|
Mit den Augen der GUS-Auswanderer gesehen: Ratgeber für politische Anfänger Berater Wladimir Kunow
Bemerkung der Redaktion. Der Autor glänzt leider weder mit tollen Visionen, noch mit Fantasie. Die Kraft seiner Raterteilung schöpft er einfach aus den Geschehnissen in der Stadt, in der er lebt. |
|
Русский
Zum Seitenende
Nicht
nur für Immigranten nützliche Ratschläge Ratschläge
für jene, die davon träumen, Unternehmer zu werden Ratgeber für politische
Anfänger Für
uns fotografiert man
In unserer Stadt
und Umgebung
In
der nähe von Sachsen
Eine
mitteldeutsche Hauptstadt
Video
Von
der Abeitswanderung zu Einwanderungsgesellschaft
4.
Streitkultur
5.
Erfolge der Integration
2.
Migration und Integration in der Politik
1.
Die Republik als Ein- und
Auswanderungsland
Mit den Augen der
GUS-Auswanderer gesehen
Der Spötter
Absurde
Szenarien mit Hintergedanken Literarische
Seite Gedichte von Winogradow Gedichte von Rozov
|
Einen Ratgeber für neuangereiste Immigranten, darunter auch für Frauen, habe ich bereits verfasst. Er wurde ganz gut angenommen, einige Male wurde er sogar ohne Nachfrage und Erlaubniserteilung einfach nachgedruckt. Seltener aber werden diese Ratschläge auch befolgt. Dabei hatte das Akademiemitglied Amosow mir schon vor Jahren erklärt, dass niemals auch noch so wertvolle Ratschläge je befolgt werden. Deshalb sollte man auf gar keinem Fall damit rechnen, dass jemand deinem Rat folgen würde. Hat der Ratgebende Schwierigkeiten, diesen Umstand zu überleben, sollte er es mit dem Ratgeben lieber lassen. Ich gebe mir alle Mühe, mich zurück zu halten und der Weisheit des Akademiemitgliedes zu folgen, zwar auf Ratschläge anderer zu hören, sie aber nicht zu befolgen. Aber glauben Sie mir, manchmal habe ich eben dennoch Lust, selbst Ratschläge zu erteilen. Wie jetzt zum Beispiel. Viele Menschen träumen von Kindesbeinen an, Schauspieler zu werden. Sehr stark ist der Wunsch, ganz allein auf der großen Bühne vor einem bis zum Rand gefüllten Zuschauerraum zu stehen, auf das applaudierende Volk herunter zu schauen, sich dann zwar niedrig zu verneigen, aber in der Wirklichkeit über allen zu fühlen, quasi als ein Olympbewohner. Noch besser ist es, Politiker zu werden, dann braucht man sich nicht mal zu verbeugen, es genügt, nur ein bisschen zu winken. Wie man zu so einem Beruf kommt? Nun, für Schauspieler gibt es Ausbildungsstätten wie Schulen oder Studios. Für Politiker gibt noch keine Schulen, einige Zwischenberufe existieren zwar, sind aber nichts Richtiges. Der einzige Weg zum Ziel ist Selbststudium. Wo fängt man da an? Zuallererst sollte man sich selbst richtig einschätzen, ob man dazu taugt. Die wichtigste Eigenschaft ist die Redegewandtheit. Die Grundlage dafür ist das Können und der Wunsch mehr zu reden, als die anderen. Das Können eignen Sie sich am besten durch das Training vor dem Spiegel, vor den Freunden oder Bekannten an. Der Wunsch dagegen muss bereits als genetische Veranlagung vorhanden sein. Entweder hat man diese Veranlagung oder man hat sie nicht. Ist diese Veranlagung nicht vorhanden, sollte man sich einen anderen Beruf suchen. Weiterhin sollte man lernen, jeden Unsinn überzeugend rüberzubringen. Es gilt, niemals in Verlegenheit zu kommen. Man sollte es drauf haben, die bekannten und die einfachsten Dinge als