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Mit den Augen der GUS-Auswanderer gesehen:
Wohin bewegen sich Migranten? Vadym Karliner Übersetzerin Anneke Sittner
Leben ist Bewegung und ohne Bewegung findet Leben nicht statt. M. Feldenkrais |
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Vor nicht so langer Zeit stellten die Gelehrten verschiedener Fachdisziplinen (Genetik, Geschichte, Philologie, Archäologie) fest, dass die ganze heutige Menschheit von einer relativ kleinen Völkerschaft abstammt, die bis heute einige Gebiete in Zentralafrika bewohnt. Der Anfangspunkt, wann der Stamm den ganzen Planet zu kolonisieren begann, wird mit 74 Jahrtausenden zurückdatiert; d.h. es ist gar nicht so lange her. Die Emigranten dieses Stammes bewegten sich in Richtung Nordafrika, später nach Nahost, Asien, Europa und schließlich Amerika. Die 74 Jahrtausende sind natürlich nur in astronomischen Dimensionen eine kurze Zeitspanne. Ein menschliches Gedächtnis konnte diese Ereignisse nicht bewahren. Doch in der uns näher liegenden Geschichte ging die Bewegung der einzelnen Menschen sowie ganzer Völker weiter. In den letzten Jahrhunderten wird sie auch noch schneller: Die Bevölkerungszahlen sind viel größer geworden, und die Verkehrsmittel verbesserten sich unvergleichlich. In der Periode des frühen Mittelalters bewegten sich von Osten nach Europa die Horden asiatischer Nomaden. Sie unterwarfen nach und nach die westlichen Völker und vermischten sich selbst mit den Unterworfenen. Das vom aktivsten Teil der Menschheit besiedelte Europa (auch durch Immigranten und ihre Nachkommen entwickelt) formte sich allmählich zum Zentrum der menschlichen Zivilisation. Doch, es gibt nichts Ewiges in dieser Welt. In der Neuzeit änderte sich allmählich die Richtung der Migration. Europa wird überbevölkert und verliert seinen Reiz. Man flieht weiter nach Westen: nach Amerika. Die Emigranten besiedeln Südamerika und vermischen sich mit der einheimischen Bevölkerung. Auf dem nordamerikanischen Kontinent wird die einheimische Bevölkerung in Zuge der Kolonisierung fast ganz ausgerottet. Die neuen Amerikaner gründeten eigene Staaten. Dabei wurde der nordamerikanische Teil in dem letzten Jahrhundert zu dem bestentwickelten und einflussreichsten Staat der Welt. Selbstverständlich war eine einheitliche Migrationsbewegung von Ost nach West in diesem chaotischen Prozess nicht möglich. Ein Teil der Europäer, darunter auch Deutsche, wanderte nach Osten und leistete auch einen Beitrag zu Entwicklung Russlands. Deutsche stiegen in Russland zu Elite auf, standen sogar manchmal in Kontakt zur Zarenfamilie und kolonisierten außerdem neue Territorien, wo sie später heimisch wurden. Andererseits ging von Russland aus auch eine von der Regierung geförderte Bewegung nach Süden und Osten: nach Asien und weiter zur Westküste Amerikas. In Asien bedrängten Russen die größten asiatischen Länder: Türkei, Persien (Iran) und China. Die kleineren unterwarfen sie und stolperten nur über die gut entwickelten Kolonisten in dem fernen Amerika und über die Japaner. Die anderen Europäer (Engländer, Holländer, Französen) bewegten sich auch nach Osten, nur etwas südlicher, und eroberten fast ganz Asien, Afrika und sogar das ferne Australien. Allerdings ist heute klar geworden, dass diese Richtung in eine Sackgasse führte. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mussten die Europäer fast alle ihre eroberten Territorien aufgeben, abgesehen von Australien, wo es kaum einheimische Bevölkerung gab, und Neuseeland, wo die europäischen Einwanderer sich mit den Einheimischen vermischten. Zuletzt sind am Ende des 20. Jahrhunderts die Deutschen in ihre historische Heimat zurückgekehrt. Später als alle andere, einfach weil man sie früher nicht gehen ließ. Die Zahl der russischen Einwanderer hat sich in Zentralasien und in Sibirien rasant verringert. Die russische Regierung, stolz auf ihre Territorien (vielleicht weil es sonst wenig gibt, worauf man stolz sein könnte), hat ohne überflüssige Werbung die Südasiaten eingeladen zur Kultivierung der leeren russisch-asiatischen Flächen. Wenn man die Tatsache berücksichtigt, dass das benachbarte China mit seiner