Genauer zielen!

Die traurigen Gedanken

Wladimir Kunow

Übersetzerin Anneke Sittner

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Wenn ein Kannibale anfängt sich eines Messers und Gabel zu bedienen, wird das ein Zeugnis des Fortschritts sein?

Stanisław Jerzy Lec

 

Unser Gegner betrügt uns!

Aus dem Film „Fanfan la Tulipe“

 

Menschen, in deren Händen Macht liegt, verfügen in der Regel über ähnliche und dabei etwas fade Vorstellungskraft.

Efraim Sevela

Wir haben immer Kriege geführt, heute wie früher. So war es immer und so wird es bleiben, es gibt leider keine anderen realistischen Aussichten. Das ist einfach eine historische Tatsache, egal was da die Pazifisten lallen. Jedes Lehrbuch für Geschichte, in jedem Land und in jeder Weltregion, ist die Geschichte der Kriege. Sogar wenn es manchmal für eine Weile Frieden gab, bedeutete es nur, dass nach einigen Jahren ein nächster Krieg entfacht wurde, noch blutiger als zuvor – die technische Entwicklung schreitet doch fort. Die chronologischen Nachschlagwerke bestehen aus den Daten von Feldzügen, Schlachten, etwas seltener von Revolutionen. Dazu noch die Daten der großen Heerführer, d.h. derjenigen, die besonders viele ermordet haben. Ein Krieg ist nichts Extraordinäres, das ist nur eine Art zu überleben. Ein Kampf läuft innerhalb der Gattung, mit dem Ziel den Konkurrenten zu bekämpfen, zu verjagen, zu töten, schließlich zu essen. Und der Sieger ist immer im Recht, der aufgegessene Besiegte aber kann nichts mehr einwenden.

In unseren Tagen werden die Besiegten nur selten als Verpflegung verwendet, die zivilisierten Sieger haben in der Regel genug Proviant. Doch hat Kannibalismus aufgehört zu existieren? (sieh Epigraph № 1)… Obwohl er in den armen, am Verhungern liegenden und von Zivilisation bisher verschonten Regionen  nicht ausgeschlossen ist, liegen die kriegerischen Ziele der fortgeschrittenen Länder, die ihre eigenen Probleme mit der Nahrungsversorgung gelöst haben, viel höher. Wörtlich gesehen. Sie kämpfen, um sich über den anderen zu erheben. Je mehr man gesiegt und getötet hat, desto imposanter wird man. Und erhabener.

Um einen Sieg zu erringen, musste man früher aufs Risiko gehen, Mut zeigen. In der Weltgeschichte sind die Heldentaten der großen Heerführer bekannt: Alexander der Große stürzte sich mit seinem Ross in die Mitte der Schlacht, Napoleon stürmte mit der Fahne vor, Suworow stand mit seinem Degen mitten im Gefecht usw. Nun ist das nicht mehr vonnöten. Der Heerführer ist sicher versteckt und verborgen, er befiehlt nur.

Allerdings fordert die Natur ihren Tribut, und sogar die Größten müssen ab und zu nicht nur spekulativ töten, von ihrem Bunker aus, sondern auch selbst schießen – zum Spaß. Dafür gibt es eine spielerische Version des Krieges – die Jagd. Einst waren auch für die Jagd Mut und außerordentliches Können erforderlich. Die Zivilisation hat diese Beschäftigung verharmlost. Der majestätische Jäger wartet einfach eine Weile an einem sicheren Ort, wo er auf alle Fälle noch zusätzlich abgesichert wird. Und das gejagte Tier läuft ihm vor die Waffe, oft sogar eine Fernrohrwaffe. Es wäre schwer, das Ziel zu verfehlen. Es sei denn, nach einem guten Abendessen mit reichlich flüssigen Konsum kann man einen solchen Schuss vermasseln: die Hände zittern.

Doch jetzt geht es nicht um die Jagd. Jagd ist ein Spiel, – wir reden aber von etwas Ernstem. Ein Krieg wird gebraucht, doch wo ist der Gegner? (sieh Epigraph №2).