eigene Entdeckung und sehr bedeutungsvoll zu präsentieren. Je bedeutungsvoller, desto besser. Ob du darüber Bescheid weißt oder nicht, ob du deiner sicher bist oder nicht, spielt keine Rolle. Dein Redeschwall muss immer überzeugend klingen, es dürfen nicht nur keine Zweifel zum Ausdruck kommen, sie dürfen nicht einmal vermutet werden. Aber: Bevor man den Mund aufmacht, ist es sehr wichtig, die Zuhörer richtig einzuschätzen. Einfach ist das nicht. Im Grunde ist es das Schwierigste von allem und somit die Voraussetzung für den Erfolg. Es gilt zu begreifen, wovon die Zuhörer nicht viel Ahnung haben, genau dieses Thema spricht man an. Diese Methode funktioniert auch in den spezifischen Auditorien der Hochstudierten, wie z. B. in irgendeiner Technischen Universität, wo die Zuhörer allesamt die fortgeschrittenen Wissenschaftler sind. Den Physikern und Chemikern kann man z. B. die neuesten traurigen Geschichten über die Ökologie und die Ausrottung der Tierarten erzählen, sanft darauf hinzuweisend, dass wir doch alle dorthin kommen. Den Ökologen präsentiert man am besten die Erfolge der Nanotechnologie, damit sie die Ehrfurcht vor den großen Geheimnissen der Natur zu spüren bekommen. Sowohl die einen als auch die anderen müssen den Eindruck gewinnen, dass Sie wesentlich mehr als sie wissen und verstehen. Selbstverständlich darf dabei auf gar keinen Fall vergessen werden, am besten quasi nebenbei erwähnt, aber dennoch klar genug angedeutet, dass für wissenschaftliche Forschungen (in Physik, Chemie, Ökologie, Pharmazie usw., je nach Zuhörerart) mehr Mittel eingesetzt werden sollten. Dies sei Ihre Meinung, die Sie auch teilen. Aber bitte ohne Einzelheiten, sonst kann es schwierig werden. Mit dem Volk kann man schlichter umgehen. Beginnen Sie immer konkret. Wenn z.B. die Anwohner einer Wohnanlage unzufrieden sind, weil die Stadtväter gerade in ihrer Nähe eine Brücke bauen lassen und entsprechend die Lärmbelastung durch die vorbeifahrenden Fahrzeuge werden könnte, sollten Sie eine Unterschriftensammelung starten. Und zwar mit dem Vorschlag, eine Abstimmung der ganzen Stadtbevölkerung zu fordern. Alle Betroffenen werden Sie zur Kenntnis nehmen und unterstützen. Es bildet sich Ihre Gefolgschaft, Sie werden zum hiesigen Aktivisten. Bleiben Sie „am Ball“, wächst Ihr Bekanntheitsgrad. Haben Sie das Referendum durchgesetzt, sind Sie bereits Politiker von städtischem Niveau. Dass die restlichen Stadtbewohner die Brücke brauchen, ist logisch: an den alten Brücken sind ewig Staus. Also ist die Befragung der ganzen Stadt nicht unbedingt ein Plus für Sie. Doch verzagen Sie nicht gleich, ein Vorteil ist dennoch dabei. Der Kampf geht weiter, und Sie sind mittendrin. Sie absolvieren Auftritte, Sie werden fotografiert und die Zeitungen schreiben über Sie. Denken Sie nach, beobachten Sie genau! Fällt Ihnen auf, dass die Brücke die historische Ansicht der Stadt stört? Sicher, sie wird weit vom Zentrum entfernt errichtet, von wo sie praktisch nicht sichtbar ist. Sie entsteht dort, wo es bis in die jüngste Geschichte gar keine Stadt gegeben hat. Das ist dennoch nicht wichtig. Denn sieht man von diesem Punkt aus in diese Richtung, sieht der Anblick mit Brücke nicht naturgetreu aus. Was folgt daraus? Richtig: Ablehnung! Das geht auf gar keinem Fall. Also, kein