Beauftragte für Ausländerangelegenheiten Marita Schieferdecker-Adolph

Die Verantwortliche für die Arbeit mit den Ausländern

Vadym Karliner

Übersetzer Herbert Pietzsch

Русский

Die Menschen leben auf 5 Kontinenten unseres Planeten in 192 Staaten. Kann man Bürger, wenn schon nicht aus allen, doch aus der Mehrheit der Länder kennen lernen? Zumindest gibt es Enthusiasten, die sich solch ein Ziel setzen und unermüdlich reisen. Ihr Leben ist interessant und voller Eindrücke, aber sehr mühevoll. Vielleicht kann man sich mit den Bürgern vieler Länder bekannt machen, ohne seine Heimatstadt zu verlassen? Wie sich herausstellt, geht das. Und nicht nur bekannt machen. Sondern teilhaben an der Lösung sich entwickelnder Probleme, unterstützen in schwierigen Lebenslagen, Bedingungen schaffen zur Überwindung von Hindernissen. Dafür muss man Assistentin des Bürgermeisters der Stadt, zuständig für die Arbeit mit Ausländern sein (so etwas wie der städtische Außenminister). Solch eine Mitarbeiterin gibt es in Dresden – Frau Marita Schieferdecker-Adolph.

Der berufliche Werdegang von Frau Schieferdecker-Adolph hatte zuerst keinen Bezug zu Ausländern. Geboren im Städtchen Neuhausen im Erzgebirge, bekannt durch seine Volkskunst, ging Marita in Dresden zur Schule, dann in Leipzig und Berlin zur Universität. Der ausgewählten Spezialisierung – Sozialpädagogik – entsprechend, begann die junge Spezialistin in Dresden als Organisator in einen Jugendklub zu arbeiten. Es vergingen einige Jahre, die Pädagogin bekam Berufserfahrung, und das persönliche Leben formierte sich: es entstand eine Familie und drei Kinder wurden geboren.

In jener Zeit kam es in der DDR zu großen Veränderungen: die Berliner Mauer fiel und wenig später das gesamte staatliche System. Nicht alle in der Öffentlichkeit arbeitenden Menschen wurden unter den neuen Bedingungen gebraucht, doch die Sozialpädagogin integrierte sich selbstbewusst in das neue Leben. In Dresden lebte zu jener Zeit eine große Anzahl Vietnamesen, die in der Zeit der „Umwandlung“ in eine schwierige Lage gerieten. M. Schieferdecker-Adolph war eine der Initiatoren der Schaffung des evangelischen Vereins „Kabana“, der Jugendlichen, vor allem aus Vietnam, vielseitige Hilfe leistete. Kurz darauf – Ende 1990 –   arbeitet sie schon in der Mannschaft des Oberbürgermeisters. Bürgermeister ist eine Wahlfunktion und seitdem wechselten einige. Heute, nach fast 20 Jahren, arbeitet Schieferdecker - Adolph schon mit dem vierten.

Zu Zeiten der DDR lebten in Dresden wenige Ausländer. Nach der Vereinigung des Landes begann ihre Anzahl zu wachsen und die radikal gestimmte Jugend verhielt sich ihnen gegenüber aggressiv. Im Frühjahr 1991 wurde der 28-jährige dunkelhäutige Arbeiter Jorge Gomondai aus Mocambique brutal zu Tode geprügelt. Gerade der Kampf gegen den Extremismus wurde  zum zentralen Thema der Arbeit der Beauftragten des Bürgermeisters. Auf ihre Initiative hin gibt es nunmehr im Zentrum der Stadt einen Jorge-Gomondai-Platz, auf dem eine Gedenktafel angebracht ist und jedes Jahr der Tag des Gedenkens an ihn als ein Tag des Kampfes gegen den Extremismus begangen wird.

Frau Schieferdecker-Adolph brachte eine Gruppe rechtsradikaler Jugendlicher nach Auschwitz, später nach Israel. Indem sie die Jugend mit den Verbrechen des Nazismus und danach mit dem normalen Leben der heutigen jüdischen Gesellschaft bekannt machte, hoffte sie, deren Stimmung zu verändern und die angestaute aggressive Mentalität bei ihnen zu erschüttern. Ist dies gelungen? Ist jenes Ziel erreicht worden? Man kann nie 100 Prozent sicher sein, aber insgesamt wurde es erreicht. Die jungen Deutschen sahen in Israel ihre Altersgenossen, gewöhnliche, normale Jungen und Mädchen – und der Aggressivität war der Boden entzogen.

Seit damals hat sich viel verändert. Am Anfang des 21 Jahrhunderts leben statistisch gesehen in Dresden etwa 20.000 Ausländer. Diese Statistik schließt gar die etwa 15.000 Russlanddeutschen nicht ein. Die Ausländer bilden keine einheitliche kompakte Gruppe, im Gegensteil, sie sind sehr verschiedenartig. Was haben Universitätsstudenten gemeinsam mit nicht besonders gebildeten Flüchtlingen aus den „heißen Plätzen“ der Welt? Möglicherweise gehen deshalb zu den aller fünf Jahren stattfindenden Wahlen zum, dem Stadtparlament angegliederten, Ausländerrat nicht mehr als 10% der in Dresden registrierten ausländischen Mitbürger. Dabei hat die Tätigkeit dieses Rates, ja selbst sein Vorhandensein, eine sehr positive Bedeutung.

