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Von der Arbeitswanderung zur Einwanderungsgesellschaft
Festrede in der Frankfurter Paulskirche am 5. November 2009
(Elektronische Version, ohne Bibliographie)
Prof. Dr. phil. habil. Klaus J. Bade
Professor, Doktor Philosophie Habilitation Klaus J. Bade (1944) lehrte bis 2007 Neueste Geschichte an der Universität Osnabrück und lebt heute in Berlin. Der Historiker, Migrationsforscher, Publizist und Politikberater war u.a. Gründer des Osnabrücker Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS), der Gesellschaft für Historische Migrationsforschung (GHM), des interdisziplinären Rates für Migration (RfM) und ist heute Vorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) in Berlin (www.kjbade.de). |
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2.
Migration und Integration in der Politik
1.
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Mit
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Vorbemerkung Ich bedanke mich für die Einladung, an diesem zentralen Ort der Geschichte zu diesem bedeutenden gesellschaftspolitischen Thema der Gegenwart zu sprechen. 1848/49 versammelte sich die Elite des Bürgertums in der Frankfurter Paulskirche. Im Vordergrund standen die nationale und die Verfassungsfrage, im Hintergrund drohte die Soziale Frage. In der Paulskirche ging besonders um politische Rechte für den bürgerlichen „Dritten Stand“, die ein Äquivalent zu seiner wirtschaftlichen Stellung bilden sollten. Diskutiert wurde in der Paulskirche aber auch über Wanderungsfragen. In deren Zentrum standen in der öffentlichen Diskussion der Jahrhundertmitte die überseeische Massenauswanderung, der Schutz deutscher Auswanderer, aber auch die Frage nach einer indirekten Steuerung und wirtschaftlichen Nutzung der deutschen Auswanderung. Bei der Steuerung wurde in der zeitgenössischen Diskussion an die Begründung von informellen deutschen Siedlungskolonien, vorzugsweise in Südamerika, gedacht, die zugleich deutsche Absatzmärkte in Übersee erschließen sollten und zwar ohne Konkurrenz auf dem Weltmarkt – wie im Falle der Vereinigten Staaten, dem damaligen Haupteinwanderungsland der Deutschen. Das war eine britischen Kolonialtheorien verpflichtete Illusion, die in der Expansionsdiskussion der späten 1870er und frühen 1880er Jahre nochmals eine erhebliche, nicht minder illusionäre Rolle spielte. Vor allem aber wurde die überseeische Massenauswanderung in der öffentlichen Diskussion der Jahrhundertmitte, in der seinerzeit modernen Dampfkesselmetaphorik, als soziales „Sicherheitsventil“ gegen potenziell sozialrevolutionär wirkenden „Überdruck“ im „Dampfkessel“ der Gesellschaft verstanden. Dahinter stand die Angst vor der als gesellschaftliches Kernproblem im Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft immer stärker ins Blickfeld rückenden großen Sozialen Frage des 19. Jahrhunderts. In den legislativen und institutionellen Kernforderungen ihrer migrationspolitischen Diskussion waren die Abgeordneten der Verfassunggebenden Nationalversammlung 1848/49 in einiger Hinsicht schon weiter als die Abgeordneten der Bundesrepublik Deutschland im 20. Jahrhundert und zum Teil sogar noch in den Koalitionsverhandlungen Ende Oktober 2009; denn die Fraktionen der Paulskirche verabschiedeten am 15. März 1849 ein Migrationsgesetz (Reichsauswanderungsgesetz), in dem auch ein Migrationsministerium (Reichauswanderungsamt) vorgesehen war. In der Gegenwart, in der es in der öffentlichen Diskussion – im Gegensatz zur statistischen Wirklichkeit – mehr um Zuwanderung als um Auswanderung geht, wäre das Pendant das Zuwanderungsgesetz (das es erst seit 2005 gibt) und ein Integrationsministerium (das nach wie vor ebenso fehlt wie ein umfassendes Integrationsgesetz). Eine auch vom Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) vorgeschlagene institutionelle Stärkung des Migrations- und Integrationsbereichs auf der Bundesebene, z.B. durch die Einrichtung eines Querschnittsministeriums für Integration, wurde in der weiteren Öffentlichkeit im Herbst 2009 von den verschiedensten Seiten gefordert. Sie scheiterte in den Koalitionsverhandlungen Ende Oktober 2009 am Widerstand insbesondere der Innen- und Rechtspolitiker, die auch andere Innovationen in der Migrations- und Integrationspolitik „streitig stellten“, was am Ende teils zu Ablehnungen, teils zu vagen Formelkompromissen in der Koalitionsvereinbarung zu Fragen von Zuwanderungsteuerung und Integrationspolitik führte. In dieser Hinsicht also harren die – freilich von ganz anderen Gesellschafts- und Migrationsverhältnissen bestimmten – institutionellen Pläne der Verfassunggebenden Nationalversammlung noch immer ihrer Umsetzung. Sie gingen seinerzeit unter mit der Revolution von 1848/49. Das Scheitern der Revolution wiederum hatte auch mit dem Rückzug des Bürgertums zu tun; denn im Frühjahr 1849 traten zunehmend die sozialrevolutionäre Unterströmung der Revolution und mit ihr der beargwöhnte frühproletarische „Vierte Stand“ in den Vordergrund, was den bürgerlichen „Dritten Stand“ ebenso abschreckte wie die alten Eliten. Die gefürchtete Soziale Frage aber stieg mit dem Industriezeitalter zur gesellschaftlichen Schlüsselfrage des 19. Jahrhunderts auf. Ein Jahrhundert später, in den 1970er Jahren, hat Heiner Geißler mit Blick auf die seinerzeit unter dem Stichwort „Zeitbombe Gastarbeiterfrage“ vieldiskutierte Integration der Zuwandererbevölkerung von einer „neuen sozialen Frage“ gesprochen. Sie ist längst, wenngleich in viel geringerem Maße als die große Soziale Frage des 19. Jahrhunderts, zu einer gesellschaftspolitischen „Schlüsselfrage“ geworden – wie es auch wörtlich in der Koalitionsvereinbarung von Ende Oktober 2009 heißt. Als ich in und seit den frühen 1980er Jahre in zahlreichen Schriften und Vorträgen zusammen mit nur wenigen anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern immer wieder von Integration als einem Zentralthema der Gesellschaftspolitik für Gegenwart und Zukunft gesprochen habe, haben noch viele gelacht oder sich in zynisch-herablassenden Bemerkungen ergangen. Heute lacht darüber niemand mehr. Aber die meisten der damaligen politischen und politisch-publizistischen Akteure haben vergessen oder verdrängt, dass das, worüber wir heute diskutieren, schon vor einem Vierteljahrhundert – vergeblich – als Thema aufgerufen worden ist. Heute haben wir es längst mit dem zu tun, was Bundestagspräsidentin a.D. Rita Süssmuth (CDU) 2006 im Untertitel ihres Buches über Migration und Integration als „Testfall für unsere Gesellschaft“ beschrieben hat. Dieser Test kann erst als bestanden gelten, wenn empirisch fassbare Realität geworden ist, was NRW-Integrationsminister Armin Laschet (CDU) in seinem im Oktober 2009 vorgestellten neuen Buch „Die Aufsteiger-Republik“ genannt hat. Fortsetzung folgt |
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