Mit den Augen der GUS-Auswanderer gesehen:

 

Zeiten wählt man nicht

Zum 20. Jahrestag des Zerfalls eines Reiches

Vadym Karliner

Übersetzerin Anneke Sittner

Zeiten wählt man nicht,

man lebt und stirbt in ihnen.

Die größte Dummheit der Welt

sind Jammer und Klagen darüber.

Als ob man die gegen die anderen

Ähnlich wie auf dem Markt tauschen kann.

Alexander Kuschner

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Viele derjenigen, die in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts geboren wurden, lebten nicht lange. Der Krieg zwischen den Ländern, Kriege innerhalb der Länder, Hungersnöte, Krankheiten gehörten für sie nicht zum Bereich abstrakter Begriffe, sondern stellten Realität dar. Da starben Mütter und ihre Säuglinge, Kinder und Jugendliche, die Jüngeren und die Älteren. Erwachsene starben, ohne alt zu werden, die vom Leben ermatteten Alten siechten schnell dahin. Ein solches Schicksal war normal für fast die ganze Bevölkerung europäischer Länder, doch eine besonders düstere Seite der Geschichte sollten Deutschland, Polen und die Sowjetunion erleben.

Was haben denn Bürger von Europa damals vom Leben erwartet? Kinder, wo  auch immer sie aufwuchsen, spielten begeistert Krieg. Er war für sie etwas Normales, sie haben ja nie etwas anderes erlebt. Die 17-20jährigen Jugendlichen, deren Altersgenossen heutzutage noch zur Schule gehen, spielten nicht mehr, sondern machten den Krieg richtig mit, bis sie getötet wurden. Sie gingen, ohne einmal andere „Zeiten“ und anderes Leben gesehen zu haben.

Diejenigen, die in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts geboren wurden, lebten schon in der Nachkriegszeit, in den relativ stabilen Systemen. Und es schien ihnen, dass dies so immer bleiben würde. Natürlich wussten sie, dass vor ihrer Geburt andere, ungewöhnliche und sogar erschreckende Geschehnissen passiert waren. Doch für die neue Generation war das alles nur Geschichte, Literatur, spannender Film. Das war nicht ihr, sondern ein fremdes Leben. Diejenigen, denen es gelungen war, es aus der ersten blutigen Hälfte des Jahrhunderts  in die zweite zu schaffen, haben sich allmählich an den mehr oder weniger geregelten und gesicherten Alltag gewöhnt. Und es schien ihnen auch, dass alles immer so weiter läuft.

Alle (oder fast alle) nahmen und nehmen immer noch die Lebensumstände als etwas Vorgegebenes, Unerschütterliches hin. Und die jungen Leute versuchen einfach, ihren Platz in der gegebenen Lebensordnung zu finden. So ist das Leben in jedem mehr oder weniger stabilen Staat. Junge Menschen eignen sich einen Beruf an, gründen eine Familie; die etwas Aktiveren machen noch eine Karriere dazu. So allgemein gesehen unterscheidet sich das Leben in verschiedenen Ländern nicht wesentlich. Nur das politische System unterscheidet sich.

Der Autor der Strophen, die für unser Epigraph gewählt wurden, lebte in Sowjetunion. Das Leben der Bevölkerung war ziemlich streng reglementiert, was seinerseits den etwas Aktiveren nicht gefallen hat. Für die weniger Aktiven war das im Gegenteil von Vorteil. Es gab viele Militärangestellte, und fast der ganze Rest der Bevölkerung arbeitete in den Betrieben, die zur Militärversorgung bestimmt waren. Es war allerdings auffällig, dass das Leben an seiner materiellen Seite etwas ärmlich aussah, im Vergleich zu den anderen Ländern. Das hat, um es ehrlich zu sagen, einen allgemeinen Neid gegenüber den anderen, den Satten und Zufriedenen hervorgerufen. So satt haben sie wenigstens aus der Ferne ausgesehen. Doch auch das akzeptierte man als eine notwendige Gegebenheit. Außerdem hatte die dünne Schicht, die alles kontrollierte, sowieso eine strenge Ordnung aufrechterhalten.

