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Von großen Worten und Verbrechern Wladimir Kunow Übersetzer Alexander Sauter |
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Einst wurden große Worte von Königen gesprochen. Mit ihnen zusammen gingen sie dann in die Geschichte ein. Im 20. Jahrhundert wurden berühmte Leitsprüche von politischen Führern verkündet. „Vorwärts zum Sieg des Kommunismus! No pasarán! Heil!“ – in solche und ähnliche Parolen zwängten verschiedene Führer verschiedener Länder und verschiedener Zeiten den Lebensstil von Millionen ihrer Mitbürger. Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts wird in Russland unter den verschiedensten Parolen der Kampf gegen Kriminelle geführt. „Der Kampf gegen das Verbrechen hat begonnen“, verkündete damals der erste Präsident Russlands nach einigen Jahren seiner Amtszeit. Er sagte dies nicht nur so, er machte auch ein strenges Gesicht dazu. Und nicht nur ein strenges. Ein drohendes. Was hatte das nur zu bedeuten? Ein bekannter Politiker hat es uns erklärt: „Er lehrt Kriminellen das Fürchten“. Er hat dies mit einem ironischen Unterton erklärt, so, als würde er spötteln. Doch das hat er umsonst getan, denn die Worte des Präsidenten waren bezeichnende Worte. Sie gaben zu verstehen, dass es der Obrigkeit gelungen war, ihre Autorität zu festigen. Zuvor war sie in Machtkämpfe mit der Vorgängerin verstrickt, während im Land selbst Macht- und Gesetzlosigkeit herrschten. Aber keine Bange, ein freier Platz bleibt nie lange unbesetzt. Das Vakuum wurde recht schnell von der organisierten Kriminalität aufgefüllt. Der Präsident hatte ja schließlich erklärt, dass die politische Führung einen neuen Feind hat. Ein Mensch, der vorhat, Verbrechen zu begehen, sollte nicht gerade ängstlich sein, denn schließlich ist der Beruf des Verbrechers nicht unbedingt etwas für Leute mit schwachen Nerven. Darum waren es auch nicht wirklich viele, die sich Angst einjagen ließen. Aber es gab auch solche. Und diese beeilten sich, die Fronten zu wechseln und zur Miliz überzulaufen. Das ist sicherer. Man hat eine Uniform, Schulterklappen drauf, ein festes Einkommen. Ein kleines zwar, doch ein Stück Brot für die Familie ist immer drin. Und dann sind da ja auch noch die Kontakte von früher, die sorgen zusätzlich zum Brot für Butter und Kaviar. Die ganz Harten unter ihnen wechselten in die Wirtschaft. Denn Unternehmen brauchen, wie jedermann weiß, ein „schützendes Dach über dem Kopf“. Und auch hier sind wieder die alten Kontakte und Verbindungen zur Stelle. Für das schützende Dach sorgen hier Banditen, dort die Miliz, je nach dem, welche regionalen Traditionen und Bedingungen gerade vorherrschen. Auf diese Weise wurden sie nach dem erfolgten Generationenwechsel an den Machtschaltern des Staates in das System integriert. Den gesundheitlich angeschlagenen ersten Präsidenten ersetze der zweite, kleiner zwar von Wuchs, dafür aber jünger und kräftiger. Dieser zweite hat ein neues Schlagwort ins Spiel gebracht: „Kalt machen! Wenn’s sein muss, auch auf dem Lokus“. Eine Ankündigung, die schon wesentlich unmissverständlicher ist als die vorherigen. Und härter. Kalt gemacht hat man viele und nicht unbedingt alle auf dem Lokus. Einige hat man in Großbritannien erwischt, andere in den Arabischen Emiraten. Wie könnte es auch anders sein: Schließlich leben ja noch die großen Traditionen der postrevolutionären Tscheka und des KGB der Nachkriegszeit. „Wir haben lange Arme“, wie es damals so schön hieß. „Kalt machen“ – das bezieht sich auf die besonders lästigen Fälle. Dann gibt es da aber noch die Kategorie der oppositionellen Intellektuellen, der Gauner, der (nicht registrierten) Prostituierten usw. usf. Einen ernsthaften Schaden können diese den Machthabenden zwar nicht zufügen, aber dennoch stören sie irgendwie: Ständig wuseln sie einem um die Füße, flimmern dauernd vor den Augen, gehen einfach auf die Nerven. Doch es gibt auch für solche Fälle eine alte Tradition – „101km“ ohne Wenn und Aber und viel Federlesens tätig werden. (Zu Sowjetzeiten durften solche „missliebigen und unzuverlässigen Elemente“ wie etwa Prostituierte beim Verbot des Lebens in Moskau nur in Orten, die sich in der Entfernung von 101 km und weiter von der Hauptstadt befanden. Anm. der Red.). So hatte man früher verfahren, in rauen vergangenen Zeiten. Heute soll dagegen alles möglichst nach Gesetz und Ordnung zugehen. Darum hat der dritte Präsident bereits für ein entsprechendes Gesetz gesorgt: Möglichst weit weg mit solchen Personen. Eine passende Parole hat er sich allerdings noch nicht einfallen lassen. Ganz nebenbei hat er auch das Problem mit der Miliz gelöst. Diesmal aber nicht per Gesetz, sondern per Verordnung, denn das reicht in einem solchen Falle völlig. Seine Lösung: Weniger Angestellte, höhere Löhne. Wenn aber die Löhne steigen, so ist auch das passende Schlagwort schnell gefunden: „Selbstlose und Uneigennützige, ab zur Miliz!“. Aber auch das ist ja nichts Neues. Schon im vorigen Jahrhundert scherzten Satiriker gerne: „Nicht um des Eigennutzes willen…“ Mit einem Wort, wie der ehemalige russische Premierminister neulich die Welt wissen ließ: „Wir wollten nur das Beste…“ Ob es wohl am Ende nicht doch nur wie immer ausfällt?
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