Mit den Augen der GUS-Auswanderer gesehen:

Ein Land wie es ist

 Vadym Karliner

Übersetzerin Irina Küster

 

Vor dem polnischen

         steht man                                                                         wie der Ochs vorm neuen Tor.

W. W. Majakowski

Русский

Mir fiel das Gedicht über den Pass des berühmten sowjetischen Dichters ein, als die Besitzerin eines kleinen Berghotels in den Alpen mit ungläubiger Verwunderung meinen ukrainischen Pass musterte. Den geografischen Begriff Ukraine hatte sie zwar schon mal gehört, meinte allerdings, dass es sich um ein Teil Russlands... oder vielleicht Polens handele. Geduldig bestätigte ich, dass das Land tatsächlich zwischen Russland und Polen liegt, aber kein Teil von irgendetwas ist, sondern ein souveräner Staat. Der von großen Zweifeln geplagten Frau blieb nichts anderes übrig, als meine Worte zu akzeptieren. Schließlich muss ein Land die Selbständigkeit besitzen, wenn es  Pässe ausstellt.

Eine ähnliche Einstellung legen auch viele andere Menschen an den Tag, die von der Außenpolitik der Europäer keine richtige Vorstellung haben. Aber auch die politisch geschulte Beamtin der Stadtverwaltung, die mit den Ausländern ständig zu tun hat und meine Einladung für die Einreise eines ukrainischen Bürgers bearbeitete, sagte mir zum Schluss, dass ich dieses Papier selbst an den Eingeladenen nach Russland zu schicken habe. „In die Ukraine“ berichtige ich sie unaufdringlich aus purer Gewohnheit. „Ach, Entschuldigung,“ meinte die sympathische Beamtin und lächelte versöhnlich, – „das ist sicher ganz was anderes“.

Ist die Ukraine tatsächlich etwas anderes? Noch vor kurzem, als die UdSSR gerade auseineinder fiel, schien den Bewohnern beider Seiten die entstandene Grenze keine sehr ernsthafte Sache zu sein. Man konnte irgendwie an ihre Existenz nicht glauben. Dennoch wurde sie erstaunlich schnell durch die Zöllner beider Seiten zu ihrer Leidenschaft gemacht, indem sie es auffallend gleich und zielstrebig zum Ausdruck brachten, an den Reisenden tüchtig verdienen zu wollen. Auf einmal wurde es ernst und auch deutlich, dass dieser Zustand lange anhalten wird. So entstand mit der Ukraine, territorial gesehen, der größte Staat Europas. Dies trifft selbstverständlich nur dann zu, wenn man das euroasiatische Russland, das sich schon immer für eine eigenständige, riesige und mit Europa nicht verbundene Einheit hielt, ebenso wie die Türkei vernachlässigt, die in Europa nur mit einem winzigen Zipfelchen ihres Territoriums vertreten ist.

Auf dem Territorium der Ukraine leben zur Zeit über 46 Millionen Menschen. Das bedeutet, dass die Ukraine bevölkerungsmäßig nur vier großen europäischen Staaten unterliegt, die zu den „Großen Acht“ der Welt gehören. Sie überragt alle anderen, einschließlich Spanien und Polen. Die Ukraine unterliegt zwar vielen europäischen Ländern in punkto Entwicklung der Wirtschaft und der Wissenschaft, aber auch der Platz 28 in der Weltrangliste der Nationalprodukte bedeutet nicht gerade wenig.