Bau! Man hört nicht auf Sie, der Bau wird vorbereitet? Umso besser, wenden Sie sich nunmehr an internationale Gremien! Es gibt doch internationale Organisationen, die sich um das Historische kümmern. Nichts als hin! Immer weiter voran! Stellen Sie es sich einmal vor: Begonnen haben Sie mit einer Wohnanlage, und jetzt sind Sie schon in einem internationalen Forum! Sie sind der Redner. Die Stadt wird als Ansicht vom richtigen Punkt aus heutiger Sicht plus Computeranimation mit der zukünftigen Brücke dargestellt. Es wird deutlich: Hier ist die Brücke vorhanden, dort fehlt sie. Der Bruch im Verlauf der Geschichte fällt sofort ins Auge. Deshalb werden die Teilnehmer des Forums, die niemals in Ihrer Stadt waren und nie in deren Staus gestanden haben, einmütig Ihre Meinung teilen: Auf gar keinen Fall bauen! Sonst gehört die Stadt bestraft, verurteilt und aus dem wertvollen Verzeichnis der bevorzugten Objekte gestrichen! Es kann durchaus passieren, dass die Stadt Sie mitsamt dem Forum zum Teufel wünscht. Die Brücke ist nun mal notwendig. Wie sollten Sie sich weiter verhalten? Inzwischen kennt Sie die ganze Stadt, das ganze Bundesland, viele in der Bundesrepublik und einige im Ausland. Sie haben eine eigene Mannschaft. Also sind sie inzwischen ein Politiker mit voller Akzeptanz. Sie brauchen sich nur ein neues Thema zuzulegen – und rein in einen neuen Kampf mit der bewährten Mannschaft! Fällt Ihnen nichts Neues ein, ist das auch kein Beinbruch. Hier ein hilfreiches Verzeichnis möglicher Aktivitäten nach gleichem Strickmuster: Es gilt alle Kröten, Mäuse und Käfer zusammenzuzählen, die auf den Fläche der zukünftigen Brücke leben. Der Bau wird ihnen zusetzen! Gehen Sie vors Gericht im Namen unserer kleinen Brüder. Setzen Sie sich für sie ein. Die Gerichte entscheiden in zig Instanzen. So lange die Gerichte mahlen, steht der Bau still, und Sie bleiben auf dem Pferd. Alle Gerichte haben Ihre Klage abgewiesen? Nun gut, lasst uns bauen, aber nicht irgendwie. Sie verfügen über etliche Alternativen, jede ist besser, als die beschlossene Variante. Und obendrein gilt es noch die allerwichtigste Frage zu beantworten. Die hätte man auch gleich zu Beginn stellen können, aber immerhin, besser spät als gar nicht. Diese alles entscheidende Frage ist die Grundsatzfrage: Wie soll gebaut werden? Längs des Flusses oder quer? Und überhaupt, warum denn eine Brücke? Es gäbe doch auch andere technische Lösungen! Ein Tunnel tut’s auch. Recht und billig, auch wenn er teurer wird. Irgendwann werden Sie mit Ihrer Mannschaft dorthin geschickt, wo der Pfeffer wächst. Und der Bau wird begonnen. Bloß nicht aufgeben. Auf der Baustelle werden Bäume gefällt und Sträucher gerodet. Das sind doch lebendige Geschöpfe! Zusammen mit den Naturschützern und Fotografen stellen Sie sich den Zerstörern entgegen. Bewaffnen Sie Ihre Aktion mit herzzerreisenden Plakaten. Schicken Sie in die erste Reihe Mütter mit Babys auf dem Arm. Die Frauen weinen, die Kinder schreien. Sie gleich dahinter. Die Kameras aller Art voll im Einsatz. Und so weiter, und so fort. Und bei den nächsten Wahlen kandidieren Sie je nach Gusto für die Oberbürgermeisterstelle, den Land- oder Bundestag. Ein Politiker mit Potential hat immer große Chancen. |
"Stimme im Internet" Alle Rechte vorbehalten