Mit den Augen der GUS-Auswanderer gesehen:

Der Kommentator und die gesellschaftliche Meinung

Wladimir Kunow

 

Eines Tages hat der Heilige Onufri, die Gegend beobachtend…

(aus einer Volkssage)

Unser Gegner verrät uns!

(Aus dem Kinofilm „Fanfan la tulipe“)

Русский

Wenn man genau hinschaut, so sind doch fast alle Menschen mit irgendeiner konkreten Sache beschäftigt. Jeder mit irgendetwas.. Darunter sogar jene ohne konkrete Beschäftigung. Sogar die Arbeitslosen: sie lesen Anzeigen, fahren oder laufen in die Geschäfte auf der Suche nach irgendeinem preiswerten Angebot. Auch eine Aufgabe. Andere wiederum trinken Bier, allein oder mit Bekannten auf einer Bank an der Ecke oder gleich im Stehen neben dem Lebensmitteldiscounter. Auch das ist eine konkrete Beschäftigung, um die Zeit zu verbringen. Doch hier soll es nicht darum gehen, dieser Text ist über etwas anderes. Wenn wir, wie  in der Überschrift versprochen, den Einfluss auf die gesellschaftliche Meinung bewerten wollen, so sind die genannten, nicht allzu tiefsinnigen, Beschäftigungen keinesfalls schlechter als jene des klugen und gelehrten Professors der Mathematik, der seinen Lebensunterhalt damit bestreitet, mit Kreide irgendwelche geheimnisvolle Zeichen auf die Tafel zu malen und dabei einige unbekannte Begriffe zu nennen.

Es gibt jedoch eine seltsame, spezifische Beschäftigung, die darin besteht, öffentlich allen anderen zu erklären, was nun wirklich wie in dieser Welt vor sich geht, unter dem Einfluss von Sonnen-, Mond- oder elektrischem Licht, unter Wolken, im Nebel oder in der Dunkelheit. Diese Menschen, die sich damit beschäftigen, nennt man „Kommentatoren“. Diese Bezeichnung ist nicht sehr treffend, kommt sie doch (im Russischen - d. Übers.) von „sich umschauen“, d.h. etwas beobachten. Besser wäre wohl, sie „Erklärer“ zu nennen, doch bis dato gibt es dieses Wort  noch nicht im Sprachgebrauch und wir benutzen somit weiter den allgemein anerkannten Terminus.

Ich hoffe es ist unbestritten, dass die bekanntesten Kommentatoren jene im Fernsehen sind. Heutzutage ist der Fernsehapparat ein Familienmitglied, er spielt, singt und berichtet direkt im Zimmer. Was teilt er uns mit? Soviel, wie er vermag und versteht. Das Vermögen ist, selbstverständlich, ganz verschieden. Durchzublicken in unserer vielfältigen und vielfarbigen Welt ist nicht einfach. Um erklären zu können, was tatsächlich passiert, muss man sich im Kopf eine Art Arbeitsmodell schaffen. Jeder Kommentator schafft sich sein Modell und das vermittelt er uns dann.

Das einfachste, oder genauer gesagt armseligste, Modell ist das Schwarz -Weiß-Sehen. Je primitiver, desto besser kommt es an. Die Welt ist aufgeteilt in Unsere und Nicht Unsere, d.h. die Guten und die Schlechten (=Bösen). Und weiter ist es ganz einfach: wer nicht mit uns ist, ist gegen uns. Genau dieses Modell wird uns aufwändig jeden Tag von Millionen Bildschirmen eingetrichtert. Wenn dies, beginnend mit der Kindheit, das gesamte anschließende erwachsene Leben lang geschieht, glauben die Fernsehzuschauer letztendlich daran. Und wenn dies aktiv von der Macht unterstützt wird, werden die Beobachter besonders überzeugend.

