Mit den Augen der GUS-Auswanderer gesehen:

Ungewöhnliches Russland

 

Vadym Karliner

Übersetzerin Irina Küster

Русский

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  Mit den Augen der GUS-Auswanderer gesehen

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Die westlichen und die russischen Publizisten, die in ihren Debatten über Russland zu vielen aktuellen, aber auch in historischer Sicht eher recht spezifischen Problemen oft in Streit geraten, sind sich dennoch zumeist über einige grundlegende Fragen einig. Und zwar darüber, dass

  1. dieses Land im 20. Jahrhundert während des totalitären Regimes auf den falschen historischen Weg geriet, deshalb schließlich in der Sackgasse landete und  auseinander fiel;
  2. heute Russland seine Bedeutung zu dick aufträgt und sich in die Mitte der einflussreichsten Staaten drängt, obwohl es reichlich Länder gibt, die ein viel höheres Produktionsniveau an den Tag legen;
  3. in den westlichen Staaten die Menschen frei und gut, aber in Russland unfrei und schlecht leben und
  4. Russland ein ungewöhnliches Land ist.

Die genannten vier Punkte werden allgemein akzeptiert, sie verstehen sich quasi von selbst. Versuchen wir dennoch, uns einmal ohne überflüssige Emotionen damit auseinander zu setzen. Dieser Anspruch mag vielleicht manchem als zu aufmüpfig und unbescheiden erscheinen, aber der Autor möchte dennoch klar bekunden, dass er mit den genannten Postulaten nicht einverstanden ist.

Hier  seine Argumente:

Beginnen wir mit dem historischen Weg. Noch vor 500 Jahren unterschied sich Russland kaum von den anderen europäischen Staaten. Dann folgte eine Epoche, in der sich im Westen die verschiedensten technischen und kulturellen Neuerungen entwickelten.

Allerdings geschah dies nicht überall, sondern nur in wenigen Regionen: in den Städten Italiens, Hollands, Großbritanniens und später Frankreichs. Deutschland und Spanien hinkten tüchtig nach. All dies wurde von fast ununterbrochenen Kriegsereignissen (der 100-jährige, der 30-jährige,der 7-jährige...) bzw. Revolutionen begleitet. Deutschland zog dann bei der kulturell-technischen Entwicklung seiner westlichen Nachbarn kräftig nach. Später machte sich auch Russland auf diesen Weg, doch es kam dabei nur langsam voran, zumal die schnellen Transportmittel und Verbindungsmedien noch nicht erfunden waren. Deshalb war das Zarenreich während des Krimkrieges, als der westliche Gegner mit den Dampfkriegsschiffen aufwartete, noch gezwungen, seine nutzlosen Segelkampfschiffe heldenhaft zu versenken. Doch mit der Zeit legte sich auch Russland Panzerkreuzer zu.

Anschließend ereigneten sich Kriege und Revolutionen in allen europäischen Staaten. Nur wenige kleinere Länder blieben verschont. In Russland verliefen diese Ereignisse auf besonders brutale Weise, was viele Opfer kostete. Doch auch in den anderen Staaten Europas waren in den Jahrhunderten zuvor, prozentual gesehen, die Verluste in der Bevölkerung kaum geringer gewesen. Das totalitäre Regime, das in Russland nach der Oktoberrevolution entstand: War es wirklich so unvergleichbar? Wie steht es denn um die Regime von Cromwell in Großbritannien, Napoleon in Frankreich und, im 20. Jahrhundert, um Mussolini (besonders verehrt von Churchill) in Italien, Hitler in Deutschland, Franco in Spanien, Salazar in Portugal, Atatürk in der Türkei? Waren sie etwa weniger brutal? Einige dieser totalitären Regimes wurden während des 2.Weltkrieges vernichtet, so in Deutschland, Japan und Italien. Die anderen, in Spanien, Portugal, und der Türkei, erübrigten sich von selbst mit dem Tod der Diktatoren. Wieso wäre denn Russland dann etwas so Besonderes?

Über kurz oder lang haben sämtliche Völker nach der Beendigung des feudalen Zeitabschnittes eine totalitäre Epoche durchlaufen. Folglich ist das eine historisch unumgängliche und notwendige Entwicklungsetappe und keinesfalls eine Sackgasse. Russland entwickelte sich in dieser Etappe schnell und effektiv, wenn auch in grausamer Weise (überall lief so etwas grausam ab!). In dieser Zeit wurde eine mächtige und konkurrenzfähige Industrie geschaffen, das wenig alphabetisierte Land wurde eines der fortschrittlichsten in punkto Bildung. Wie kann man hier von einer Sackgasse sprechen? Allerdings konnten infolge politischer Einschränkungen die Manager des Landes keine internationale Erfahrungen sammeln, hatten keinen Zugang zum globalen Markt. Soweit stimmt es schon: Sie schmorten im eigenen Saft! Dies wird aber jetzt rasch überwunden, trotz des verzweifelten Widerstandes derjenigen, die diesen Markt bereits beherrschen. Ist das nicht folgerichtig angesichts der gefährlichen Konkurrenz?!

