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Die modernen Hauptstädte großer Länder haben sich in internationale Metropolen mit vielen Millionen Einwohnern verwandelt. Sie verfügen nicht über das prägende Ambiente einer Provinzstadt. Kommt jemand aus der Hauptstadt, dann heißt es automatisch „er ist Moskauer“, stammt er aber beispielsweise aus Rjasan, dann umschreibt man die Herkunft als „aus der Rjasaner Gegend“. Den Begriff Russe muss man nicht extra betonen: Sowohl Rjasan als auch die Oblast Rjasan waren von altersher russisches Land. Ähnlich ist es in Deutschland. Wenn man einen angestammten Deutschen bezeichnen möchte, dann nennt man den Ort, aus dem er kommt, zum Beispiel: „Er kommt aus der Magdeburger Gegend“. In Russland kennt man diese Bezeichnung aus einem guten Stück über den Krieg, in dem einer der sympathischen Charaktere – ein deutscher Kriegsgefangener – genau auf diese Weise bezeichnet wird. Übrigens sind diese Wahrheiten nicht ganz unstrittig. Russland ist ein multikulturelles Land, und auch die Russen selbst haben sich nicht auf unbewohntem Land niedergelassen. Seit alten Zeiten schon haben auf dem Gebiet des heutigen Rjasan andere Völkerschaften gelebt, die ihre Kultur und Sprache bis auf den heutigen Tag bewahrt haben. Ebenso haben auch die Ahnen der Deutschen des Magdeburger Gebiets die slawischen Stämme, die ursprünglich dort lebten, nach Osten verdrängt. Seitdem sind jedoch viele Generationen gekommen und gegangen, und heute ist alles so, wie es ist. Magdeburg liegt weder im Nordwesten noch im Südosten, sondern ganz in der Mitte Deutschlands. Früher lag die Stadt sogar noch zentraler. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschob sich die Ostgrenze Deutschlands jedoch, und dann schlug man die Stadt, die zunächst von amerikanischen Truppen besetzt war, bei der Aufteilung Deutschlands der Sowjetischen Besatzungszone zu – und damit schließlich auch der künftigen DDR. Vor Tausenden von Jahren ergaben sich dort, wo später Magdeburg entstand, durch Wald und Fluss gute Bedingungen für das Leben der Menschen. Zudem ist das westliche Ufer der Elbe hier recht hoch und bietet damit einen guten Schutz vor Überflutungen. Archäologen stießen hier auf die Überreste einer Siedlung und fanden Gegenstände aus Keramik, die den Menschen der Donaukultur zugeschrieben werden, welche hier um etwa 5400 v. Chr., also vor 7500 Jahren, gelebt haben. Es wurden aber auch noch ältere Spuren von Menschen gefunden, deren Alter mit ca. 17000 Jahren angegeben wird und die somit der späten Eiszeit zugeschrieben werden müssen. Als Handelspunkt wurde der Ort bereits am Anfang des 9. Jahrhunderts erwähnt, und der deutsche Kaiser Otto I. (der Große) gründete hier in der Mitte des 10. Jahrhunderts ein Benediktinerkloster (schon immer wurde die Religion dazu benutzt, die „Vertikale der Macht“ zu stärken). Zur Verteidigung war das Kloster von einer Festung umgeben. Alte Formen des Stadtnamens lauten „Magadoburg“ oder „Magathaburg“, was sich aus „Burg“ und dem altgermanischen Adjektiv „magap“ („groß“) zusammensetzt. Es gibt aber auch eine andere Deutung des Namens, die mit „Magd“ in Verbindung steht, einschließlich „Mägde“ als eine Jungfrau. Die Geschichte Magdeburgs ist, wie auch die anderer Städte, von Kriegen geprägt. Nicht nur einmal wurde die Stadt verwüstet und zerstört. Anfang des 11. Jahrhunderts wurde sie von den Polen und ihrem König Boleslaw dem Großen erobert (ein König gilt ja bekanntlich als umso größer, je mehr Zerstörung er angerichtet hat). Magdeburgs Erzbischöfe führten ohne Unterlass Krieg gegen ihre Nachbarn – gegen die Slawen und gegen die brandenburgischen Markgrafen. Kriegerische Auseinandersetzungen gab es aber auch zwischen dem Heer des Kaisers