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Winterliche Anmerkungen zu sommerlichen Eindrücken... Ljubov Gorodetskaja (St. Petersburg) Übersetzer Herbert Pietzsch
Jeder, der in Russland lebt, weiß: Moskau und St. Petersburg – das ist nicht Russland, das sind eigene Welten. Diese Tatsache müssen die Bürger beider Städte oft mit Erstaunen feststellen, wenn es sie in die Provinz verschlägt. Das ist im Übrigen auch für die Einwohner anderer großer Staaten bezeichnend. Ganz Russland versorgt seine beiden Hauptstädte, vor allem natürlich Moskau. Diese Struktur haben noch die Kommunisten eingeführt und die heutige Obrigkeit erhält sie bewusst am Leben. Moskaus langjähriger Bürgermeister hat es vortrefflich verstanden, sich so darzustellen, als sei die relative Anständigkeit des Moskauer Lebens allein sein Verdienst. Diese Rolle spielt er heute sehr kunstvoll aus und die Menschen glauben ihm. Wie sehr das doch an den historischen Ausspruch erinnert: „Danke, Genosse Stalin, für unsere glückliche Kindheit!“ Von einer der russischen Provinzstädte, also vom wahren, eigentlichen Russland, handelt dieser Artikel, gesehen mit den Augen eines Bewohners der „zweiten“ Hauptstadt (Red.). |
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Русский
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Astrachan ist eine Stadt, in der man die Geschichte erleben und studieren kann. Hat sich doch in der Architektur der Stadt seit dem 19.Jahrhundert wenig verändert. Reizvolle Häuschen und Villen von Kaufleuten, in großer Zahl zusammenfallende dörfliche Bauten – all das macht diese Stadt zur lebendigen Dekoration des vergangenen Lebens, zur Fundgrube für Regisseure, wenn sie z.B. Stücke von A.N. Ostrovskij verfilmen wollen (etwa „ Die Braut ohne Mitgift“ oder „Das Gewitter“). Es scheint, hier ist die Geschichte stehen geblieben; unklar ist nur, in welcher ihrer Phasen. Die alten Mauern des auf Anweisung von Iwan dem Schrecklichen errichteten Kreml bewahren steinerne Überreste der „Goldenen Horden“ auf. Die Steine reichten nicht für den Bau des Kreml und so mussten die Krieger an der Wolga entlang reisen und die Reste eines vormals mächtigen Reiches einsammeln. Astrachan hat auch Stenka Rasin erlebt, an den man sich noch heute, Jahrhunderte später, nur mit Zittern erinnert. Peter der Große richtete in seinen Großmachtsplänen seinen Blick auch auf Astrachan. Deshalb steht am Flussufer heute ein Denkmal für Peter. Und man kann die Verwandtschaft buchstäblich spüren zwischen uns, Petersburg und Astrachan, Ähnlichkeit in unserer Liebe zum großen russischen Imperator. Wenn Sie den Zug in Astrachan verlassen, stoßen Sie sofort auf eine Insel des Sozialismus (noch ein Indiz der stehen gebliebenen Zeit) mit kaputten Bänken und löchrigen Straßen. Und wenn sie dann anderthalb Stunden lang in der drückenden Hitze gewartet haben, bringt sie eine Kutsche mit dem stolzen Namen „Gazelle“ dann doch an Ihr gewünschtes Ziel und Sie begreifen, dass es wohl doch eine Zeitmaschine gibt, so schmerzlich bekannt kommt Ihnen alles vor. Es fehlen nur die Porträts von Breshnew und das Plakat mit der Aufschrift „Ruhm der KPdSU“ oder „Die Partei - unser Steuermann“, die jetzt abgelöst sind von Reklame für die Internet-Firma MTS. Doch wie bekannt, beginnt der Verfall in den Köpfen und deshalb hinterlässt die sozialistische Mentalität, welche die gesamte