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Wie nicht nur ein Mal in der Vergangenheit, so will die Elite Russlands ihr Land auch heute wieder mit Hilfe der neuesten westlichen Errungenschaften auf dem Gebiet der Wissenschaft und Technik entwickeln. Die Rede ist von einer „West-nach-Ost-Bewegung“. Aber auch in entgegengesetzter Richtung lässt sich ein nicht minder erkennbarer Bewegungsvektor ausmachen. Sowohl im 20. als auch im 21. Jahrhundert verließen Persönlichkeiten des kulturellen Lebens Russland und gingen nach Westen. Einige von ihnen leben auch in unserer Stadt: Dresden. Eben daran hat im Juni dieses Jahres die Sängerin Soja Smoljaninova erinnert. Die gebürtige Moskowitin – heute mit festem Wohnsitz in der sächsischen Landeshauptstadt – hat ein großes, originelles, komplexes und vielfältiges klassisches Musikprogramm vorgestellt. Der erste Teil des Programms sieht Aufführungen der berühmten europäischen Komponisten Robert Schumann, Johannes Brahms und Edvard Grieg vor. Zu seinem Bedauern ist der Autor dieser Zeilen weder Musiker noch ein Kenner der Musik, und vielen – wenn nicht die meisten – der aufgeführten Werke waren ihm zuvor unbekannt. Normalerweise hinterlässt ernste, auf das Ohr des unvorbereiteten Hörers neuartig wirkende Musik nicht sogleich einen Eindruck bei diesem, doch die engagierte und inspirierte Darbietung musste einfach imponieren. Die Sängerin verzichtete auf effektvolle Kniffe und bemühte sich auch nicht, Eindruck zu hinterlassen, indem sie die schwierigen Stellen etwa besonders betont hätte. Sie sang souverän, leicht und schön, wobei sich der Klang des Klaviers (Galina Kulakova) wie ein untrennbarer Teil des Ganzen in die Gesamtheit einfügte. Und alle Zuschauer – von der Musik verzaubert – verstanden: das ist hoher Professionalismus. Nicht minder warm nahmen die Zuschauer den zweiten Teil des Konzertprogramms auf, als lyrische Balladen zur Musik von Pjotr Tschaikowski und Sergej Rachmaninow – allen Zuhörern bestens bekannt und von allen geliebt – geboten wurden.
Ein durchaus seriöses Repertoire, das, wie die Sängerin später erzählte, speziell anlässlich dieses Konzertes zum ersten Mal zusammengestellt wurde. Auch die klassischen Konzertkostüme kreierten eine ganz bestimmte Atmosphäre sowie ein strenges Image. Darum sah es auch so ungewöhnlich aus, als auf unsere Einladung vor unserer Redaktion eine sportliche, energische Frau auf einem Fahrrad vorfuhr. Ebenso vielseitig war auch das Leben dieser Vokalgenre-Künstlerin. Die Eltern waren nicht auf kulturellem Gebiet tätig, sie befassten sich mit mehr prosaischen Dingen. Musik wurde zu Hause allerdings geschätzt. Die Mutter sang, der Vater hörte gern zu. In einer solchen Atmosphäre aufgewachsen, erschien die 10-jährige Soja alleine (!) im Institut für Kunsterziehung an der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften und schrieb sich in den Kinderchor ein. Ihr ganzes Leben lang hat sie sich ein warmes Gefühl für den Chor – und insbesondere für seinen Leiter – bewahrt. Wenn man weiß, wie sich die Biographie des Mädchens im Folgenden gestaltete, dann kann man ruhig konstatieren, dass die aktiven Jahre im Chor sich offensichtlich entscheidend auf die Wahl des Berufes ausgewirkt haben. Als Soja etwas älter war, begann sie, sich in der Musikschule mit Gesang zu befassen. Aber der Chor- und Sologesang war nicht ihr