wollten nicht kämpfen. Dies haben die 4 Millionen sowjetischer Gefangener und das schnelle Vorgehen der deutschen Wehrmacht am Anfang des Krieges eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Der Verdienst Stalins und seiner Umgebung besteht darin, dass er es geschafft hat, die gegebenen sowjetischen Vorteile im vollen Maße auszunutzen: das riesige Territorium und die große Bevölkerungszahl. Bereits vor dem Krieg war es ihm gelungen, eine gut organisierte, disziplinierte Repressionsstruktur und Kriegsindustrie aufzubauen. Ebenso hat er die Bevölkerung in den zwanzig Jahren zwischen den beiden Weltkriegen gelehrt, halb hungernd, unter harten und kargen alltäglichen Bedingungen auszukommen. Die geschickte Kombination und Nutzung all dieser gegebenen Bedingungen ermöglichten es, den Lauf des Krieges zu ändern und schließlich gemeinsam mit den Verbündeten Großbritannien und den USA zu siegen. Die Geschichte dieses Krieges hat noch einmal gezeigt, was bereits seit den Zeiten des Alten Roms bekannt ist: In krisengeschüttelten Kriegszeiten muss die Demokratie der Diktatur den Platz räumen. An der Spitze der drei wichtigsten Verbündeten der Anti-Hitler-Koalition standen Diktatoren. Von dem harten Tyrannen Stalin ganz zu schweigen, regierten sowohl der US-Präsident Franklin Roosevelt als auch der britische Premier Winston Churchill nahezu diktatorisch über ihre Länder. Die Mehrheit ihrer Mitbürger wollte ebenfalls keinen Krieg führen, doch sie haben es geschafft, sich über den Willen dieser Mehrheit hinwegzusetzen. Sie befanden es für unbedingt notwendig, den Nazismus zu zerschlagen und setzten alle Mittel in Bewegung, um ihre Mitbürger darauf einzustimmen und in den Kampf zu zwingen. Um dieses Ziel zu erreichen, machten sie weder vor Gesetzesverstößen noch vor moralischen Normen halt. Roosevelt ist der einzige Präsident in der gesamten Geschichte der USA, der vier Legislaturperioden in Folge amtierte, obwohl laut Verfassung nicht mehr als zwei erlaubt sind. Allerdings erlebte er das Ende der vierten nicht mehr, denn er starb vorher. Was Churchill betrifft, so verschwieg er der Öffentlichkeit in voller Absicht, dass die Deutschen beharrliche Versuche unternahmen, einen Separatfrieden mit England abzuschließen. Er verschwieg auch den geheimen Englandflug von Rudolf Hess, eines der höchsten Nazis. Aber kein erfolgreicher Führer hält sich an solche allgemeinüblichen Moralvorstellungen und befindet sie auch nicht für sonderlich wichtig. Die Engländer wussten übrigens Bescheid über die diktatorischen Neigungen Churchills und wählten ihn darum gleich nach dem großen Sieg als Premier ab. Man könnte auch noch den großen Napoleon nennen, der mit 26 Jahren General wurde, weil er eine ganze Schrotladung Munition auf eine Ansammlung unbewaffneter Pariser feuerte und diese anschließend auseinander trieb. Kaum einer von den übrigen Offizieren hätte sich zur damaligen Zeit zu einem solchen Vorgehen entschließen können. Zum Befehlshaber über die disziplinlose, sich in Auflösung befindende Armee ernannt, meldete er knapp und kaltblütig seinen Vorgesetzten: „Wir sind oft gezwungen, Erschießungen durchzuführen“. Einige Jahre später versprach er einigen Tausend Ägyptern, dass er sie am Leben lassen würde und überredete sie, sich zu ergeben. Als sich jedoch bald darauf die Kriegslage änderte und es gefährlich wurde, die Gefangenen auch weiterhin zu halten, gab Napoleon den Befehl, sie alle töten zu lassen. Das Ziel rechtfertigt die Mittel. Große Führer stehen über der Moral. Ansonsten hätten sie vermutlich niemals alle ihre Gegner besiegt und wären nie groß genannt geworden. Nach dem Ende des globalen Krieges im 20. Jahrhundert tobten lokale Kriege unablässig weiter: In Asien, in Nahost, in Afrika, in Südamerika, und am Ende des Jahrhunderts auch noch in Südosteuropa. In Krisenzeiten werden Führer gebraucht. Sie traten auch stets in Zeiten lokaler Kriege im nationalen Maßstab auf die Bildfläche, und blieben auch nach dem siegreichen Ende des Krieges. Ganz am Anfang des 21. Jahrhunderts meldete sich eine Macht zu Wort, die einen globalen Stellenplatz für sich beanspruchte. Sie griff den mächtigsten, scheinbar weit entfernten und unerreichbaren Staat an – die USA. Die Geschichte hat sich zwar nicht buchstäblich wiederholt, erwies sich jedoch als sehr ähnlich derjenigen, die sich vor mehr als einem halben Jahrhundert bereits abgespielt hatte. Damals flogen japanische Kamikazeflieger die Angriffe, diesmal waren es die Selbstmordattentäter der „Al-Kaida“. Der neuerliche Angriff war ebenso schnell und unerwartet ausgeführt worden: Tausende Tote, riesiger Materialschaden, das ganze Land im Schock. Es folgte eine angemessene Gegenreaktion, zuerst in Afghanistan, dann im Irak… Der Krieg ist noch nicht beendet und ein Ende ist nicht in Sicht. Von dem Aphorismus aus dem Eingangsepigraph, welcher Napoleon zugeschrieben wird, gibt es auch eine russische Variante, die dem berühmten russischen General Suworow zugeschrieben wird: „Es taugt nichts der Soldat, der nicht General werden will“. Das ist natürlich übertrieben. Bei Weitem nicht alle wollen Marschall oder General oder Anführer auf irgendeinem beliebigen anderen menschlichen Tätigkeitsgebiet werden. Von denen, die es wollen, sind bei Weitem nicht alle dazu geeignet. Uneingeschränkter Führer eines ganzen Landes werden können nur Einzelne und bei Weitem nicht jedes Jahrhundert sieht einen solchen. Die Geschichte lehrt, dass für den Sieg Führer benötigt werden. Ob sich wohl in Amerika oder in Europa auch solche Führer finden lassen, die es schaffen, einen Sieg im globalen Krieg herbeizuführen? April 2010 |
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