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Mit den Augen der GUS-Auswanderer gesehen:
Die Intriganten Vadym Karliner Übersetzerin Anneke Sittner |
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Im Laufe vieler Jahrhunderte galt folgendes eindeutig: die Macht sollte stets vom Vater an den Sohn überreicht werden. Im Falle vieler Söhne fiel die Wahl auf den Ältesten. Das legte sich wie von selber fest, wie von der Natur und dem Allmächtigem genehmigt. Doch in der Natur gibt es so etwas nicht. Das gibt es nur bei Menschen. Allerdings auch hier war das nie eindeutig und widerspruchlos. Der Sohn musste dabei gut aufpassen, denn es konnten sich entweder in der Verwandtschaft oder in der Nachbarschaft einige flinke Jungs finden, die die politische Geografie gern zu ihren Gunsten ändern würden. Deswegen haben es in der Regel nicht viele Generationen einer Dynastie geschafft, sich lange auf dem Olymp zu behaupten. Aber zum Beispiel in Deutschland gab es auch 800-jährige Dynastien, von denen eine im vollen Umfang im Zentrum Dresdens im sogenannten Fürstenzug auf Meißener Porzellan-Mosaiken verewigt wurde. Dank unserer Geschichtelehrbücher wissen wir inzwischen, dass es nichts Natürliches an solchen Ahnenreihen gibt, dass eine solche Verwaltungsform längst abgelebt und nur in den dekorativen Formen als Touristenattraktion noch vorhanden ist. Allerdings bedeutet das für viele noch eine Tradition bzw. Nostalgie nach der schönen unwiderruflichen Vergangenheit, damals, als alle noch schön und glücklich waren. Nur bei einigen Marginalen ist die erbliche Regierungsform ernsthaft erhalten geblieben, doch hier geht es nicht um sie. Heutzutage wird die Macht in der Regel nur für eine Weile ergriffen. Ja gerade „ergriffen“, denn es gibt ständig mehr Bewerber als „Arbeitsplätze“, und man muss sie ergreifen, geschickt und hartnäckig. Nicht jeder kann das. Es gibt mehrere Varianten, die Macht zu ergreifen, doch im Wesentlichen kann man sie in zwei Arten teilen: Die Variante der gewalttätigen Militäraktionen und die der schlauen und gekonnten Intrigen. Die Militär-Variante ist für den Übergang von einer erblichen zu einer demokratischen Regierung charakteristisch. Danach kommen die sogenannten friedlichen Mittel zum Einsatz, d.h. Intrigen, die man korrekt auch als politischen Kampf bezeichnen kann. Die Anführer der mächtigsten, von ganzer Welt gefürchteten autoritären Regimes des vergangenen Jahrhunderts – Hitler in Deutschland und Stalin in Sowjetunion – sind an die Macht auch durch die friedlichen Mittel gekommen. Dabei hatte es der junge Hitler aus mangelnder Erfahrung zuerst erfolglos mit einem Militärputsch versucht, doch konnte er sich schnell orientieren, hat sich als geschickter Intrigant erwiesen und ist legal an die Staatsspitze gekommen. Ein Anführer zu werden, das ist viel, aber längst nicht alles. In der Regel versuchen diejenigen, den Olymp erobert haben, ihre Macht möglichst immer mehr zu erweitern. Hitler, ein hervorragender Redner, hat es geschafft, Zug um Zug viel Macht an sich zu reißen, und nur wenig später hatte er alles komplett, indem er glänzend alle mögliche Zufälle und jede mögliche Unterstützung genutzt hat. Innerhalb weniger Jahren konnte er den durchaus autonomen Chef seines Geheimdienstes und danach die militärischen Spitze beseitigen. Stalin war kein guter Redner. Außerdem sollte ein Redner damals außer Charisma auch über eine kräftige Kehle verfügen, denn die Mikrophone sind erst später in Einsatz gekommen. Stalin hatte aber eine leise Stimme und man fing an, jedem seiner Worte zuzuhören und sie später auch aufzufangen, als die entsprechende Technik zur Verfügung stand. Am Anfang seiner Karriere war er de facto ein Sekretär und ein zuverlässiger Beauftragter der Regierungsspitze. Das allgemeine demokratische Prinzip, die Wahlen, wurden in den beiden Ländern verwendet, doch nur wie ein Schaufenster, das die eigentliche Intrige vor dem uneingeweihten Auge verbergen sollte. Nämlich von Stalin stammt der berühmte Spruch: „Wie man abstimmt, ist unwichtig. Wichtig ist, wie man die Stimmen zählt“. Durch seinen treuen Dienst hat er den Posten als Chef der Personalabteilung der gesamten Administration bekommen, hat bei den „Hofintrigen“ alle übertroffen und danach auch vernichtet. Fast 20 Jahre lang besaß Stalin (genau wie unser Zeitgenosse Gaddafi aus Libyen) keine Militär- bzw. politische Posten. Das war auch völlig überflüssig. Er war einfach der Führer, der Vater und der Lehrer. Und erst während des Krieges entschloss er sich, sich selbst zum Oberhaupt der Regierung und des Militärs zu ernennen. Das hielt er für angebracht. Und er fuhr mit seinen Intrigen immer fort, in seinem engsten Kreis als auch in ganzem Land. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind Deutschland, das ohne Führer blieb (zuerst nur der westliche Teil), und Sowjetunion ganz verschiedene Wege gegangen. Beide Länder haben einen großen Teil der Bevölkerung eingebüßt und wurden durch den Krieg ruiniert. Am Ende des 20. Jahrhunderts hatte Deutschland starken Zuwachs, sowie an der Bevölkerung als auch am Territorium, es ist ein führendes Land in der Weltwirtschaft geworden, während das heutige Russland (Kern der ehemaligen Sowjetunion), mehr als die Hälfte der Bevölkerung sowie einen großen Teil an Territorium verloren hat und wirtschaftlich kaum das Niveau der großen Industrieländer erreicht. Das Leben der Bevölkerung in den beiden Ländern ist auch unterschiedlich organisiert. In dem demokratischen Deutschland, abgesehen von Intrigen, konkurrieren die Politiker auch öffentlich miteinander. In der Sowjetunion wurde der Kampf ausschließlich „unter dem Teppich“ geführt. Die Leader wurden gewechselt entweder durch harte Palastrevolutionen oder durch das friedliche Ableben des Staatschefs. Am Ende des letzten Jahrhunderts, als Sowjetunion zerfiel, herrschte eine Regierungslosigkeit, doch die alte Ordnung in etwas modernisierter Form ist schnell wiederhergestellt worden. Trotz eines solchen Unterschieds ist der Weg, der zum Olymp führt, in Prinzip gleich: in dem engsten Parteikreis auffallen, von oben bemerkt werden, die realen Konkurrenten beseitigen. Zur Bestätigung hier: der Weg nach Oben der heutigen Staatschefs Deutschlands und Russlands im Vergleich. Die heutige Bundeskanzlerin Deutschlands hat die wissenschaftliche Tätigkeit aufgegeben und ist der regierenden Partei beigetreten, obwohl die Mehrheit ihrer Landsleute die anderen Parteien wählten. Sie hat es geschafft, die Sympathie des Bundeskanzlers zu gewinnen, der gerade die neuen Kräfte aus den angeschlossenen Neuen Ländern brauchte. Und sobald er eine Wahl verlor und seine Konkurrenten kompromittierende Materialen gegen ihn gefunden hatten, warf die Neue aktiv die Steine gegen ihren Chef. Danach hatte sie – und hat sie immer noch – einige Konkurrenten innerhalb der Partei, doch sie schaffte es, sie erfolgreich zu beseitigen. Der heutige Ministerpräsident Russlands, verließ seinen Geheimdienst während die Sowjetunion unterging, und ist die rechte Hand bei einem einflussreichen Funktionär geworden. Nach einer Weile wurde er dem betagten Präsidenten empfohlen, der ihn zum Ministerpräsident machte, und bald wurde er auch Präsident. Und als seine Amtszeit vorbei war, kehrte er auf den Posten des Ministerpräsidenten zurück. Ein Posten, aus dem er rechtzeitig das eigentliche Regierungszentrum gemacht hatte. Der heutige russische Präsident ist jung, seine Biographie ist kurz. Davor war er ein Mitarbeiter des heutigen Ministerpräsidenten. Das hat sich als genügend erwiesen. D.h., das ist auch das wichtigste an allen Karrieren. Man braucht natürlich etwas Glück. Und wenn man es erwischt hat, sollte man es nicht los lassen. Versucht Euer Glück. Wer nicht riskiert, der trinkt nie Champagner. Im Übrigen sagte amerikanischer Präsident Ronald Reagan, die klügsten sind im Business und nicht in der Politik. Aber manchmal kommt doch beides zusammen. Manchmal sogar straflos. Juli 2011 |
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