Einen richtigen moralischen Diskomfort empfanden jedoch die Menschen der kreativen und intellektuellen Berufe: Künstler, Wissenschaftler und diejenigen, die sich einfach für Politik interessierten. Ich will unterstreichen, dass gerade in dieser Minderheit jeder auf seine Weise Geschichte macht. Das harte politische System ist für die Kreativität nicht besonders förderlich, ganz im Gegenteil. Die Regierung fürchtet sich vor allem, was aus der Reihe tanzt, jede individuelle Initiative wird unterdrückt, die Menschen werden im strengen Rahmen der Mittelmäßigkeit gehalten.

Sicher ist das sehr verallgemeinert. Es gab einzelne Ausläufer und Ausnahmen, doch der Regierung ist es jedes Mal gelungen, die Leistungen jener als ihre eigenen Errungenschaften darzustellen, während die wirklichen Autoren im Unbekannten gehalten wurden. Falls jemand nicht einverstanden war, wurde er unterdrückt oder vertrieben. Und obwohl die meisten mit der existierenden Ordnung und der Armut unzufrieden waren, hielt die gleiche Mehrheit das System trotzdem für etwas Unumgängliches.

Ein Klassiker sagte einst: „Eine lebende Regierung ist dem Pöbel verhasst“. Das Wort Hass ist vielleicht eine Übertreibung, doch immerhin ist ein derart negatives Gefühl eine fast absolute Wahrheit für alle Länder und Völker. Als einige Ausnahmen können gelten: Populäre Politiker, die sich durch erfolgreiche Tätigkeiten auszeichnen. Doch diese Ausnahmen sind selten und kurzlebig, die zuvor genannte allgemeine Regel hingegen galt aber zweifellos auch für die Sowjetunion. Die Regierung war unbeliebt, und während der Krisenzeit ist sie auch verhasst geworden. Aber…

Eine winzige Minderheit, die Dissidenten, versuchte, etwas zu beeinflussen, etwas zu ändern. Sie genoss sogar einige Sympathien und Verständnis. Aber das war´s auch schon. Praktische Versuche, etwas zu ändern, hat niemand unternommen. Die Dissidenten wurden eingesperrt, bzw. durften mit Erlaubnis das Land verlassen. Die viele tausend Kilometer lange Grenze wurde sicher kontrolliert, am Land und auf dem Wasser. Und ohne Erlaubnis gelang es nur einigen wenigen, sie zu überqueren.

Ich wiederhole: Der Staat behielt die Bevölkerung fest im Griff, was für die Bevölkerung unvermeidlich zu sein schien. So nämlich schreibt es der Autor in dem Epigraph. Wirkliche Versuche, das System zu ändern, gab es weder von innen noch von außen.

Die Regierung selbst hat den Staat zugrunde gerichtet, im Kampf zwischen den mehreren Regierungsgruppierungen. Der Kampf dauerte einige Jahre und erreichte den Höhepunkt in der Hauptstadt vor 20 Jahren, vom 19. bis 21. August 1991. Das Ereignis hat man nicht gleich begriffen. Genauso wie im Jahr 1917. Damals unterstellten sich alle Militäreinheiten in der Hauptstadt der neuen Regierung, doch die Nachricht von der Gründung eines neuen Staates wurde erst einige Monate später verbreitet. Genauso geschah es im Jahre 1991: Erst im Dezember wurde verkündet, dass Sowjetunion nicht mehr existiert.

Ein Versuch die Macht wiederherzustellen, unternahm gleich eine neue Regierungsgruppe. Und solche Versuche dauern nun schon seit 20 Jahren. Der Autor des Epigraphs wohnt dort wie früher, doch sein Sohn hat das Land verlassen… Ganz auf legale Weise… Offensichtlich hat sich das System in den ehemaligen Sowjetländern wirklich geändert.

August 2011

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