Über 300 Jahre gehörte ein großer Teil der Ukraine dem russischen Reich und anschließend der Sowjetunion an. Vor dem Zerfall der UdSSR war sie einer der am besten entwickelten Teile des Sowjetreiches. Eine mächtige Metallurgie, alle Arten von Maschinenbau, große energieerzeugende Werke (darunter auch die größten der Welt), große Betriebe zur Herstellung elektrischer und elektronischer Geräte sowie eine ziemlich ertragreiche Landwirtschaft – all dies erlaubte die Annahme, dass die Ukraine als selbstständiges Land durchaus erfolgreich funktionieren kann. Und der damalige Führer, zunächst der erste Sekretär des Zentralkomitees der kommunistischen Partei der Unionsrepublik, anschließend der erste Präsident, Leonid Krawtschuk, unternahm nicht wenig, um den Zerfall der Sowjetunion und die Bildung des eigenständigen Staates Ukraine zu unterstützen. Im historischen Gedächtnis wird der erste Part in dem sich damals abgespielten Szenario dem russischen Präsidenten Boris Jelzin eingeräumt, der tatsächlich eine wesentliche Rolle bei diesen Ereignissen gespielt hatte. Doch ohne die nicht auffälligen, dennoch wirkungsvollen politischen Schritte Krawtschuks hätte Jelzin es allein nicht geschafft. Es ist nicht besonders bekannt, dass bereits ein Jahr vor der Unterzeichnung des historischen Papiers in der Beloweshskaja Pustschah Krawtschuk die Überweisung der Steuern nach Moskau eingestellt hatte. Dabei ging 500 Jahre zuvor ein ähnliches Vorgehen des Moskauer Großfürsten gegenüber den Tataren als die Befreiung von deren Joch in die Geschichtsbücher ein.

Der Aufbau des Staates gestaltete sich schwierig. Die Obrigkeit der ehemaligen Provinz wurde zur Führungskraft eines eigenständigen Staates, was sie, gelinde gesagt, überforderte. Die Regierung des neu entstandenen Staates bewältigte ihre Aufgaben eindeutig nicht. Das politische Leben war vom Chaos gezeichnet, die Fluktuation der Minister erfolgte in rasendem Tempo. Im Ministerium für Energetik, zu dem der Betrieb gehörte, in dem der Autor dieser Zeilen beschäftigt war, kamen und gingen innerhalb von 4 Jahren 7 Minister, – wobei einige von ihnen diesen Posten zweimal bekleideten. Die reale Obrigkeit riss sich die Einnahmequellen unter den Nagel, die entweder nahe der Kriminalität oder der ehemaligen „Nomenklatur“ und den Polizeikreisen (der Miliz) lagen, die wiederum in ihrer Wirkungsweise den Methoden der Kriminellen ähnelten. In der Innenpolitik orientierte man sich weiter am ehemaligen Zentrum der Macht, druckte allerdings eigenes Geld und produzierte somit eine wachsende Inflation. Das alles konnte kein gutes Ende haben, und hatte es auch nicht.

Viele Produktionsbetriebe waren gezwungen ihre Tätigkeit stark zu drosseln bzw. ganz einzustellen. Die alten wirtschaftlichen Strukturen waren zerbrochen, die neuen wurden durch kriminelle oder halbkriminelle „Bissnesmen“ okkupiert, die sich rasch bereicherten. Sie erlangten auch Posten in der Regierung, brachten das Finanzsystem zum Erliegen, bremsten auch fast vollständig die reale Produktion. Die normalen Geldtransfers hörten auf zu funktionieren, die Betriebe waren gezwungen, die gegenseitigen Verrechnungen nach dem komplizierten Bartehrschema zu vollziehen. Die Gaspipelines waren voll. Die Gasleute meinten: „Zahlt und nehmt euch“, doch die Kraftwerke hatten kein Geld und stellten die Produktion von Strom ein. Die Energieversorgung konnte nicht mehr aufrecht erhalten werden, in den Städten gab es nur noch stundenweise Strom. Im Winter wurde in den mehrstöckigen Wohnhäusern die Heizung abgestellt. Gleichzeitig wuchsen aber rasch die Dollarkonten einiger „neuen Ukrainer“. Das einst recht ordentlich entwickelte Land begann zu verarmen, viele arbeitsfähige und unternehmenslustige Menschen, die in der Heimat kein Auskommen mehr hatten und für sich dort keine Zukunft mehr sahen, verließen sie über kurz oder lang.

Die Ukraine ist dennoch den Ländern der Dritten Welt in Afrika oder anderswo weit überlegen.  Dieses Land mit hohem Bildungsgrad hat es geschafft, den massiven Vorstoß der Kriminalität zu überwinden. Präsident Viktor Justschenko übernahm in diesem Kampf die Führung  und erklärte ihn zu seiner wichtigsten Aufgabe.