Vor 20 Jahren ist etwas Unerwartetes passiert. Nichts hat auf eine Katastrophe hingedeutet. Das reichste Land der Welt hat beinahe ein Viertel seines Potentials für den Krieg aufgebracht. Ihm widerstand ein anderes, etwa zehnmal ärmeres Land, das aber ausschließlich für den Krieg arbeitete. Ein Institutsdirektor seiner Geschichte erläuterte neulich: für den Krieg wurde 85% aller Produkte hergestellt. Das heißt: Nicht weniger als 85%, - für die Bevölkerung blieb  der Rest, der Null sehr nahe. Doch das arme Land hat plötzlich gegen die Regel verstoßen und erklärt, dass es in dem Krieg nicht mehr mitspielt. Und sein neuer Präsident erklärte, die Raketen, die es schon gebe, werden auf anderen Kurs gerichtet. Bloß auf welchen? Ist nicht so wichtig! Hauptsache, der Gegner ist kein Gegner mehr. Unerhört. So ist die größte Katastrophe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts passiert.

Zuvor hatten Tausende von Wissenschaftlern, Managern, Unternehmern, Ingenieuren und Angestellten die fortschrittlichsten und effektivsten Waffen geschmiedet, unterstützt von den Politikern beider Staaten. Und nun? Nicht, dass die Kriege völlig eingestellt worden sind, das könnte nie passieren. Doch der logische Zeitablauf wurde unterbrochen. Man kämpft wie früher, allerdings nicht gegen einander, sondern irgendwie jeder für sich. Im Inneren. Das ist natürlich immerhin etwas, doch bei weitem nicht das Richtige. Das Verhältnis ist zu klein. In der Regel kommen nur  einzelne Menschen pro Tag um, manchmal vielleicht auch zehnmal so viele. Aber eigentlich sollten es Tausende und Zehntausende sein. Der Fortschritt lässt das zu. Doch es wird aber nicht gebraucht. Es gibt keinen vernünftigen Gegner.

Nach der Katastrophe in dem reichen Land waren viele auf Arbeitslosenhilfe angewiesen, und in dem armen haben sich die Menschen an die Lebensweise ihrer Vorfahren erinnert und  angefangen, sich Gemüsegärten anzulegen. Aber langsam, Schritt für Schritt hat man Lösungen gefunden. Einige ehemalige „Schmiede“ wurden umgeschult und haben eine neue Arbeit gefunden, für die anderen haben sich neue Einsatzmöglichkeiten gefunden: Drittweltländer.  Einer der ehemaligen Gegner (ein reicher Staat) hat angefangen, seine „Spielzeuge“ zum Schutz gegen die Verbrecher zu verkaufen, der andere seine an die gleichen Verbrecher abzusetzen. Man hat versucht darüber zu reden: Wozu denn gerade Geschäfte mit den Verbrechern? Die Erklärung war deutlich: „Wer zahlt, dem verkaufen wir sie“.

Und nun sagt der gleiche Präsident  schon wieder unvermittelt: „Zielumstellung“. Was heißt das? Wieder zurück zielen? Wieder auf die gleichen? Die „Schmiede“ der Reichen haben wieder Mut gefasst. Es gibt also einen Gegner. Da ist er, der Unberechenbare! Man muss ihn umzingeln ihn und beobachten. Darauf  zur Antwort: „Wir werden aber auf die Umzingelung zielen!“

Inzwischen wurde der Präsident des reichen Landes neu gewählt. Eine neue Phase des Friedenszustands hat begonnen. Stille und Glückseligkeit. Keine Gegner mehr, man hat nichts mehr gegeneinander. Lasst uns Freunde sein… und das im Chor bejubeln: Einverstanden!

Doch was bedeutet das? Wieder wird die Arbeitslosenquote steigen? Die Lobbyisten des Reichen werden stur. Die von den gegenüberliegenden Seite auch (sieh Epigraph №3): „Wir versuchen nicht nur einzuschüchtern. Wir haben es wirklich drauf“.

Freunde oder Gegner? Das ist hier die Frage. Wir warten lieber auf einen nächsten Shakespeare, vielleicht wird er uns das deuten.

Januar 2011

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