Und nun zum Thema Zerfall: Weggefallen sind die russischen Randkolonien im Baltikum, Kaukasus und in Zentralasien. Sie waren im 18. und 19. Jahrhundert erobert worden und versuchten sich im 20. Jahrhundert, nach der Oktoberrevolution, zu befreien. Doch Russland gelang es, sie bei sich zu behalten. In seinem asiatischen Teil sorgte es zudem auch noch für die Bildung der Bevölkerung. Doch am Ende des vergangenen Jahrhunderts blieb Russland ohne Kolonien zurück. Wieso ist das schlecht für das Land? Historisch gesehen verlor auch England seine Kolonien erst vor kurzem. Genau wie Russland hat auch England keinen Krieg dabei verloren. Sogar die Probleme beider Länder sahen ähnlich aus: Wo sollten die englischen und später dann die russischen Kolonisatoren hin? Das Schicksal der einen wie der anderen ist nicht zu beneiden. Dennoch liest und hört man nirgendwo, die Aufgabe seiner Kolonien sei für England ein Weg in die Sackgasse gewesen.

Solche Vergleiche kann man beliebig fortsetzen. Auf ähnliche Weise, faktisch ohne auffallende Niederlagen, haben im 20. Jahrhundert auch solche großen Kolonialmächte wie Spanien, Portugal, Belgien, Niederlande und auch USA ihre Kolonien verloren. Etwas früher verlor Österreich seine Randkolonien infolge des 1. Weltkrieges und der anschließenden Revolution. Heute scheint es durchaus damit zufrieden zu sein, keine unruhestiftende Trabanten mehr um sich zu haben. Seit den Niederlagen in den beiden Weltkriegen haben auch Deutschland und Italien keine Kolonien mehr. Wie wir sehen, ist der Verlust von Kolonien ein üblicher historischer Weg. Russland verlor seine Kolonien später, doch bei ihm läuft stets alles mit einiger Verspätung ab. Und schließlich ist ein Zeitraum von 30-40 Jahren aus historischer Sicht keine lange Periode.

Für Russland war der Verlust zweier Kernbestandteile des Großreiches, der Ukraine und Belaruß, gewichtig und schmerzvoll. Insbesondere trifft dies auf die Ukraine zu, den großen und umfassend entwickelten Teil des einstigen Russlands. Aus der Ukraine wurde auch die Elite des Gesamtreiches regelmäßig aufgefrischt, darunter die zwei ehemaligen kommunistischen Führer Trotzki und Breshnew. Auch Chrustschew hatte in der Ukraine seine berufliche und politische Karriere begonnen. Außerdem ging mit der Abspaltung der Ukraine für Russland eine direkte Landverbindung zum Westen verloren. Diese Verluste fallen bis heute schwer ins Gewicht. Aber auch dies ist allgemein gesehen nichts Besonderes. Geteilt wurden auch andere Staaten. In diesem Zusammenhang erinnert das, was mit Österreich und Deutschland geschah, durchaus an die Ukraine und Russland.

So gesehen, ist Russlands Entwicklung nichts Außergewöhnliches. Es gibt  keinen besonderen russischen Weg, alles ist ganz normal abgelaufen.

Zum 2.Punkt: Schauen wir uns  einmal Russland als angebliche Großmacht an.

