Mit den Augen der GUS-Auswanderer gesehen:

Der Spötter rät

(im Spaß und im Ernst)

 Wladimir Kunow

Übersetzerin I. Küster

Русский 

 Es schickt sich nicht, den Erwachsenen, im Leben gereiften, mit dem Alter weise gewordenen Menschen Ratschläge zu erteilen. Es ist mir gar nicht wohl dabei. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass alle ringsum ständig Ratschläge geben, ohne sich dabei zu genieren. Ich lasse es dennoch auf den Versuch ankommen.

 Rat Nummer eins. Belästigen Sie die Leute nicht mit Ihren Krankheitsgeschichten. Unterlassen Sie es einfach, dieses Thema anzusprechen. Es interessiert außer Sie selbst nämlich niemanden. Sie können sich davon ganz leicht überzeugen, wenn bei einem Schwätzchen mit Bekannten die Rede auf Krankheiten kommt. Schauen Sie dann einfach nicht den oder die Berichtenden an, sondern richten Sie den Ihren Blick auf den oder die Zuhörenden. Mit Ihrer vom Leben geschulten Erfahrung werden Sie sofort bemerken, dass er (sie) total gelangweilt dreinschaut oder, wenn er (sie) ein sehr höflicher Mensch ist, dass er (sie) verzweifelt versucht, eine interessierte Miene aufzusetzen. Es wird Ihnen dennoch sofort klar, dass er (sie) sich nur verstellt. Es interessiert ihn (sie) nämlich überhaupt nicht. Und seien Sie doch ehrlich, seine (ihre) Krankheiten interessieren Sie auch nicht.

Unter uns gesagt, gilt dieser Rat im gleichen Maße sowohl für die Einwanderer, als auch die Hiesigen. Die älteren deutschen Nachbarinnen beklagen sich sehr gern über ihre Wehwehchen bei mir, einem ihnen nur wenig bekannten Ausländer, während ich eine mitfühlende Miene aufsetze und zusehe, dass ich die Weite suche. Neulich hat mir eine unternehmungslustige und heitere Nachbarin, mit der ich mich sonst nur kurz über unsere Erfolge bei der Pilzjagd in der Heide austausche, mächtig zugesetzt. Bei der letzten Begegnung in der Straßenbahn fragte ich sie nach Pilzernten in der neuen Saison. Daraufhin teilte sie mir mit, dass sie Schmerzen im Knie habe. Ich glaube im rechten. Oder im linken? Gott sei Dank, musste sie an der nächsten Haltestelle aussteigen.

Es wäre sicherlich besser, wenn Sie also Ihre atemberaubenden Berichte für den Arzt oder im äußersten Falle für den (die) Ehegatten (-in) aufheben. Noch besser ist es, weniger krank zu sein.

 Rat Nummer zwei. Behandeln Sie die Ratgebenden mit Vorsicht. Ich meine dabei die amtlichen Ratgeber, wobei es unwichtig ist, unter welchen Voraussetzungen die ihren Rat erteilen: ob für einen Gehalt, für ein Honorar oder ehrenamtlich. In den unterschiedlichen amtlichen und öffentlichen Einrichtungen sitzt eine große Menge davon. Sind Sie ein Neuling, kann so ein guter Rat helfen, sich zu orientieren, wo man sich tatsächlich hinzuwenden hat. Häufig sind die Möglichkeiten eines amtlichen Ratgebenden damit aber schon erschöpft. Aber auch solche ganz einfachen Auskünfte können Sie unbeabsichtigt in die Irre führen – oder die Information des Ratgebenden kann längst veraltet sein. Versuchen Sie stattdessen, sobald wie möglich zu lernen, die Telefonbücher, andere Nachschlagewerke und das Internet zu nutzen. Schalten Sie den gesunden Menschenverstand ein. Das wird Ihnen sogar in so offensichtlich einfachem Fall wie dem Computer – Ausdruck Ihrer Reiseroute mit der Eisenbahn nutzen. Es ist möglich, dass man  Ihnen offiziell keineswegs die günstigste Variante anbietet. Hatten Sie sich selbst im Voraus über die Route informiert, dann fragen Sie nach der vermuteten anderen Möglichkeit. Vielleicht wird sie Ihnen  besser gefallen und billiger werden.

Rat Nummer drei. In Ihrer Heimat haben Sie sich aus bekannten Gründen nur sehr selten an das Gericht gewandt. In der freien Welt ist es wesentlich mehr verbreitet, sein Recht einzufordern. Sie hören und lesen ziemlich häufig: Wenden Sie sich ans Gericht. Im Prinzip ist es auch richtig. Es gibt jedoch dabei auch ein Aber: Das ist der Rechtanwalt. Ohne Anwalt können Sie, bis auf wenige Ausnahmen, nicht vor’s Gericht nicht gehen. Ein Anwalt aber kostet Geld, oft sogar viel Geld. Da lohnt es sich abzuwägen, ob im Falle eines Streits der Gang zum Gericht wirklich nötig ist. Es gibt allerdings verschiedene Hilfen. Eine davon ist die Rechtsschutzversicherung. Aber nicht jede sichert sie wirklich . Sehen Sie zu, nicht den falschen Versicherer zu erwischen. Sind Sie arm, können Sie den Staat bitten, die Bezahlung des Rechtsanwaltes im Rahmen der Prozesskostenhilfe zu übernehmen. Er wird auch den entsprechenden Antrag für Sie – ausfüllen. Übernommen werden aber nicht immer hundertprozentig alle Kosten, hier gibt es Differenzen. Was die Qualität eines Anwaltes betrifft: Auch dabei gibt es Unterschiede. Man benötigt meistens einen ausgewiesenen Fachanwalt. Die Anwaltskammer kann Ihnen einen benennen. Das Wichtigste bei einem Anwalt ist die Qualität seiner Moral. Er  verdient sein Honorar unabhängig von dem erreichten Ergebnis. Deshalb mag er auch daran interessiert sein, Sie sogar in ein hoffnungsloses Verfahren zu locken. Sein Geld ist sicher, Ihr Erfolg aber unsicher.

Ähnlich verhalten sich leider auch einige Ärzte. Aber dort halten wenigstens ein wenig die Mittler, sprich die Krankenkassen, ein Auge darauf. Ein Anwalt aber ist selbst der Mittler, und kann von Habgier getrieben sein. An dieser Stelle muß ich mich wiederholen: schalten Sie den gesunden Menschenverstand ein. Die Legende von der hohen Qualifikation und dem hohen moralischen Niveau der westlichen Anwälte ist tatsächlich nur – eine Legende. Die moralische Qualität der Anwälte (wie auch die Ärzte) ist von Person zu Person unterschiedlich. Und von den guten gibt es nicht all zu viel.

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