Die westlichen Massenmedien unterstützten und unterstützen Justschenko immer noch aktiv als einen proeuropäisch gestimmten Politiker. Die russische Führung dagegen unterstützte seine Konkurrenz, auch heute noch. Zu diesem Zweck wird Justschenko mit aller Macht in den russischen Massenmedien schlecht gemacht. Als übliches Mittel wird dazu alles vermeintlich Negative ans Tageslicht gezerrt, ob es sich um den privatisierten Landsitz des Präsidenten handelt oder ihm ein kriminelles Unternehmen angedichtet wird. Da das alles bisher ins Leere lief, wendet man jetzt eine neue Taktik an. Nun wird Justschenko als schwacher Träumer dargestellt, als etwas Weltfremdes. Unter einigen Immigranten hat diese Taktik bereits Erfolg: Über das russische Fernsehen wird ihnen beigebracht, dass so ein Mensch keinen Staat führen kann.

Leider kennen weder der Autor dieser Zeilen, noch die Mitglieder seine Redaktion persönlich den ukrainischen Präsidenten, der seine Karriere innerhalb der Bankerkreise machte. Doch gerade diese Kreise haben die Schlüsselrolle im jungen Staat gespielt. Die Inflation schien unaufhaltsam, diejenigen, die sie heraufbeschworen hatten, bereicherten sich unendlich, indem sie immense Staatsbrocken verschlangen und gleichzeitig erzählten, wie schwer doch die Inflation zu beherrschen sei. Als Viktor Justschenko die Führung der Nationalbank übernahm, stellte er das Gelddrucken ein, was auf der Stelle das Hauptproblem löste. Dabei kann jeder Mensch, der nicht in die Intrigen der Elite eingeweiht ist, leicht begreifen, wie viel Durchhaltevermögen, Zähigkeit und politischen Willen an den Tag gelegt werden müssen, um dem Druck der hochgestellten Profitmacher standzuhalten. Der „verträumte“ Intellektuelle hielt zur Ehre aller Intellektuellen jedem Druck stand. Und die Schläge, einschließlich die Vergiftung mit Dioxin, fing er stets ab.

Justschenko widerstand auch dem russischen „Defolt“, der drohenden Insolvenz der ukrainischen Währung. Und kurz danach schätzten auch die Russen die ukrainischen Griwny höher ein als die eigenen „hölzernen“ Rubel. Der Markt zeigt es deutlich: Früher stellten ukrainische Händler neben ihrer Ware die Schildchen auf: „Kaufe Rubel und US-Dollar“. Nach dem „Defolt“ verschwanden die Rubel aus diesen Schildchen, dafür erschienen auf den russischen Märkten noch nie gesehenen Angebote: „Kaufe US-Dollar und Griwny“.

Seit Justschenko die Führung des Landes übernahm, wurden die Barthergeschäfte, die unverwüstlich schienen, eingestellt. Die Kraftwerke haben regelmäßige Arbeit aufgenommen, die Unterbrechungen in der Stromversorgung der Städte haben aufgehört, das Land wurde neu belebt. Es war im Land ja auch alles vorhanden, es brauchte nur einen Staatsführer, der nicht kriminell ist. Aber ganz allein kann niemand eine Schlacht gewinnen. Kein Wunder, dass die alten Kräfte sich gegen Justschenko verschworen: Er stand den elitären Clans im Wege.

Die Machtstrukturen in der Ukraine und ihre Handlungsweisen unterscheiden sich nicht im geringsten von den russischen. Es sind nur Mythen und Legenden, dass das ukrainische Volk in moralischem Sinne ganz anders sei als die Russen. Die Geschichte vieler Generationen, die Erziehung und Mentalität der Menschen sind gleich. Die Muttersprache der meisten Ukrainer ist Russisch, das sich möglicherweise nur durch die Aussprache weniger Laute unterscheidet. Aber unterschiedliche Dialekte gibt es in vielen Regionen des riesigen Russlands. In den ländlichen Gebieten der Ukraine wird sogenanntes „Surshik“ gesprochen, und das ist auch in den südlichen Gebieten Russlands anzutreffen. Die literarische ukrainische Sprache und die eigene Religion entstanden lediglich in den westlichen Regionen des Landes, die erst im 20. Jahrhundert dem russischsprachigen Staat angeschlossen wurden.