Auf der Karte sehen wir in der Tat ein sehr großes Territorium. Obwohl der Großteil davon für die Besiedlung ungeeignet ist, ist es mit riesengroßen Bodenschätzen gesegnet, die von der ganzen Welt begehrt werden. Die industrielle Erschließung ist weit entwickelt, in einigen Industriezweigen ist bereits die Verarbeitung auf Weltniveau im Gange. Dies betrifft zum Beispiel die Verarbeitung des Uranerzes und die Gewinnung von Aluminium. Die Verarbeitungsindustrie wird auch in anderen Zweigen kontinuierlich weiter entwickelt. Das heißt, dass es genug Mittel dafür gibt. Es heißt, dass bezüglich des Wertes der geschaffenen Produktion Russland von vielen westlichen Ländern weit entfernt ist, aber es stimmt auch, dass für diese Bewertung der Blickwinkel entscheidend ist. So z. B. wurde der Konzern „Gasprom“ noch vor wenigen Jahren auf 8 Milliarden US-Dollar geschätzt. Heute liegt der Schätzwert bei 250 Milliarden US-Dollar. Wenngleich dieser Konzern in seiner Produktion um nur einige Prozente gewachsen ist, so sprang sein Börsenwert um das 30-fache in die Höhe! Obwohl der Aktienwert für ein Unternehmen eine sehr wichtige Rolle spielt, – für die politische Einschätzung der Machtstellung eines Staates sind solche Bezugswerte kaum ausschlaggebend. Viel wichtiger sind dafür die realen materiellen Werte und das Niveau ihrer Handhabung. Die Russlands Schätze sind sehr umfangreich; ihre Handhabung lässt sich zwar durchaus verbessern, ist aber bereits würdigungsfähig.

Zur Macht eines Staates gehört auch seine militärische Stärke. Russland belegt, wie allgemein anerkannt, dabei den zweiten Platz nach den USA. Momentan führt Russland keine Kriege, bedroht anscheinend auch seine Nachbarn nicht, doch seine Raketen beeindrucken einerseits unwillkürlich die übrige Welt und andererseits werden sie gern gekauft und weiterverkauft. Auch die Traditionen sind nicht zu unterschätzen. Russische Staatsbürger oder zumindest diejenigen, die darüber nachgedacht haben, fühlen sich als Angehörige einer großen Nation.

Als Präsident de Gaulle in seiner Außenpolitik die Größe Frankreichs herausstrich, besaß er dafür wesentlich weniger Gründe. Dennoch hat die westliche Welt das durch den Krieg ausgeblutete Frankreich als Großmacht anerkannt, sie achtet de Gaulle bis heute als einen großen Politiker. Wieso bleibt diese Anerkennung Russland und seiner derzeitigen Führung versagt?

Die Missachtung der Größe Russlands wird nicht gelingen. Es stimmt, die Sowjetunion war größer und angsteinflößender, als es Russland heute ist, doch das, was wir heute haben, reicht auch vollkommen aus.

Nun zu den Freiheiten und Lebensbedingungen.

Wie lebt ein Ingenieur, Arbeiter, Arzt und Wissenschaftler, mit anderen Worten ein Mensch, der eine Aufgabe im gelernten Beruf und damit sein Auskommen hat? Sowohl in Russland, als auch im Westen versucht jedermann, gut zu arbeiten, sich angenehme Wohnverhältnisse zu schaffen, eine Familie zu gründen, sich um diese zu kümmern, die Kinder gut zu erziehen. Sowohl in Russland, als auch im Westen können die Menschen, die im Angestelltenverhältnis oder von einem eigenen Unternehmen leben, ihre Freizeit und ihren Urlaub durchaus angenehm gestalten; sie können ins Ausland reisen, das eigene Land gar für immer verlassen, – sofern sie ein anderes aufnimmt. Einschränkungen bestehen nur, wenn die finanziellen Mittel nicht reichen. Doch solche Einschränkungen sind in der ganzen Welt verbreitet. Wo sehen wir hier Unfreiheit?

Ein seriöser, und angeblich selbstständig denkender Historiker und Publizist hat vor kurzem Ähnliches geschrieben, doch er brach dann seine Betrachtung rasch ab: Es sei nicht üblich, so über die Russen zu schreiben. Und er begründete das damit, dass die bürgerlichen Freiheiten  nicht vorhanden seien. Die Freiheit das Land zu verlassen sei zwar da, doch andere Freiheiten  fehlten. Welche er damit meinte, hat der Publizist nicht verraten.

Häufig wird darauf angespielt, die Medienfreiheit sei nicht gegeben. Doch das stimmt zumindest derzeit nicht. Es wird eine ganze Menge oppositioneller Zeitungen gedruckt. Und Internet ist auch vorhanden. Und weiter: Es fand im öffentlichen Kultur-Zentrum der Hauptstadt, das den Namen Sacharows trägt, eine Plakatausstellung unter dem Motto „Ende der Machtzeit von Wladimir Putin“ statt. Die Ausstellung äußerte sich der Macht gegenüber sehr kritisch, bis hin zu obszönen Ausdrücken. Doch niemand wurde verhaftet.

Eine ganz andere Geschichte ist, dass die Opposition in Russland nicht besonders populär ist. Ihr nahestehende Zeitungen haben winzige Auflagen. Dabei wirken an ihnen viele talentierten Autoren mit. Die Bevölkerung jedoch scheint sich für diese Thematik nicht sehr zu interessieren. Sie mag so etwas weder lesen, noch sich aktiv in Opposition gegenüber der Macht begeben. Aber was hat dieses Verhalten mit fehlenden  Freiheiten zu tun?

