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Mit den Augen der GUS-Auswanderer gesehen: Ukraine voran? Vadym Karliner Übersetzer Alexander Sauter |
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Bewegt sich die Ukraine? Wenn ja: Wohin bewegt sie sich? Während der „Orangenen Revolution“ vor fünf Jahren erklangen noch ganz andere Worte, aber das ist nicht wichtig, denn der Sinn war der gleiche: Es muss nach vorn gehen. Jene, die an die Macht kamen, waren keine Neulinge. Sie hatten auch früher bereits verschiedene hohe Staatsämter inne und wussten, wohin man sich zu bewegen hat – nach Europa. Die Idee ist durchaus nicht neu. Fast alle Länder Osteuropas sind diesen Weg bereits gegangen. Vor 20 Jahren war die Ukraine ein Land mit einem ähnlichen Entwicklungsstandard und Bildungsniveau als Polen und die Slowakei, von Bulgarien und dem armen Rumänien ganz zu schweigen. Und doch hat es bei den anderen geklappt, bei der Ukraine aber nicht. Was ist der Grund dafür, dass es in fünf Jahren zu keiner Annäherung zwischen der Europäischen Union und der Ukraine kam? Einem heute in Europa lebenden und die Lage von dort aus beobachtenden Ukrainer fällt die Antwort auf diese Frage nicht schwer. Die Sache ist die, dass Europa und Russland ihre Gegensätze recht deutlich zur Schau stellen. In beiden Lagern gibt es Befürworter einer gegenseitigen Annäherung, aber nicht sie sind es, die den Kurs der Staatspolitik bestimmen. Russland war und ist nach wie vor bestrebt, eine führende Rolle einzunehmen, worauf es nach der Meinung vieler Europäer aber weder ein moralisches noch ein materielles Recht hat. Die enormen Rüstungskapazitäten beeindrucken zwar, sind einer Annäherung jedoch eher hinderlich. Darum sind beide Seiten in überschaubarer Zukunft lediglich auf Koexistenz bedacht, unter keinen Umständen aber auf eine Vereinigung. Und die Ukraine? Ihr Volk und Land waren viele Jahrhunderte lang unter verschiedenen Namen beider Staaten ein Teil Russlands. Ebenso, ohne näher auf Nuancen einzugehen, sehen es auch Russen und Ukrainer. Ja, es stimmt, vor 20 Jahren gingen beide Länder getrennte Wege. Der bis an die Zähne bewaffnete Staat, in dem sie beide vereint waren, geriet in eine eigenartige Sackgasse und zerfiel ohne sichtbare äußere Kriegshandlungen. Dieser Staat war kein russischer Staat, sondern ausdrücklich ein Staat beider Länder. Wenn sich die Bevölkerung der baltischen, transkaukasischen und mittelasiatischen Republiken deutlich in Sprache und Mentalität vom Russischen unterschieden, so gab es zwischen den Völkern der Ukraine und Russlands solche Unterschiede kaum. Natürlich, nicht überall ist alles so eindeutig. Einige Gegenden der westlichen Ukraine unterscheiden sich vom Rest des Landes sowohl durch Sprache als auch durch die geschichtlichen – unter anderem auch religiösen – Traditionen. Früher befand sich diese Region viele Jahrhunderte lang unter der Herrschaft anderer europäischer Staaten, erst in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts wurde sie zur sowjetischen Republik. Doch die Bevölkerung einer Region ist nur eine Minderheit und als solche repräsentiert sie nicht das Land als Ganzes und hat es auch niemals repräsentiert. Die Situation ist vergleichbar mit der Lage in den nordkaukasischen Regionen Russlands. Ich wiederhole: Die Einwohner Russlands und der Ukraine hatten weder innerhalb einer „schweigenden Mehrheit“ noch innerhalb der Elite wesentliche Differenzen. Politiker, Kulturschaffende und Wissenschaftler strebten danach, ihre professionellen Karrieren in der gemeinsamen Hauptstadt zu machen, – einst in St. Petersburg, später in Moskau. Vermutlich sind die Auswanderer aus den südlichen Gebieten des Staates energischer als die Einwohner der nördlichen Gegenden, denn sie nahmen oft führende Positionen ein. Man denke nur an die politischen Führer Trotzki, Stalin, Chruschtschow, Gorbatschow… Die meisten dieser „Südländer“ wuchsen in der Ukraine auf. Dennoch sah sich niemand von ihnen als Ukrainer und wurde auch von niemandem für einen solchen gehalten. Das hatte einfach keine Bedeutung. Ebenso verhielt es sich auch innerhalb der Literatur-, Musik- und Wissenschaftselite. Es gab ein einheitliches Volk. Die Grenzen zwischen den Republiken hatten nur eine administrative Bedeutung. Ein Autofahrer, der die Grenze der Bezirke Charkow (Ukraine) und Belgorod (Russland) überquerte, bemerkte das auch ohne jegliche Hilfe von Straßenschildern: Es rumpelte heftig. Ebenso ließ sich leicht feststellen, wo die Grenze zwischen zwei ukrainischen Bezirken verlief, zwischen Charkow und Donezk. Alles ist logisch erklärbar: Für die Instandhaltung der Straßen waren lokale Unternehmen zuständig. Da der genaue Verlauf der Grenzen aber stets strittig war, fühlte sich niemand für ihre