Bevölkerung Russland um das10-fache übertrifft, kann man sich die Perspektive der Zukunft ausmalen. Am Ende des 20. Jahrhunderts ist der Begriff „Westen“ bzw. „die Goldene Milliarde“ entstanden. Der schließt in sich sowohl Europa als auch seine Abkömmlinge ein und versteht sich als bestentwickelten Teil der Planetenbevölkerung. Doch schon am Anfang des 21. Jahrhunderts entstand die Meinung, dass dies nicht mehr lange dauern würde. Die westliche Bevölkerung verlernte es, hart und lange zu arbeiten. Seit sie reich wurde, hat sie die Möglichkeit bekommen, für die schweren unqualifizierten Arbeiten die Arbeitskräfte aus ärmeren Ländern zu beziehen. Daraus ist nichts Gutes geworden. Schon die nächste Generation der eingewanderten Arbeitsnehmer lässt sich kaum assimilieren, verzichtet auf die „gemeine“ Arbeit und konkurriert aktiv mit den Einheimischen, oder, bei erfolgloser Integration, lehnt sich auf und stiftet Unruhe. Beides ist ein unerwartetes Ergebnis. Aber ohne diese unruhigen Neuankömmlinge kommt man noch nicht aus. Und dazu ist es auch schon zu spät, sie sind schon da. Aber auch das ist nicht das Wichtigste. Eine große Rolle im Leben spielt nicht die Arbeit sondern das Spiel, ein künstlich entstandenes Spiel, das das Leben der Menschen bestimmt. Was sind Geld, Banken und Börsen? Wie kann sich der Wert der riesigen Unternehmen innerhalb weniger Tage rasant ändern? Wohin verschwinden Milliarden und Trillionen (!) Dollars, wenn bei der Börse der Kurs sinkt? Eindeutig ist das alles ein Spiel mit eigenen Spielregeln, und diejenigen, die sich damit beschäftigen, heißen auch Spieler. Doch als Ergebnis dieses Spiels können Millionen Menschen plötzlich ohne Heim und ohne ihre Autos sein, und… na ja, zwar nicht verhungern, aber immerhin auf dem sozialen Unterboden landen. Und das soziale System wird dabei als erstes geschwächt. Die Gesellschaft wird mit Hilfe eines eigenartigen und dazu noch unseriös-spielerischen Finanzsystems organisiert. Das ist bequem. Es ist bequem, ein kleines Plastikkärtchen in ein Gerät einzustecken, eine simple Code einzutippen und… alles für das Leben notwendige zu bekommen: Lebensmittel, Kleidung, Möbel usw. Besonders bequem ist es. etwas absolut Reales, Materielles angeblich umsonst zu bekommen, auf Kredit. Doch ab und zu verhakt sich das System, und um es wieder ins Laufen zu bringen, wird es die Bevölkerung einige Schmerzen kosten. Das soziale System wird dann einfach ignoriert; die Erwerbsfähigen überleben ja selbst in der Not. Die älteren Menschen in verschiedenen Ländern haben schon erlebt, wie sich etwas, was ihnen kostbar zu sein schien, in das zurück verwandelte, was es in Wirklichkeit war: geschnittenes Papier mit undeutlichen Bildchen. Und ein solides Sparkonto in der Bank wurde einfach zum Mythos, zu einem Märchen für Erwachsene. Die noch Älteren haben das mehr als einmal erlebt. Nach dem Zweiten Weltkrieg geschah so etwas nur in einzelnen Ländern, doch heute droht uns offensichtlich eine globale Krise. In den letzten 20 Jahren hat sich die Lebensqualität eines Erwerbtätigens nicht verbessert, während die Lebensqualität der Sozialschwachen noch wesentlich schlechter geworden ist. Wo sind die Ergebnisse der Arbeit geblieben? Es ist bekannt, dass der Reichtum der Banken und der Reichen größer wurde. Was heißt das? Was heißt es, wenn ein Milliardär nun eine Milliarde mehr hat? Schon wieder das Spiel? Doch eine reale Arbeit muss ein reales Ergebnis haben. So ist das. Und irgendwo im Südosten Asiens sind neue Betriebe mit der neusten europäisch-amerikanischen Ausrüstung entstanden. Die Herstellung verlässt die Industrieländer. Zuerst hat man Emigranten eingeladen, nun ziehen die Unternehmen selbst in die osteuropäischen bzw. in asiatische Länder. In Deutschland, dem wirtschaftlich bedeutendsten Land Europas, ist das wohl bekannt. Das alles sind deutliche Zeichen des Unterganges. Europa, wohin eilst du wieder? Wenn Spaß zum Lebensziel werden soll, dann kennt Geschichte traurige Beispiele für solche Zivilisationen. Ein gutes Ende hat das nie gehabt. Wird man das überstehen? Es gibt noch keine Antwort. Oktober 2011 |
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