Eines jedoch stimmt an den Vorwürfen gegen die Macht allerdings tatsächlich: Aus dem Medium Fernsehen ist die Opposition fast vollständig verschwunden. An dieser Stelle sollten wir aber festhalten, dass sich die Herren des früheren oppositionellen Fernsehens auch nicht gerade an die demokratischen Regeln gehalten haben. Die Meinungen und Ziele der Oligarchien spielten bei ihnen stets eine gewichtige Rolle. Die Moderatoren, wie talentiert sie auch waren, hörten sich vom Bildschirm her nicht besonders realitätsbewusst und unabhängig  an. Die Staatsmacht entfernte sie demonstrativ. Aber auch diese Auseinandersetzungen haben nur wenige sonderlich interessiert.

Es ist schwierig bis unmöglich, bedeutsame Beispiele für die radikale Unterstützung von Gegnern der jeweiligen  Staatsmacht in irgendeinem demokratischen Staat während seines wirtschaftlichen Aufschwungs zu finden. Die Opposition wächst meistens erst während einer Krise oder einer spürbaren Verringerung des Entwicklungstempos. Russland aber befindet sich momentan im Aufwind, und die Macht benutzt die Situation zur Zeit klug und erfolgreich für ihre Zwecke. Zudem beschäftigt sich in Russland wie auch in anderen Ländern nur ein geringer Teil der Bevölkerung zuvörderst mit Politik.  Die meisten lieben im Fernsehen eher Fußball als politische Spiele. Doch gerade die politisch interessierte Minderheit strebt danach, möglichst lautstark aufzutreten. Mit ihren Ansichten wollen sie das Gesicht des Landes verändern. Um dieses Gesicht zu formen, bedarf es aber der Unterstützung durch die „schweigende Mehrheit“.

In all diesen Dingen unterscheidet sich Russland aber in keiner Weise von der westlichen Welt. Die oppositionellen Politiker wecken das Interesse der russischen Bevölkerung zur Zeit in keiner Weise. Deshalb betreiben auch diejenigen, die Politik zu ihrem Beruf machen wollen, ihre Karriere innerhalb der Machtstrukturen, und nicht gegen sie. So stabilisiert sich die Macht. Denn das oppositionelle Betätigungsfeld ist äußerst unpopulär.

Nun zum 4. Punkt.

Versuchen wir mal, die abstrakten Begriffe von Freiheit und Demokratie zu verlassen, um die Unterschiede in der materiellen Sphäre zu erschließen. Die allgemeine Vorstellung ist, dass im Westen die Menschen besser leben als in Russland. Diese Vorstellung war bereits zu Sowjetzeiten  zu bezweifeln. Hier ist ein sehr charakteristisches Beispiel: Anfang 80-er Jahre weilte in der Sowjetunion dienstlich eine Ingenieurin aus Jugoslawien. Sie war natürlich in ein Projekt eingebunden, aber sie verbrachte auch viel Freizeit mit ihren sowjetischen Kollegen. Einmal schwärmte sie laut vor Begeisterung: „Wie gut Sie doch leben!“ Zur damaligen Zeit hielten die Sowjetbürger Jugoslawien für ein besonders zivilisiertes Land, vor allem was die Wohn- und Lebensbedingungen betraf. Deshalb wunderten sich die Kollegen aus einer großen, doch provinziellen Stadt, in der die Frau zu Gast war, lautstark: Was gibt es hier zu bewundern, wo doch ringsum nur leere Regale zu sehen sind? Die Kollegin aus Jugoslawien winkte ab: „Die Klamotten und Jeans sind nicht wesentlich. Ihr lebt hier so schön ruhig“. Und sie sagte dann, dass in Jugoslawien bereits die Inflation und Arbeitslosigkeit erblühe. Die UdSSR war davon noch weit entfernt.

Heute hat Russland in punkto „Unruhe“ Europa längst eingeholt, auch der Wohlstand unterscheidet sich nicht mehr groß. Zumindest bewohnt die Bevölkerung hauptsächlich Eigentums- und nicht Mietwohnungen. Wer Arbeit hat, besitzt oft ein Auto und verbringt die Wochenenden und den Urlaub in der Natur. Wo ist also der Unterschied? Die Wohnungen mögen kleiner sein, die Autos älter, aber stellt das einen prinzipiellen Unterschied dar?