Instandhaltung verantwortlich, so dass die Autos, die diese Grenzstreifen überquerten, durchgeschüttelt wurden. Doch es kam schließlich so, dass das einheitliche Volk durch eine geschichts-politische Fügung getrennt wurde. Dies geschah gänzlich unerwartet für beide Teile des Volkes. Die Herrschenden in Moskau können sich damit nicht abfinden, doch die ukrainische Elite – wer auch immer sie bildet – ist und wird niemals (zumindest in absehbarer Zukunft) bereit sein, sich Moskau wieder zu unterstellen. Einst eroberte Peter der Große nach langwierigen Kompromissen die Ukraine militärisch, doch eine solche Lösung des Problems steht derzeit nicht auf der Tagesordnung. Doch das sind eher die Stimmungen innerhalb der Elite. Was aber will das ukrainische Wählervolk, das bei Wahlen seine Stimme abgibt? Die Einwohner des Landes, die über vielerlei Verbindungen auf allen möglichen Ebenen zu ihren Nachbarn verfügen, wünschen sich reibungslose persönliche sowie geschäftliche Beziehungen zu den Einwohnern Russlands. Sie wollen weder die aggressiv antiukrainische Rhetorik Russlands noch die nicht minder aggressive antirussische Rhetorik der Ukraine hören. Entsprechend sind auch die Wünsche der Einwohner Russlands. Zugegeben, die Bürger der Ukraine hätten nichts dagegen, wenn sie auch zu anderen Ländern Europas ein ähnlich reibungsloses Verhältnis hätten, doch bislang verfügen sie dort nur über wenige Kontakte und vor allem – niemand ruft sie, niemand lädt sie ein. Deswegen sind Kontakte nach Europa erwünscht, nach Russland aber obligatorisch. Das gleiche gilt übrigens auch in Bezug auf Gas und Erdöl – ein Thema, das in dem einen oder anderen Maße alle betrifft. Das Schicksal der Schwarzmeerflotte und Leuchttürme dagegen interessieren ganz sicher keinen normalen Menschen. Auch die unbedeutenden und nicht ganz eindeutigen Konflikte der Moskauer Strelitzen (Anm. des Übersetzers: Soldaten) mit den Kosaken aus Saporoschje (Anm. des Übersetzers: Militärort in der Ukraine in Mittelalter) vor vielen Jahrhunderten interessieren niemanden mehr. Auch die blutigen Ereignisse aus der Zeit des Bürgerkrieges, als ein Häufchen romantisch gesinnter ukrainischer Nationalisten dem Andrang der Bolschewisten standzuhalten versuchte, interessieren heute niemanden mehr. Selbst die Hungerkatastrophe der 30er Jahre interessiert nur noch wenige Zeitgenossen. Ebenfalls ist unklar, warum immer unbedingt Russen gemeint sind, wenn von Bolschewisten die Rede ist, was zwar irgendwie nicht offen ausgesprochen, aber öffentlich dennoch deutlich unterstellt wird. Ukrainer gab es sowohl unter den Bolschewisten als auch beim KGB zu genüge. Gänzlich unverständlich ist die Verherrlichung der ganz und gar nicht eindeutigen Aktivitäten ukrainischer Nationalisten zur Zeit des Zweiten Weltkrieges, die mal mit den Nazis kooperierten, mal gegen sie kämpften. Die Wahlen haben gezeigt, dass dieses ganze nationalistische Gehabe lediglich die 6% Wähler interessiert, die für den ehemaligen Präsidenten gestimmt haben. Dies aber ist genau der Wählerkreis aus jener bereits erwähnten westlichen Region. Alle übrigen Wähler gaben mehr pragmatischeren Politikern den Vorzug, deren Interesse mehr der Gegenwart als der Vergangenheit gilt. Haben sich das Land und das Verhältnis der übrigen Welt zu ihm in den fünf Jahren verändert? Definitiv. Noch vor fünf Jahren kannte man in Europa nur die Brüder Klitschko. Heute berichten alle wichtigen europäischen Sender über das Geschehen in dem für seine Skandale bekannt gewordenen Land. Ich bin mir nicht sicher, ob es diese Art von Bekanntheit ist, die die ukrainische Elite erreichen wollte. Der scheidende Präsident Viktor Juschtschenko hat sein Ziel, die Ukraine an Europa heranzuführen, leider nicht erreicht. Der Grund ist einfach: Er ging zu dilettantisch vor. Er bemühte sich, diese Annäherung auf dem Wege der Distanzierung zu Russland zu erreichen und ließ keine Möglichkeit aus, dies auch zu zeigen. Das hat niemandem gefallen, weder Europa noch Russland noch den Bürgern der Ukraine. Darum hat er im Endeffekt auch nichts erreichen können. Die fünf Jahre Amtszeit Juschtschenkos waren eine Zeit der Pressefreiheit und der Transparenz. Wird es dem Land gelingen, wenigstens dieses Erbe zu bewahren? Es ist schwierig, irgendwelche Prognosen zu machen. Vor 20 Jahren gab es auch in Moskau nicht weniger Meinungsfreiheit. Doch wo ist sie jetzt? Und wen interessiert das überhaupt? Die 75% der zu den Wahlen erschienenen Wähler haben gezeigt, dass ihnen die Zukunft ihres Landes nicht gleichgültig ist. Dies ist das optimistischste Fazit der Präsidentenwahlen. Wenn den Ukrainern ihr Land wichtig ist, dann werden sie es auch nach vorn bringen. Einfach wird das aber nicht sein. März 2010 |
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