Dr. N. Klein

Die Russen sind in der Stadt

Vadym Karliner

Übersetzer Alexander Sauter

Русский

Um unseren Leserkreis zu erweitern, hat die Redaktion beschlossen, einen Artikel über russischsprachige Verbände in Magdeburg, der Hauptstadt des  benachbarten Bundeslandes, vorzubereiten. Zunächst gelang es uns nur, die Telefonnummer einer jüdischen Vereinigung aufzutreiben. Daraufhin versuchten wir, aus der Redaktion unter dieser Nummer anzurufen und die für die Kulturarbeit verantwortliche Person ans Telefon zu bitten. Nach einer langen Pause meldete sich eine andere Stimme am anderen Ende der Leitung und teilte streng und in russischer Sprache mit, dass es sich bei dem Verband um eine religiöse Vereinigung handle. Mit Kultur befasse man sich nicht! Danach fügte sie allerdings in weniger strengem Ton hinzu, dass man sich in Fragen zu russischer Kultur besser an den Verein „Meridian“ wenden solle. Es gelang uns sogar, die Telefonnummer herauszufinden. Die Redaktion bedankte sich und bedankt sich hiermit noch einmal bei der unbekannten und wohlgesinnten religiösen Person für die uns erteilte Information, die sich als absolut richtig erwies.

Wir wissen jetzt, dass in Magdeburg einige Verbände aktiv sind, die mit russischsprachigen Aussiedlern und Immigranten arbeiten. Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts kamen Hunderttausende Menschen aus der ehemaligen UdSSR nach Deutschland. Die offizielle Statistik unterscheidet zwei, zahlenmäßig völlig verschiedene Immigrationswellen: Mehr als 2,5 Millionen Russlanddeutsche, also Nachkommen der einst nach Russland ausgewanderten Einwohner deutscher Staaten, einerseits und über 200.000 Juden andererseits. In Wirklichkeit strömten mit diesen beiden Wellen deutscher und jüdischer Aussiedler aus dem zerfallenen multiethnischen Land auch viele Russen, Ukrainer, Tataren sowie Vertreter anderer Nationalitäten als Eheleute oder als Kinder aus Mischehen nach Deutschland. Die Teilnehmer dieser Ausreisewellen haben gänzlich unterschiedliche Pässe, da sie aus 15 verschiedenen Staaten stammen, die einst auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion entstanden. Diese offizielle Vielfalt wird auch durch die deutsche Gesetzgebung, die die Angekommenen gemäß Paragraphen in verschiedene „Kategorien“ einteilt, in ihre Mitte getragen. Man kann auch noch ein drittes, zahlenmäßig unbedeutendes „Strömlein“ von Russen hervorheben, das für die Ostländer – ehemals DDR – charakteristisch ist. Obwohl die Bürger der DDR sich selbst (verglichen mit der BRD) als benachteiligt ansahen, war ihr Lebensniveau ein unerfüllbarer Traum für die Menschen aus der Sowjetunion, und die Heirat mit einem Studenten aus der DDR kam Aschenputtels Karriere gleich. Russische Ehefrauen (russische Ehemänner sind äußerst selten) sind es auch, die diesen kleinen, aber aktiven dritten Teil der russischsprachigen Landesbevölkerung stellen. Sie alle verbindet ihre russische Muttersprache, weswegen sie alle in den Augen der einheimischen deutschen Bevölkerung pauschal als Russen gelten.

Die Verbände, die mit russischsprachigen Migranten zusammenarbeiten, konkurrieren nicht selten untereinander und bemühen sich gezielt, ihre Arbeit entsprechend einer der offiziellen Kategorien auszurichten. Die Sozial-Kulturelle Vereinigung (SKV) „Meridian“ e.V. richtete sich seit ihrer Gründung im Jahre 1999 an alle Russischsprachigen ohne Ausnahme. Im „Meridian“ – wie auch in der gesamten deutschen Gesellschaft – sind alle im gleichen Maße russisch, niemand wird nach Paragraphen in verschiedene Kategorien eingeteilt. Eine solche Herangehensweise ist offenbar realistisch und daher richtig, während die bürokratische Vielstimmigkeit sehr weit von der Realität entfernt ist. Diese Umgangsweise, und selbstverständlich auch das aktive Engagement der Verbandsführung, haben den „Meridian“ zum beliebtesten aller russischsprachigen Verbände in Magdeburg und seiner Umgebung gemacht.

Heute besteht der Verein aus sechs Filialen oder Abteilungen. Der Sitz der Hauptfiliale ist in Magdeburg, die übrigen befinden sich alle in nahe gelegenen  Städten:  Wolmirstedt, Bemburg, Oschersleben, Schönebeck und Anhalt-Zerbst. Die Hauptfiliale hat mehr als 150 Mitglieder. Weitere 100 Mitglieder sind in den anderen Filialen aktiv. Für Gewöhnlich registriert sich einer der erwachsenen Familienmitglieder und zahlt die Beiträge, während die ganze Familie in den Genuss der Dienstleistungen kommt, selbstverständlich auch die Kinder. Auf diese Weise sind es faktisch weit über 500 Menschen, die entweder selbst aktiv an der Arbeit des Vereins beteiligt sind oder die Leistungen des Verbandes in Anspruch nehmen. Zählen wir einfach mal die Themengebiete auf, die die Verbandsarbeit umfasst.