Aus diesem Grund lief die Entwicklung des staatlichen Systems in der Ukraine sehr ähnlich der russischen. Doch wie sieht es derzeit dort aus? Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind die wichtigsten staatlichen Güter bereits verteilt. Die entstandenen elitären Clans haben sich bei ihrem ständigen Kampf um Vorteile geeinigt, eine korrumpierte Bürokratie und die einheitliche „Partei der Macht“ zu etablieren. Der Präsident hat vor, seine Macht an den durch ihn ausgewählten  Nachfolger zu übergeben. In Russland lief zweimal alles nach Plan, nachdem der innere Widerstand mit dem quasi Bürgerkrieg eingeschüchtert wurde. 2008 gelang es wiederum dort die allgemeine Beschwichtigung dank der Ölprofite: Der Widerstand liegt lahm.

Die Ukraine besitzt aber kein tschetschenisches Problem und keine Öldollar. Aus diesem Grund fälschte die „Machtpartei“ einfach die Wahlen. Von diesem Moment führte Justschenko den Widerstand auf dem Maidan im Kiewer Zentrum an. Er stammt aus einer Landlehrer-Familie und machte seine berufliche Karriere innerhalb von Büroräumen, war also als Führer der Opposition keineswegs auf die Rolle eines sprachgewaltigen Politikers vorbereitet. Er ist weder Populist noch Volkstribun, besitzt weder großes Charisma noch schauspielerisches Talent. Die von ihm gegründete Partei sammelte nicht viele Stimmen. Vor allem kann Justschenko auf die Westukrainer zählen, die früher keinen eigenen Führer hatten, doch sie stellen die Minderheit im Land dar. Um die Situation in den Griff zu bekommen, vereinte Justschenko die recht unterschiedliche Opposition des Landes. Zu dieser gehörten die attraktive Populistin Julia Timoschenko, der Sozialist Alexander Moros und einige herausragende Geschäftsmänner, die in die „Machtpartei“ nicht aufgenommen wurden.

Die Koalition gewann, fiel aber bald aus einander. An die Macht gelangt, begannen die Geschäftsleute, einschließlich Timoschenko, ganz verbissen eigene Geschäfte zu treiben und aus diesem Grund Konflikte gegen einander auszutragen. Es blieb nichts anderes übrig, als sie ihrer Posten zu entheben. Der Sozialist lies sich leicht durch die „Machtpartei“ kaufen, er erhielt den einträglichen Posten des Parlamentsspeakers. Damit beendeten er und seine Partei ihr eigenständiges Parlamentleben, doch die paar Jahre vor dem Beginn seiner Rente speakerte er immerhin.

Der Präsident aber gab nicht auf und verfolgt seine klare Strategie. Er will, dass die Ukraine in die Kreise der entwickelten Staaten aufgenommen wird, sie soll zur „goldenen Milliarde“ gehören, sie hat doch alle Voraussetzungen dazu. Damit hat er recht, die Voraussetzungen sind tatsächlich vorhanden, doch der Weg zum Ziel ist noch nicht klar. Das Land funktioniert, indem es alles ausbeutet, was früher geschaffen wurde. Wie lange ist das noch möglich? Zwei Jahre lang machte die „Machtpartei“ den Präsidenten Schritt für Schritt zum „Hochzeitsgeneral“, der keinen realen Einfluss auf das Land hatte. Es gelang ihm jedoch, wieder zu gewinnen, indem er erneut mit Julia Timoschenko ein Bündnis schloss. Offensichtlich hofft der Präsident, dass die kluge Frau dazu gelernt hat.

Der Präsident und die Ukraine folgen wieder einer vernünftigen  Strategie. Der Ukraine muss es gelingen, ihren Platz im zivilisierten Teil der Welt einzunehmen. Und es ist auch Zeit für die Welt zur Kenntnis zu nehmen, dass es dieses Land gibt, so wie es ist.

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