Zu allererst muss man einen würdigen Gegner finden. Der ist dann an allen Unannehmlichkeiten des Lebens schuld. Übrigens klingt Gegner zu weich, besser und klarer ist der Begriff Feind. Gebräuchlich sind nicht wenige allgemein anerkannte Feindschafts-Antipoden: Arbeiter-Kapitalisten, Christen-Moslems, Russen-Amerikaner, Juden – alle Nichtjuden, Ukrainer-Russen…

Logisch ist dann die Folgerung: wenn der Feind nicht von selbst aufgibt, wird er vernichtet. Kommt Ihnen das bekannt vor? Nicht die Kommentatoren vernichten, sie reden nur, aber so überzeugend…

Der Autor dieser Zeilen hörte am Anfang der 90-er Jahre des vorigen Jahrhunderts von Kroaten: „Ein guter Serbe – ist ein toter Serbe.“ Dann las ich, dass auch die Mohammedaner dieser Meinung waren - wie sich herausstellte, gab es eine solche Nationalität im ehemaligen Jugoslawien. Daran glaubten auch die Amerikaner und begannen, die Serben zu bombardieren. “Wenn die Piloten nur mal hingeschaut hätten, wen sie da verteidigen“ – sagte mir später traurig ein Offizier der UNO-Polizei, die versuchte, die Ordnung aufrechtzuerhalten, nachdem man die Serben vertrieben hatte.

Der ständig mürrisch dreinschauende (das Leben ist nicht leicht!). Berichterstatter des offiziellen russischen Fernsehkanals ist davon überzeugt, dass die Amerikaner die hinterlistigen Feinde Russlands sind. Von diesem Standpunkt aus kann er nicht verstehen, warum die Amerikaner selbst (!) den Russen vorschlugen, ihre Armee nicht aus Deutschland zurückzuziehen, letztere das dann aber taten? Warum? Weshalb? Es kam ihm nicht in den Sinn, dass in Amerika ebensolche schwarz-weiße, wie er selbst, verwirrt war: Unser Gegner verrät uns! Hilfe! Und es stellte sich heraus, Gorbatschow war bunter und klüger.

Vor vielen Jahrhunderten formierten sich die russischen Slawen. Im frühen Mittelalter war ihr Zentrum, die Hauptstadt im Süden. Im Süden ist das Klima bequemer, aber es gibt zu viele Konkurrenten: nomadisierende Steppenvölker und Slawen - Polen. Mit den Jahrhunderten zog das Zentrum des russischen Lebens in den weniger gefährlichen Norden: ein schlechteres Klima, aber weniger Konkurrenten. Der Norden begann Schritt für Schritt alles zu übernehmen und zu führen, was es schon früher gegeben hatte, und vieles fügte er hinzu.

Als allerdings die Mächtigen im Zentrum sich verhaspelten und verwirrten, wurden die Provinzbeamten mit Vergnügen selbständig. Und so wird es wohl in der überschaubaren Zukunft werden: es ist  bei der die Freiheit lebenden Elite kaum der Wunsch zu erkennen, sich irgendeiner Fürsorge unterzuordnen. Solch eine Teilung kann der nichtelitären Mehrheit nicht gefallen und deshalb bemühen sich die Kommentatoren: den Ukrainern erklären sie, dass ihr wichtigster Feind die „Moskowiter“ sind, den Russen trichtern sie ein, dass die Ukrainer schlecht und listig sind.

Ein Volk ist dies, eins. Eine Sprache, eine Kultur, eine Mentalität. Bis in die Kleinigkeiten ist alles gleichartig. Wer ist schlauer als der andere? Ein gemeinsamer 146. Platz in der Weltrangliste der Korruption. Ein Platz für zwei.

Selbst der Fußball ist gleichartig. Sie waren zwar nie Weltmeister, sahen aber früher gar nicht so schlecht aus. Jetzt hat es weder der eine, noch der andere zur Fußball - WM geschafft. Und dabei haben sie sogar die entscheidenden Spiele gegen mittelstarke Mannschaften mit dem gleichen Resultat verloren: 0:1.

Alles ist gleich, es gibt ein Volk, aber verschiedene Staaten. Die am schärfsten bewachte Grenze befindet sich zwischen diesen beiden. Schmiergelder von den Durchreisenden werden von diesen und auch jenen Beamten emsig kassiert. Die Staatsflaggen sind, zugegebenermaßen, von unterschiedlichen, recht lustigen Farben, die politischen Kommentatoren der offiziellen Fernsehkanäle jedoch sind einfarbig – schwarz. Wird denn das Fernsehauditorium dieser Einfarbigkeit niemals überdrüssig?

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