 

 Zunächst die Bereich, die für akute Probleme und für die Integration zuständig sind: 

- Konsultationsarbeit in sozialen Fragen, Hilfe beim Erhalt von Briefen sowie bei der Verfassung von Antworten, die an offizielle Instanzen gerichtet sind (Leiter E. Eisemann, im Bedarfsfall: Anwalt B. Hennings),

- deutsche Sprachkurse für Erwachsene (Frau Doris),

- Vorbereitung der Kinder auf die Schule (E. Klein).

 

Die Hauptrichtung der Verbandsarbeit liegt auf dem kulturellen Gebiet. Dieses umfasst eine riesige Vielfalt an Themen:

- der Chor „Meridian“ (L. Vendrova),

- Kunststudio (I. Berman),

- Russischunterricht für Kinder, in verschiedene Altersgruppen aufgeteilt (E. Peklina, L. Stenkina),

- Englischunterricht für Kinder im Schulalter (E. Klein),

- Theatergruppe für Kinder und Jugendliche (L. Stelkina),

- Musikgruppe für Kinder (R. Lerman),

- Tanzgruppe für Kinder und Jugendlich (D. Polyakov),

- Gruppe für tschetschenischen Nationaltanz (S. Bisultanov),

- Bibliothek mit 4000 Bändern in russischer Sprache,

- Film- und Videobereich,

- Gruppe für Referate und Seminare, 

- Frauenclub,

- Seniorentreffen.

Bereits seit mehreren Jahren werden regelmäßig gesundheitsfördernde Sportveranstaltungen unter der Leitung des professionellen Trainers und Organisators W. Werwein abgehalten: angeboten wird Rückengymnastik sowie Wassergymnastik im Schwimmbecken. Alle aufgezählten Veranstaltungen finden regelmäßig statt, nämlich ein bis zwei Mal in der Woche. Außerdem werden an Feiertagen und zu besonderen Ehrenanlässen in der Regel auch entsprechende Veranstaltungen organisiert. Es kommt auch vor, dass der Verein „Meridian“ zusammen mit anderen Vereinen an gemeinsamen Veranstaltungen teilnimmt. So ist zum Beispiel das tschetschenische Ensemble am 1. Mai im Stadtpark aufgetreten, im späteren Verlauf desselben Monats hat der Verein einen Abend zum Thema „65 Jahre Kriegsende“ mit anschließender Kranzniederlegung auf dem russischen Friedhof veranstaltet. Weiterhin wurde der Film „Der Pianist“ gezeigt und besprochen, ein literarischer Diskussionsabend sowie das „Fest Europa“ veranstaltet. Es wurden zwei Exkursionen auf eine Burg und in eine Orangerie organisiert. Auch der Sport wird nicht vergessen. In Kooperation mit dem Sportclub „Magdeburg“ fanden ein Kinderfest im Kanufahren sowie ein sportliches Integrationsfest im Stadion statt.

Ähnlich reichhaltig sind auch die Programme der restlichen Monate. Der Verband ist in der aktivsten Weise in das gesellschaftliche Leben der Stadt integriert und ist in keiner Weise so etwas wie ein russisches Ghetto. An seiner Arbeit sind Migranten aus Bulgarien und Vietnam, aber auch einheimische Deutsche beteiligt. Wohl gesonnen ist man dem Verband „Meridian“ auch in den städtischen weiblichen und jugendlichen Kulturstiftungen. Ihrer Unterstützung ist es zu verdanken, dass acht Mitarbeiter im Rahmen der verschiedenen Projekte beschäftigt sind, während ihnen gleichzeitig viele Freiwillige auf ehrenamtlicher Basis helfen. Und Tatjana Henrich wurde in diesem Jahr sogar zur Miss Magdeburg gekürt!

Mit einem guten Wort erinnert man sich im Verein an die ersten Organisatoren, allen voran an Boris Poukshansky. Heute wird die alltägliche Arbeit des „Meridian“ von Nikolai Klein  geleitet, einem professionellen Philologen für mordowinische Sprachen, die zur ugro-finnischen Sprachgruppe gehören. Als Träger und Lehrer dieser relativ seltenen Sprache ist er in Deutschland, wo er einige Jahre an der Universität lehrte, genau so gefragt wie auch früher in seiner Heimat. Zunächst wurde er in den Vorstand von „Meridian“ gewählt, später zum Vorsitzenden des Vereins. Letztes Jahr wurde dem Verein im Rahmen des Bundessozialprogramms ein drei Jahre laufendes Projekt gewährt, bei dem N. Klein nun als Geschäftsführer fungiert. Den Vorsitz des Vereins übernahm daraufhin der Chirurg Alexander Schramko. Der Verein führt seine Aktivität auch weiterhin unbeirrt fort.

Juli  2010

Homepage


"Stimme im Internet" Alle Rechte vorbehalten