Wer sind die Ausländer in Dresden? Bemerkenswert ist die große Gruppe von Studenten aus China, der GUS, aus Asien, Südamerika und Afrika. Mit den jungen Intelligenzlern gibt es kaum Probleme. Alle lernen nicht schlecht und viele, besonders unter den Chinesen, finden nach dem Abschluss der Universität Arbeit und Bleibe in Deutschland. Die Mehrheit der Bürger aus den Staaten der GUS streben dies auch an. Und die Gesetze erlauben das. Doch in Wirklichkeit gelingt es nicht allen von ihnen, Arbeit zu finden.

Die Vietnamesen bleiben in der Stadt wohnen und ihre Folgegeneration lernt in Schulen und Gymnasien. Die größte Migrantengruppe sind die russisch Sprechenden. Das sind Russlanddeutsche und Mitglieder ihrer Familien. Dazu sind auf der jüdischen Emigrationsschiene etwa zweitausend Menschen aus der GUS eingereist.

Frau Schieferdecker-Adolph betont, dass der Lernerfolg bei vietnamesischen und ukrainischen Kindern besonders hoch ist. Fast 40 Prozent dieser Kinder schließen das Gymnasium ab, wobei überhaupt unter den Migranten-Kindern der Anteil der Abiturienten höher ist, als bei den hiesigen Deutschen. Sachsen ist bei den Ergebnissen eines Tests des Schulbildungsniveaus in ganz Deutschland unter den erfolgreichsten Bundesländern eingekommen. Ihren Beitrag an diesem Erfolg haben die Kinder von Migranten.

Die Migranten aus europäischen und südafrikanischen Ländern integrieren sich recht gut in Deutschland. Schwieriger steht es in dieser Präge um die Migranten aus Afrika und Asien. Selbst wenn sie sich ins Arbeitsleben einfügen und die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen, unterscheiden sie sich äußerlich wesentlich von der einheimischen Bevölkerung. Gerade sie werden Opfer primitiver Ausländerfeindlichkeit. Der Kampf mit letzterer ist ein wesentlicher Bestandteil der Tätigkeit der Ausländerbeauftragten.

Unmittelbar nach der Vereinigung des Landes wurde in Dresden der „Ausländerrat“ e.V. geschaffen, dem die Stadt ein kleines, schönes Gebäude, eine Villa, zur Verfügung stellte. Der Verein arbeitet mit allen Ausländern, die in Dresden und seiner Umgebung wohnen und nutzt dafür 14(!) Sprachen. In den vergangenen fast 20 Jahren worden etwa einhundert Vereine und Initiativgruppen gegründet, die verschiedene Landsmannschaften vereinen, hauptsächlich nach dem Kriterium der Muttersprache. Allein mit den russisch sprechenden Migranten arbeiten mehr als 15 Vereine. Sachsen als Bundesland und die Stadt Dresden unterstützen die Arbeit der Vereine, indem sie Räume oder Finanzierungen für deren Anmietung zur Verfügung stellen. Die Agentur für Arbeit finanziert befristete Arbeit. Gefördert wird auch die gesellschaftliche Tätigkeit aktiver Teilnehmer. Vielfältigste Kulturveranstaltungen und Tage der Internationalen oder einzelner nationaler Kulturen sind zu einem traditionellen Bestandteil des Lebens der Stadt geworden.

Eine solche Unterstützung erscheint einem Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion ungewöhnlich. Der deutsche Staat ist, selbstverständlich, an der Integration von Migranten interessiert und die Unterstützung nationaler Vereine widerspricht – auf den ersten Blick – diesem Ziel. So hat man dies zumindest in der UdSSR verstanden. Dort hat man in den Nachkriegsjahrzehnten die Russlanddeutschen ausschließlich inmitten von Russen angesiedelt, ihnen keine Möglichkeit der Kommunikation eingeräumt, die Benutzung der deutschen Sprache verbot. Deshalb kennen die Nachkriegsgenerationen weder die Sprache noch die deutsche Kultur. So wurde die Nationalitätenpolitik gegenüber vielen Völkern praktiziert, die den Vielvölkerstaat Sowjetunion besiedelten. Das Resultat ist bekannt: Die Union zerfiel in 15 Staaten und die russischen Deutschen stimmten mit den Füßen ab – sie reisten aus.

Einen gänzlich anderen Weg der Integration von Migranten geht das demokratische Deutschland. Ja, nach der Einreise in dieses Land gilt es, sich zu integrieren in sein Leben und seine Kultur, nötig sind die Sprache und die Fähigkeit zu arbeiten. Dabei soll man sich aber komfortabel, wie zu Hause, fühlen. Und jene Vereine, die mit den Migranten in deren Muttersprache arbeiten, helfen dabei, eine solche psychologische Atmosphäre zu schaffen. Dies meint die Beauftragte für Ausländerangelegenheiten bei der Oberbürgermeisterin Dresdens. Und die Redaktion ist damit völlig einverstanden.

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