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Mit den Augen der GUS-Auswanderer gesehen:
Wählen!
Wladimir Kunow Übersetzerin Anneke Sittner |
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Das Wort „Wahl“ ist ziemlich mehrdeutig. Sogar in direktem Sinne hat das Wort viele Bedeutungen, bzw. das, was mit diesem Wort gemeint wird. Einerseits ist Wahl manchmal ein schweres Problem, nämlich in dem Fall, wenn es mehrere oder wenigstens zwei Varianten zu Auswahl stehen. Es gibt zum Beispiel eine orientalische Geschichte über einen Bauer, der zwei Hähne in seinem Hühnerstall besaß: einen Weißen und einen Roten. Die Hähne verrichteten friedlich und erfolgreich ihre Hahnenpflichte den Hühnern gegenüber und erstaunlicherweise waren sogar dicke Freunde. Doch zwei Hähne im Hühnerstall sind zu viel, einer reicht vollkommen. Der Bauer hat sich entschieden einen von ihnen zu schlachten und zu braten, doch welchen von den beiden? Wenn man den Roten schlachtet, wird der Weiße traurig, den Weißen… dann der Rote wird sich langweilen. Ein Weiser, den der Bauer um Rat gefragt hat, entschied nach langen Überlegungen: „den Roten schlachten“. „Aber der Weißer wird sich dann ja langweilen!“ „Na und… soll er sich langweilen“. Das ist ein hervorragendes Lösungsbeispiel für die „Qual der Wahl“. Die Mehrheit der Wähler in den demokratischen Ländern trifft ihre Wahl nach genau dem gleichen Prinzip. Und wie könnte das auch sonst anders sein? In der Regel kennt der Wähler den Wahlkandidaten nicht persönlich und ist nur mit seinen öffentlichen Reden bekannt. Und sie sind weit nicht immer oder, besser gesagt, so gut wie nie ehrlich gemeint. Bewusst beteiligen sich an der Wahl nur die Professionellen, für welche die Politik ihr eigentlicher Job ist. Sie wissen natürlich wie man sich entscheiden muss. Für alle andere, die nicht mit den Kandidaten selbst, sondern nur mit ihrem Image bekannt sind, bleiben nur zwei Lösungen des Problems: entweder sich gar nicht beteiligen, oder dem Hahnprinzip des orientalischen Weisen folgen. Die Entscheidung wird am Ende nicht in der Abhängigkeit von den persönlichen Eigenschaften des Kandidaten getroffen, sondern nach dem Charakter und Stimmung des Wählers. Andererseits fällt die Wahl manchmal gar nicht so schwer. Solche Beispiele gibt es genug. Und die Summe von solchen „vereinfachten“ Wählern ist immer noch größer als derjenigen, die in demokratischen Ländern leben, also von den „komplizierten“ Wählern. Allein in China gibt es mehr Einwohner als in gesamten Europa, USA und Kanada. Ein solcher Wähler braucht sich keine Mühe zu geben. Man sagt zu ihm: da ist deine Wahl, nur die allein. Dem Autor dieses Artikels wurde es gewährt an solchen problemlosen Wahlen teilzunehmen. Der Kandidat war immer nur ein einziger, der Auserwählte. Er hat sich nie selbst ernannt. Er vertrat allerdings eine ziemlich seltsame Organisation: einen Block. Einen Parteiblock (es gab nur eine davon, dafür aber groß geschrieben), sowie auch den Block der Parteilosen. D.h. aller. Uns aller. Der Wähler war verpflichtet zu kommen. Das war so etwas wie staatliche Pflicht. Und es gab die Verantwortlichen, die für die Erscheinung der anderen sorgen mussten. Falls man vergisst zu kommen – helfen sie einem auf die Sprünge. Also, lieber freiwillig kommen, so ist es für alle angenehmer und beruhigender. In dem Wahllokal erhielt man einen Wahlzettel. Die(der) Auserwählte(r) wurde dort schon angekreuzt. Es gab allerdings eine Kabine und sogar einen Stift dabei. Man konnte dort herein gehen und den Kandidaten streichen. Das ging, aber… Die Wahlkommission sieht, wohin man geht. Und man spürt diesen Blick im Rücken. Deutlich. Muss man sich noch solche Probleme anlegen? Also, lieber gar nicht in die Kabine gehen, sondern den sauberen Wahlzettel gleich einwerfen. Ein sauberer Wahlzettel bedeutet „pro“. Das war‘s. Die Wahlen sind stattgefunden. Nun kann man zum Buffet gehen und die Mangelwaren genießen. So waren die problemlosen Wahlen in Sowjetunion. Dieser problemlose Staat existierte in 20. Jahrhundert fast 70 Jahre lang. Heute gibt es ihn nicht mehr. Sein Nachfolger ist Russland geworden, das erfolgreich die historisch-patriotischen Traditionen der Väter wiederherstellt. In Rahmen der zeitgenössischen Bedingungen. Eine Weile dauerte eine chaotische Phase des Zerfalls. Doch nach 20 Jahren wird alles wieder geregelt. Der Block der Partei und der Parteilosen ist wieder errichtet. Doch nach der heutigen Tendenz ist sein Name nicht mehr amorph – Block, sondern entschieden – Front. Selbstverständlich wird Volksfront gemeint, wie denn sonst. Das Problem der Teilnahme, das einst dem bestimmten Teil der Bevölkerung so viele Kopfschmerzen bereitete, wurde gelöst. Wenn man will, kommt man, wenn nicht, dann nicht. Freiheit! Sogar noch besser. Man sollte lieber nicht kommen, so ist für alle ruhiger. Das ist legitimiert. Es ist unwichtig, wie viele kommen. Für die Desinteressierten werden die Interessierten entscheiden. Leider gibt es keinen Eisernen Vorhang mehr und nun kommen die Korrespondenten von Ausland, mit Fotokameras… Man muss noch den Anschein bewahren. Neulich wurden die modernen Musterwahlen organisiert. An dem Wahltag wurden die Kursanten einer Offiziersschule mobilisiert, in Zivil verkleidet (immerhin war es am Sonntag). Die Kursanten wählten solange, bis die Urnen gefüllt wurden. Ist das nicht schön? Eine sehr raffinierte Lösung. Was ist dann mit Kandidaten? Da ist alles einfach. Das ist der Auserwählte von dem Block, bzw. von dem Front und dazu einige Statisten. Nicht jeder wird dafür gewählt, nur die passenden. Der „für“-Prozent des Auserwählten variiert. Damit es überzeugend aussieht. Das können 96% sein… oder noch besser 97%... auf jeden Fall über 90%, doch um nicht zu übertreiben – unter 100%. Und noch etwas. Verschiedene Beobachter und Rechtenverteidiger sollten die normale Arbeit nicht stören. Sie können mit Abstand zuschauen, doch in den Prozess sollten sie sich nicht einmischen. Damit die Eifrigen über die gefüllten Urnen bei der geringen Teilnehmerzahl nicht staunen, kann man die Kursanten vom Ausgang zurück zum Eingang schicken. Wenn die besonders Aufmerksamen sie wiedererkennen, kann man ihnen einfach überzeugend erklären, dass die Russen für Ausländer alle gleich aussehen, alle wie aus einem Guss. Das ist aber alles Desinformation und Verleumdung über die reine und sogar sterile Demokratie. Oktober 2011 |
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