Worin bestehen also heute die wesentlichen Unterschiede zwischen Russland und dem restlichen Europa? Gibt es sie wirklich? Doch ja, die gibt es, und sie sind riesig. Sie fallen sofort auf, nachdem man die Grenze passiert: Dreck und Verwahrlosung! Auf den Straßen, in den Bahnhöfen, in den Transportmitteln, in den Höfen und Hausfluren. In den öffentlichen Toiletten! Es gibt keine Tradition der Reinlichkeit, Ordnung und des anständigen Aussehens von Straßen, Plätzen, Parks überall – und nicht nur in der Hauptstadt und den Zentren der Großstädte. Es gibt keine Tradition, die Infrastruktur zu erhalten, denn das kostet viel Geld. Es gibt inzwischen viele Privatpersonen, die in ihren eigenen Wohnungen den sehr teueren „Eurostandard“ einführen. Doch weder die Bevölkerung, noch die Macht sind so weit, große Mittel für den Straßenbau, die Sanierung von Berufs- und sonstigen Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern und Seniorenheimen einzusetzen. Dies ist niemand gewohnt.

Doch das Beispiel einer 70-jährigen, vom Leben nicht verwöhnten Moskauerin, beeindruckte den Autor dieser Zeilen sehr und stimmte ihn äußerst optimistisch. Nachdem sie während eines Besuches bei Verwandten in Deutschland deren 7-stöckige Haus in Augenschein genommen hatte, beschloss sie, die 24-stöckige „Kerze“ in Moskau in ein ähnliches Schmuckstück zu verwandeln. Die Nachbarn unterstützten ihre Anregung. Und die Sache klappte.

Früher sah es auch in den  europäischen Städten anders aus. Russische Bürger kommen jetzt viel in der Welt herum und ändern ihre Gewohnheiten entsprechend. Wenn wenigstens ein Teil der militärischen Investitionen in die Infrastruktur fließen würde, könnte  sich auch die allgemeine Situation ändern. Vorläufig propagiert die Macht in erster Linie die Entwicklung von Waffen,  das Bewusstsein für die Wichtigkeit von intakter Infrastruktur wächst dennoch - zwar langsam, doch unaufhörlich.

Eine ähnliche Entwicklung durchlebte das dichtbevölkerte Europa vor einigen Jahrzehnten. Die verschmutzte Luft und die sterbenden Gewässer führten zur Geburt der „grünen“ Parteien, die zum Ende des vergangenen Jahrhunderts in Deutschland sogar mit an die Macht kamen. Im territoriumsreichen Russland sind die „Grünen“ noch kein Machtfaktor, dennoch beginnt man dem vom europäischen Standard weit entfernten Zustand der Straßen, Krankenhäuser und Höfe im eigenen Land anders, kritischer zu sehen. Es bleibt zu hoffen, dass gerade dieses gesamtstaatliche Problem eine reale und nicht abstrakt-moralische Opposition auf den Plan ruft.

Und da ist noch ein wichtiger Unterschied Russlands von den westlichen Ländern: die Willkür der Macht auf sämtlichen Ebenen. Die oberste Macht erlaubt nur Kämpfe innerhalb eigener Strukturen. Wenn wichtige Posten neu verteilt werden, gehen die nach wie vor nur an Vertraute der alleroberten Ebenen. Darin wurzeln die Ursachen für Korruption und ähnliche Sachen. Keine von den gleichen Personen verordnete Kontrolle ändert etwas an diesem Zustand. Ein jeweils höheres Angebot kappt jede „gute Absicht“. Dies ist der heutigen Macht durchaus bewusst, die sicherlich nicht nur zur Beschwichtigung der westlichen Beobachter eine Kontrollorganisation geschaffen hat. Doch eine solche operettenartige Institution, die den schönen Namen „Volkskontrolle“ trägt, ist völlig ungefährlich und kann nichts ausrichten. Denn sie wird von jenen kontrolliert, die sie kontrollieren soll.

Die russischen Bürger sind normale Menschen wie alle anderen Europäer. Sie halten sich nicht für etwas Besonderes, schätzen jedoch ihre eigene Art. Andererseits gibt es reichlich Deutsche, Franzosen, Briten, Polen, Esten und andere, die glauben, sich von anderen wesentlich zu unterscheiden, ohne sich bewusst zu sein, dass sie sich gerade dadurch sehr ähneln. Die Russen entwickeln ihr Land, wie auch alle anderen, mit zeitweisen Unterbrechungen und Krisen. Die Geschichte zeigt uns, dass bei weitem nicht alle Länder und Völker sich geschlossen in dieselbe Richtung bewegen. Russland verspätet sich im Vergleich zu anderen Ländern, doch das ist nichts Außergewöhnliches.

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