einziges Hobby. In diesen Jahren besuchte Soja auch ein Kunstatelier für Kinder und lernte Deutsch. Beides stellte sich im späteren Leben als nützlich für sie heraus. Dann brach das Leid über die Familie herein. Die Lebenserwartung der sowjetischen Bürger, die soeben erst einen äußerst schweren Krieg überstanden hatten, war leider nur sehr gering. Zuerst kehrte Sojas Vater, der Offizier war, von einer regulären Wehrübung nicht zurück: sein Herz hatte versagt. Drei Jahre später starb Sojas Mutter. Im Alter von 15 Jahren waren Soja und ihre beiden älteren Schwestern ohne Eltern geblieben. Ohne Eltern findet aber auch die Kindheit schnell ihr Ende. Das Erwachsenenleben begann. Nach Beendigung der Oberschule bewarb sich Soja an der Moskauer Universität, an der Fakultät für Journalistik. Der Andrang an die angesehene Universität – und entsprechend auch der Konkurrenzkampf unter den Abiturienten – war schon immer sehr groß. Soja wurde nicht aufgenommen. Nun musste sie sich Gedanken um ihren Lebensunterhalt machen; dies umso mehr, da die Pensionszahlungen aus der Rente des Vaters nur bis zum 18. Lebensjahr ausbezahlt wurden. Soja begann, als Sekretärin in der Redaktion einer deutschsprachigen Zeitung zu arbeiten. Der Lohn war, wie man damals zu sagen pflegte, gut, aber gering. Doch Soja nahm nebenbei noch verschiedene Kunst- und Zeichenaufträge an – und hier erwies sich ihre frühere Beschäftigung mit Kunst und der deutschen Sprache als nützlich. Im Jahr darauf bewarb sich das beharrliche Mädchen erneut an der Fakultät für Journalistik – und zusätzlich noch an der Musikhochschule Gnesiny. Nach dem Probehören wurde sie in der Gesangsabteilung aufgenommen, und das entschied ihr weiteres Schicksal. So begann das Mädchen, das die schönen Künste liebt, sich in eine professionelle Sängerin zu verwandeln. Dass Soja das Diplom der Gnesiny-Hochschule erhalten hatte und am Moskauer Operntheater arbeitete, bedeutete aber nicht, dass sie aufhörte, zu lernen. Ein echter Profi bildet sich sein ganzes Leben lang weiter – selbst dann, wenn er bereits andere unterrichtet. Heute erinnert sich Soja Smoljaninova – eine Sängerin mit einem großen und vielseitigen Erfahrungsschatz – mit Dank an alle Meister des internationalen Vokalgenres, bei denen sie lernte und ihre Meisterschaft erlangte. Es sind ihrer nicht viele: Tamara Milashkina (Bolschoitheater), Gloria Davy (Schweiz), Valeria Popova (Bulgarien), Maria Luisa Cioni (Mailand) und – diesen Namen hebt sie besonders hervor – Elizabeth Curtis (Rumänien). Bei allen ihren Bestrebungen und Plänen genoss die Sängerin stets die Unterstützung ihres Mannes, eines bekannten und gefragten Ballettmeisters. Die Sängerin Smoljaninova machte sich einen Ruf und wurde im Jahre 1986 Solistin am Bolschoitheater. Wenn man eine Parallele zur Welt der Wissenschaften ziehen wollte, so würde die Stellung der Solistin am Bolschoitheater dem Rang eines ordentlichen Mitglieds an der Akademie der Wissenschaften entsprechen. Am Bolschoitheater sang die neue Solistin nicht wenige berühmte Opernpartien: Jolanta, Lisa („Pique Dame“), Tosca, Aida und viele andere. Mit dem Ensemble des Bolschoitheaters war sie in vielen Ländern der Welt auf Tournee. Und das ist noch nicht alles: die Sängerin trat auch bei vielen von der Regierung veranstalteten Konzerten im Kreml auf, was zur damaligen Zeit als besonders prestigevoll