Stadt durchdringt, solch traurige Spuren. Was sollen schon kaputte Straßen und defekte „Gazellen“! Wir haben doch ganz andere Zeiten erlebt! Letztendlich ist heute die Exotik (besonders die sowjetische) stark in Mode. Es ist sogar angenehm, in die eigene Jugend zurückzukehren und sich wieder, Sie erinnern sich, als das „Schräubchen“ zu fühlen, für welches sich die Macht nicht interessiert. Wenn man all diesem keine besondere Aufmerksamkeit schenkt oder es wirklich als eine Art exotischen Spaziergang betrachtet, kann man sich sogar gut erholen und sogar Vergnügen haben. Baden in der Wolga, Sonnenschein, ein Besuch des Schwimmbades – das ist doch das, was wir im Alltag nicht erleben oder wofür sich keine Zeit findet. Am sandigen Strand sitzend oder liegend, der nur minimal ausgerüstet ist, – es gibt keine Liegen oder gar Umkleidekabinen, – findet doch jeder eine Beschäftigung für die Seele. Der eine angelt, bis zu den Knien ins Wasser schreitend, ein anderer nutzt jeden Sonnenstrahl, brät seinen sich schon lange nach Wärme sehnenden Petersburger Körper, der nächste versucht mit aller denkbarer und undenkbarer Fotoausrüstung einen aufgeschreckten Reiher beim Wegfliegen auf ein Foto zu bannen. Kurz gesagt – einfach idyllisch für den durchschnittlichen, von der Krise durchgeschüttelten Urlauber. Wie es sich für eine Provinzstadt gehört, ist Astrachan stolz auf die aus seinem Schoße stammenden berühmten Menschen. Deshalb gibt es hier sogar eine eigene Sternenallee: in den Asphalt sind die Namen der Berühmtheiten in Form von Sternen eingeprägt. Zu ihnen gehören die Sängerin W. Barsowa, der Poet W. Chlebnikov, der Maler B. Kustodiev usw.
Womit Astrachan jedoch tatsächlich all die kitschigen „hauptstädtischen Besonderheiten“ schlägt, das ist etwas, was man sonst nirgendwo in Russland und nur selten in der Welt (wenn nicht irgendwo in Indien, Ägypten oder auf irgendwelchen exotischen Inseln Lateinamerikas) zu sehen bekommt, ein mit nichts anderem vergleichbares Wunder: Die grenzenlosen, blühenden Lotosblütenfelder. Exkursionen ins Wolgadelta, wo diese sich ausdehnen, sind besonders populär. Lotos ist in der Mythologie die Blume des Vergessens. Das mag ja alles sein… Doch eines kann ich Ihnen versichern – wer sie einmal gesehen hat, vergisst sie nie wieder. Der feine Duft, den sie ausströmen, zwingt uns, an das Paradies zu denken, aus dem Adam irgendwann einmal vertrieben wurde. Jetzt lassen uns diese Blumen, wenn leider auch nur für kurze Zeit, wieder dorthin zurückkehren. Über den Feldern herrscht eine derartige Stille, dass schon das Plätschern der Ruder eine Disharmonie hervorruft, die Ganzheit der Welt zerstört - eine Ruhe, die taub macht. Denn hier sind die Ohren nur Anhängsel für die staunenden Augen. Sie taugen nur dafür, den freudigen Ausruf zu vernehmen: „Gott ist das schön!“ Was anderes ist nicht zu hören. Warum auch…
Schweigend gleiten wir zur touristischen Basis zurück, verlassen langsam das Kaspische Meer, kommen in unsere Welt zurück: an einen reich gedeckten Tisch mit Fischsuppe, Pasteten mit Fischfüllung, Astrachaner Honigmelonen; zu Tennisplätzen, stillen Badebuchten und der Wolga-Sonnenbräune… Und der zauberhafte Duft einer getrockneten Lotosblüte verbreitet sich bis heute im Zimmer, an einem verregneten und verschneiten, düsteren Petersburger Tag… |
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