und dem des Erzbischofs der Stadt. In allen diesen Kriegen wurde Magdeburg im kleineren oder größeren Maße zerstört, viele Einwohner fanden den Tod. Doch letztlich rappelte sich die Stadt stets wieder auf und auch die Bevölkerungszahl erholte sich stets wieder. Mitte des 16. Jahrhunderts wurde Magdeburg den Sachsen unterworfen, die dort eine Garnison errichteten. Im 17. Jahrhundert wurde die Stadt im Dreißigjährigen Krieg vom Reichsheer gestürmt, fast die gesamte Stadtbevölkerung wurde dabei getötet, die Häuser und Bauten angezündet. Später wurde das Erzbistum säkularisiert, in ein Herzogtum umgewandelt und an Brandenburg angeschlossen. Auch unter den napoleonischen Kriegen hat die Stadt gelitten. Nach hartnäckigen Kämpfen gelang es den Franzosen, sie zu erobern. Danach musste die Stadt eine Blockade durch die Preußen – und später auch durch die Russen – über sich ergehen lassen. Die französische Garnison hielt den Anstürmen erfolgreich stand und gab ihren Widerstand erst nach der Abdankung Napoleons auf. Im Jahre 1912 wurde die Festung, nachdem sie ihre militärische Bedeutung verloren hatte, abgerissen. Im 20. Jahrhundert nahm die Einwohnerzahl Magdeburgs stark zu. Sie wuchs auf 350.000 Menschen an. Auch als landwirtschaftliches Zentrum war die Stadt von großer Bedeutung für die Region, die durch die Elbe mit den Meereshäfen verbunden ist. Im Zweiten Weltkrieg hat die Stadt sehr stark unter den Bombenangriffen der Alliierten gelitten. Nach dem Kriege wurde sie zum Zentrum des ganzen Bezirks, in der fruchtbaren Magdeburger Börde wurden reiche Getreide-, Kartoffel- und Zuckerrübenernten eingebracht. Magdeburg erstand aus Trümmern zu neuem Leben, auch die vielen Unternehmen der Schwerindustrie profitierten davon , vor allem der Maschinenbau. Nach der deutschen Wiedervereinigung wuchs auch die politische Bedeutung der Stadt an – sie wurde Hauptstadt des Landes Sachsen-Anhalt. Wie sich allerdings herausstellte, fand die Produktion der großen Industrieunternehmen keine Nachfrage, so dass viele von ihnen schließen mussten. Die Stadtbevölkerung begann zu schrumpfen, letztendlich büßte die Stadt etwa ein Drittel ihrer früheren Einwohnerzahl ein. Durchgesetzt haben sich nur einige wenige, relativ kleine Firmen. Auch einige neue Unternehmen kamen hinzu. Zum Ende des Jahres 2008 zählte die Stadt 230.000 Einwohner.
Heute sind in der mitteldeutschen Hauptstadt die Regierung und der Landtag – das Landesparlament – ansässig. Der Jugend stehen einige mittlere und höhere Bildungseinrichtungen, darunter die Universität, zur Verfügung. Es gibt sieben wissenschaftliche Forschungsinstitute. Im Stadtzentrum wurden einige historische Gebäude restauriert, vor allem der Magdeburger Dom, der nach dem Kölner und dem Ulmer Dom als die drittgrößte gotische Kathedrale Deutschlands gilt. Gleich daneben wurde vor nicht langer Zeit ein ungewöhnlich schönes Gebäude im modernen Stil errichtet, wobei eine solche Vermischung der Stile überhaupt nicht unnatürlich erscheint. Wenn es zunächst auch zahlreiche Proteststimmen gab, so haben sich dennoch sowohl die Einwohner als auch die Besucher der Stadt recht schnell an den Neubau, der das altstädtische Zentrum erneuert und ihm neues Leben eingehaucht hat, gewöhnt und ihn schätzen gelernt. Es gibt im Zentrum auch einen Konzertsaal mit eigenem Kammerorchester, größere und kleinere Theater und ein Puppentheater. Darüber hinaus sind in der Stadt viele Vereine tätig, die ihren aktiven Beitrag zur Schaffung einer Zivilgesellschaft leisten. Eine nicht unwesentliche Rolle spielen dabei Aussiedler und Immigranten aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Mehr darüber in unserer nächsten Ausgabe. Juni 2010. |
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