galt. Dann kam es zu großen Umbrüchen in Moskau und im ganzen Land. In Russland interessierte man sich nicht mehr für Kunst; es waren Zeiten angebrochen, als man sich einfach nur ums eigene Überleben sorgte. Doch es gibt auch außerhalb der Landesgrenzen eine Welt, und die Tür zur freien Welt steht auch schon offen. Und hier ist Soja Smoljaninova ganz und gar gefragt. Schon 1991 singt sie die „Tosca“ in einer modernen Aufführung an der Leipziger Oper, anschließend auch auf vielen anderen Bühnen Deutschlands. Im Jahre 1993 singt sie diese Partie in Dresden in einer neuen Inszenierung von Ruth Berghaus, anschließend wird sie Solistin an der berühmten Dresdner Semperoper. Hier singt sie außer „Tosca“ auch Partien aus „Aida“, „Abigail“ aus der Oper „Nabucco“, Lady Macbeth, die Rolle der Tatjana aus „Eugen Onegin“ und viele andere, schwierige, aber auch schöne Partien. Als Gastsängerin tritt Soja Smoljaninova an der Deutschen Oper in Berlin, im Hamburger und Prager Operntheater, in Schottland, Spanien, Italien, Belgien, Dänemark, Österreich, Frankreich, den USA und Niederlanden und in vielen anderen Orten auf. Im Leben eines Profis kommt es zu unterschiedlichen Situationen. Manchmal hat man auch kaum Zeit, sich vorzubereiten: kaum aus dem Flugzeug, muss man sich sofort schminken und gleichzeitig den Anweisungen des Regisseurs zuhören, und dann muss man auch schon auf die Bühne. Dabei dürfen die Zuschauer von all dem nichts bemerken: sie sind gekommen, um klassische Musik zu hören. Und um die herrliche Musik, das Spiel und den Gesang zu genießen. Hier eine gekürzte Liste der Regisseure, mit denen die Sängerin zusammengearbeitet hat und deren Namen recht bekannt sein dürften: Ruth Berghaus, Peter Konwitschny, Friedrich Meyer-Oertel, Robert Carsten, Boris Pokrovsky. Doch das schöpferische Leben der Künstlerin ist nicht allein auf ihre Auftritte auf Opernbühnen beschränkt. Einen sehr großen Stellenwert nimmt auch ihre Konzertarbeit ein. Sie singt in Leipzig mit dem Gewandhaus-Orchester unter der Leitung von Kurt Masur, mit dem Orchester des Süddeutschen Rundfunks anlässlich der Eröffnung des Bodensee-Festivals, am Moskauer Konservatorium, in Holland, bei der Verdi-Gala in Berlin usw. Ihr Repertoire umfasst Werke von Schostakowitsch, Verdi, Puccini, Tschaikowski, Rachmaninow, Dvorak, Mahler, Brahms. Schwierige, aber schöne Werke. Und jetzt eine unvollständige Liste der berühmten Dirigenten, mit denen Smoljaninova zusammengearbeitet hat: Kurt Masur, Jewgeni Swetlanow, Odyssey Dimitriadi, Silvio Varviso, Roberto Benzi, Michail Jurowski, Roberto Paternostro, Friedemann Layer, Daniel Lipton, Adam Fischer, John Fiore, Massimo Zanetti, Genadi Roshdestwenskij, Marc Albrecht. Viel Freizeit bleibt da nicht, und auch der Redaktion ist es nur mit Mühe gelungen, ein Treffen für ein Interview zu vereinbaren. Zeit für das Interview blieb nur wenig, vieles konnte nicht zu Ende oder auch gar nicht erzählt werden. Wir vereinbarten ein weiteres Treffen, doch zu diesem kam es leider doch nicht. Die Sängerin setzt ihre Konzertarbeit erfolgreich fort. Und wir hatten die Möglichkeit, einem dieser Konzerte beizuwohnen. Ihre Erfahrung und ihr Können gibt Soja Nikolajewna Smoljaninova erfolgreich an die Jugend in ihrer Meisterklasse weiter. Das Leben für die Kunst geht weiter. August 2010 |
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